Stockholm nach Lkw-Anschlag wie betäubt

Blumen und Kerzen im Gedenken an die Opfer des Lkw-Anschlags in Stockholm. (Bild: Reuters)

Der mutmaßliche Terroranschlag mit Toten und Verletzten hat Stockholm ins Mark getroffen. Für den Moment scheint die Stadt stillzustehen. Was vom Stadtleben übrig geblieben ist, zeugt vom Chaos zur Tatzeit.

Die aktuellen Hintergründe zur Tat

Stunden nach dem Lkw-Anschlag ist es in Stockholm unheimlich ruhig. Beliebte Nachtlokale und Restaurants im Zentrum der schwedischen Hauptstadt sind geschlossen. Das Personal der Kneipe «The Bull and Bear Inn» in der Nähe des sonst so belebten zentralen Platzes Stureplan hat am Eingang einen Hinweis hinterlassen: «Wegen der Ereignisse geschlossen». «Wir werden so schnell wir können öffnen», heißt es da. Obst- und Gemüsestände auf einem Marktplatz sind verwaist – die Früchte noch in den Auslagen. Mit Blumen gefüllte Eimer stehen zurückgelassen in der Dunkelheit.

Der schwedische Ministerpräsident Stefan Löfven legt am Anschlagsort Blumen nieder. (Bild: Reuters)

Kurz vor 15.00 Uhr war im Herzen Stockholms ein Lastwagen einer Brauerei in eine Menschenmenge gerast. Dann fuhr er in ein Kaufhaus. Laut Polizei hatte der Fahrer gerade ein Restaurant beliefern wollen, als ein Maskierter vorne in die Fahrerkabine gesprungen und mit dem Wagen weggefahren sei. Vier Menschen sterben, 15 werden verletzt. Bisher sind insgesamt zwei Männer festgenommen worden. Bei einem von ihnen handelt es sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft um einen am Freitagabend in Märsta, einer Kleinstadt im Norden von Stockholm, festgesetzten Mann, der wegen des Verdachts eines “Terroraktes” in Gewahrsam genommen wurde. Dieser Mann soll nach Aussage des Polizeisprechers die Tat begangen haben. Nach Informationen mehrerer schwedischer Medien handelt es sich um einen 39-jährigen Usbeken, der ein Anhänger der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) sein soll.

Ein weiterer Mann ist im Stockholmer Vorort Hjulsta festgenommen worden. Die Ermittler wollten sich aber nicht dazu äußern, ob die Festnahme im Zusammenhang mit dem Anschlag stehe. Am Samstag sagte Polizeisprecher Byström, der in Märsta gefasste Mann sei zum jetzigen Zeitpunkt der einzige, der offiziell beschuldigt werde. «Wir sehen keine Hinweise, dass eine Gefahr für die Allgemeinheit besteht», sagte er dem schwedischen Radiosender SR.

Was wir zum Lkw-Anschlag in Stockholm wissen – und was nicht

Die Regierung kündigt an, über Tage alle Grenzen kontrollieren zu wollen, damit mögliche Komplizen und Verdächtige nicht entkommen können. Der schwedische Ministerpräsident Stefan Löfven besucht am Freitagabend den Anschlagsort und legt Rosen nieder.

Polizei in der ganzen Stadt präsent

Die Polizei hat dazu aufgerufen, das Stadtzentrum zu meiden. Beamte in der Nähe des Tatorts in der Einkaufstraße Drottninggatan lassen nur Hotelgäste und Bewohner hinter die Absperrbänder. Zwei leere Stadtbusse mit Notbeleuchtung stehen an einer Straßenecke, die zum Kaufhaus Åhléns führt, das der gekaperte Lkw gerammt hatte. Überall in der Stadt ist die Polizei präsent. Die Einsatzkräfte fahren durch die Straßen der Stadt, viele Offiziere sind sichtbar.

Bilder aus der Innenstadt Stockholms

Einige Hundert Meter vom Åhléns-Kaufhaus entfernt machen die beiden deutschen Touristen Ulrich Mayer und Sarah Müller aus Hannover einen Abendspaziergang. Sie planten aber nicht, ihren Urlaub zu verkürzen, sagt Müller der Deutschen Presse-Agentur.

Spezialkräfte sichern den Abtransport des zerstörten Lkws. (Bild: Reuters)

Alle Metros und die lokalen Züge stehen am Freitag mehrere Stunden still. Das bereitet den Menschen große Probleme, die nach Hause wollen. Die Stadt Stockholm öffnet vorübergehend mehrere temporäre Schutzräume für Gestrandete. Auch über die sozialen Netzwerke werden – ganz informell – Unterkünfte angeboten.

«Zeichen des Trotzes» gegen den Terror

Als die Bahnen wieder fahren, telefonieren einige Fahrgäste oder sprechen leise miteinander. Andere hören internationale Medienberichte über den Angriff. Die Polizei geht zum Alltagsgeschäft über, berichtet von Körperverletzungen und Bränden. Zu dem mutmaßlichen Terroranschlag will sie sich frühestens am Samstagmorgen wieder äußern, verbreitet sie über den Kurznachrichtendienst Twitter. Wegen des internationalen Interesses auch auf Englisch.

Jenny Strandell und ihre Freundin Annika Jansson warten an einem Bahnsteig auf ihre U-Bahn. Sie hätten mehrere Stunden am Arbeitsplatz gewartet, erzählt Strandell, die als Wirtschaftsexpertin bei einer Regierungsbehörde arbeitet, der dpa. «Wir riefen unsere Freunde und Familien an, um sicherzustellen, dass sie sicher waren.» Sie hält es für wahrscheinlich, dass am Samstag viele Leute in die Drottninggatan kommen werden – als «Zeichen des Trotzes».

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