Streaming, Homeoffice und E-Learning: Hält das Internet durch?

Alles hängt derzeit von einem stabilen Internet ab. Sollte es streiken, man mag es sich die Konsequenzen gar nicht ausmalen. Bislang aber ist das Netz stabil. Damit es so bleibt, haben Streaming-Anbieter weitrechend die Qualität ihrer Inhalte reduziert. Die Bundesregierung plant nun sogar den Ausbau von Glasfaser-Anschlüssen.

Am Frankfurter Internet-Knoten von DE-CIX wurde vor kurzem ein Weltrekord gemessen: 9,1 Terabit pro Sekunde Datendurchsatz. Foto: Boris Roessler / dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Weniger Streaming-Qualität für mehr Internet: Viele digitale Unterhaltungs-Anbieter reduzieren derzeit ihre Videodarstellung, um Bandbreite zu sparen. Denn in Europa zeigen sich immer mehr Menschen besorgt, ob flächendeckende Heimarbeit, digitale Schulen und allabendliche Streaming-Nutzung das Netz nicht verstopfen könnten. Deshalb hat die Europäische Kommission vor einer Woche den Kontakt zu Netflix, Facebook & Co gesucht, um über Wege zu sprechen, die Netz-Belastung zu senken. Im Vordergrund müsse stehen, dass die Auslastung der Netze das Arbeiten von Zuhause und Zugang zu Bildungsangeboten erlaube.

Zentrale Idee ist, die Bildauflösung bei Video-Streams zu reduzieren. Dadurch werden weniger Pixel dargestellt und weniger Daten übertragen. Zum Vergleich: Wer etwa Netflix in Ultra-High-Definition schauen möchte, sollte eine Internetleitung haben, die bis zu 25 Megabit pro Sekunde an Daten bereitstellen kann. Eine Stufe niedriger, High Definition, läuft bereits mit einem Fünftel davon – also rund fünf Megabit pro Sekunde. Für die Standard-Auflösung reicht eine Leitung, die drei Megabit pro Sekunde übertragen kann. So schreibt es Netflix auf der eigenen Webseite.

Netflix drosselt selektiv, Sky handle sowieso schon verantwortungsvoll

Der Forderung der Europäischen Kommission folgten mittlerweile die wichtigsten Streaming-Plattformen und sozialen Medien: Netflix und Amazon Prime, aber auch kürzere Videos auf Youtube, Instagram und Facebook werden in Europa mittlerweile in geringerer Videoqualität ausgestrahlt.

Meist bedeutet das, dass statt in HD-Qualität in Standard-Auflösung gesendet wird. Das gilt jedoch nicht für alle Nutzer und Nutzerinnen. Wie die Deutsche Presseagentur (dpa) schreibt, gehe Netflix bei der Drosselung selektiv vor: Sie hänge davon ab, welche Art von Gerät die Kunden nutzen und welchen Tarif sie bezahlen würden und wie ihr Netz ausgelastet sei. Generell wolle der Konzern allen eine 4K-Auflösung, also Ultra-High-Definition, ermöglichen, die auch dafür zahlten.

Drosselung der Qualität für 30 Tage

Im Gegensatz dazu drosselt Google auf Youtube sämtliche Videos. Facebook schreibt in einer Stellungnahme: „Um eine mögliche Netzwerküberlastung zu verringern, werden wir die Bitraten für Videos auf Facebook und Instagram in Europa vorübergehend reduzieren.“ Auch die chinesische Kurzvideo-Plattform TikTok ist nachgezogen, Disney Plus ist diese Woche direkt mit reduzierter Bildqualität an den Start gegangen. Sky hingegen wolle nichts ändern, man gehe im Streaming-Angebot bereits sehr verantwortungsvoll mit der Bandbreite um, zitiert die dpa. Aktuell planen die Digital-Unternehmen, die Bildqualität für zunächst 30 Tage zu reduzieren.

Trotz allem, der Traffic insgesamt ist in den vergangenen Tagen massiv angestiegen. