Strategien für den Weltraum: Was treiben die Supermächte im All?

Hannah Klaiber
Freie Journalistin

Rüstet sich die Nato mit ihrer Weltraum-Strategie für einen Krieg im All? Was der Beschluss des Atlantischen Bündnisses bedeutet – und welchen Fokus die anderen Supermächte im Weltraum setzen.

Im Weltall geht das Kräftemessen der verschiedenen Nationen weiter. (Bild: Getty Images)

Es gehe nicht darum, “den Weltraum zu militarisieren", sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg während des Verteidigungsministertreffens Ende Juni. Dennoch stellt sich das Atlantische Bündnis mit seiner Weltraumstrategie auf die Möglichkeit eines Krieges durch Angriffe auf Satelliten oder einen Einsatz von Waffen im All ein.

In der Notwendigkeit einer Strategie: Nato will Weltraum-Strategie beschließen

Satelliten sind für die Kommunikation bei Militäreinsätzen unabdingbar, sie werden zu Spionagezwecken und für Navigationssysteme genutzt – würden Satelliten der Nato angegriffen, würde ihre Verteidigungsfähigkeit empfindlich gefährdet. Mit Ausrufen einer Weltraum-Strategie positioniert sich die Nato als Forum zum Informationsaustausch für die 29 Mitgliedsstaaten. Weltraumwaffen, die sich auf Ziele am Boden richten, spielen in der Strategie demnach keine Rolle.

Der Beschluss einer Weltraum-Strategie kommt nicht von ungefähr

Das Hacken und Lahmlegen von Satelliten ist keine bloße Theorie, Tests zur Beeinträchtigung oder Zerstörung von Satelliten sollen bereits von russischer wie chinesischer Seite durchgeführt worden sein. Nachdem sich Ende 2017 ein russischer Satellit einem französisch-italienischen auffällig genähert hatte, handelte sich Russland den Verdacht der Spionage ein.

Doch auch die anderen Supermächte sind im All nicht gerade untätig: Im vergangenen Winter unterzeichnete US-Präsident Donald Trump ein Dekret zur Schaffung von Weltraumstreitkräften. Die Space Force als weiterer Teil der US-Streitkräfte solle eng mit dem Geheimdienst zusammenarbeiten und deren Entstehung dafür sorgen, dass “unser Volk sicher ist, dass unsere Interessen geschützt sind, und dass unsere Macht weiterhin unübertroffen bleibt“, wurde der Präsident damals von den Nachrichtenagenturen zitiert.

Ein halbes Jahr später ist diesem offen kompetitiven Ansatz noch wenig Handfestes gefolgt, zumindest nicht exklusiv aus der Feder der US-Raumfahrtbehörde. Die Nasa arbeitet mehr und mehr mit Privatunternehmen wie Elon Musks SpaceX zusammen, um die ISS zu versorgen. Solche Kooperationen haben natürlich auch militärische Komponenten: Macht sich eine SpaceX-Rakete auf den Weg ins All, werden Start und Startort von Soldaten der Air Force gemanaged.

Die Nasa arbeitet immer öfter mit privaten Unternehmen zusammen (Bild: Getty Images)

Mit großem Erfolg kann Trumps Weltraum-Offensive trotz aller Koops noch nicht glänzen: Musks SpaceX verlor eine Kapsel bei einer Explosion, Jeff Bezos’ Weltraumunternehmen Blue Origin kann noch keinen Zeitplan für seine Mondmission vorlegen. Aus Trumps Plänen geht zumindest hervor, dass der Kommandeur der Space Force aus der Air Force kommen soll. Bis 2020 soll die neue Truppe stehen.

Von Space Force bis Chang’e 4

Zumindest nach außen hin kann China in Sachen Mondmissionen mit mehr Erfolgserlebnissen punkten: Im Januar landete mit dem chinesischen Roboter "Chang'e 4" erstmals ein Raumfahrzeug auf der erdabgewandten Seite des Mondes – und China demonstrierte scheinbar mühelos seine technologische Macht.

Die historische Landung der Sonde "Chang'e 4" auf der Mond-Rückseite ist im Januar geglückt. (Bild: Getty Images)

Nicht dass so eine Landung den anderen Ländern nicht auch gelingen könnte. Doch in den USA, Russland und Europa müssen Budgets für Weltraummissionen mühsam beantragt und freigeschaufelt werden. Die neueste chinesische Mondlandung profitiert demnach von jahrelangen systematischen Vorbereitungen, Investitionen und ausgesprochen zielstrebiger Steuerung von oben, wie Christoph Seidler von "Spiegel Online" den damaligen Coup der Volksrepublik kommentierte: “Die Botschaft aus Peking: Seht her, solche Erfolge erreicht man in so kurzer Zeit nicht in demokratischen Systemen und mit Rücksicht auf Menschenrechte. Man erreicht sie nur, wenn man Projekte und Prozesse konsequent von oben steuert und vorgibt.“

Rocket Science aus Russland

Natürlich konnten weder Nasa noch die russische Raumfahrtorganisation Roskosmos den chinesischen Durchbruch unkommentiert lassen: US-Vizepräsident Mike Pence kündigte an, dass 2024 US-Astronauten zum Mond fliegen werden, aus Russland meldete sich Dmitri Rogosin zu Wort: Demnach sollen 2030 erstmals Kosmonauten den Mond betreten.

Frühjahrsputz im Weltall: Kosmonauten reinigen ISS von außen

Daneben soll ab 2028 eine Rakete größere Nutzlasten in den Mondorbit transportieren können. Wie das Programm finanziert werden soll, wurde noch nicht kommuniziert. Generell hat Roskosmos den Ruf, in finanzieller Hinsicht ein Fass ohne Boden zu sein. Zuletzt hatte Rogosin Anfang des Jahres für Schlagzeilen gesorgt, als er die Pläne für ein 300 Millionen Euro teures neues Hauptquartier seiner Raumfahrtorganisation vorgestellt hatte: Der Prestige-Bau soll den Form einer Rakete haben.

Die Fertigungshalle der indischen Raumfahrtbehörde ISRO. (Bild: Getty Images)

Indien: die neue Superpower im Weltraum?

Das Land sei nun in die Weltraum-Superliga aufgestiegen, sagte der indische Premierminister Narmeda Modi Ende März 2019 nach dem Test einer Anti-Satelliten-Waffe. Dabei soll ein ebenfalls indischer Satellit in einem rund 300 Kilometer entfernten Orbit per “Kinetic Kill" zerstört worden sein – einer Kollision des Satelliten mit einem Teil der Rakete und/oder einer Wolke von Trümmerteilen, die zuvor mit einem Sprengkopf freigesetzt wurden.

Der Test sei nicht gegen ein bestimmtes Land gerichtet, sagte Modi, er ziele auch nicht auf ein Wettrüsten im Weltall ab. Eines jedoch ist klar: Mit seiner Aufrüstung reservierte sich Indien bereits einen Platz bei den Abrüstungsverhandlungen zur Verhinderung eines Rüstungswettlaufs im Weltraum.

Die Entscheidung der Nato zu einer Weltraum-Strategie fällt in bewegte Zeiten. Wozu sich der noch vage Beschluss entwickeln wird, ist noch unklar: So könnte das Atlantische Bündnis den Weltraum in einem späteren Schritt zu einem eigenständigen Operationsgebiet erklären.

Das bedeutet, dass Angriffe aus dem Weltraum so behandelt würden wie solche am Boden, im Luft-, See- oder (nach dem Beschluss von 2016) auch dem Cyberraum – inklusive zusätzlicher Ressourcen. Ein solcher Beschluss hätte auch das Ziel, den technologischen Vorsprung der Nato-Staaten vor anderen Ländern zu bewahren und die Infrastruktur im Orbit zu schützen. Dies könnte frühestens beim für Dezember angesetzten Treffen der Staats- und Regierungschefs der Nato-Staaten beschlossen werden.

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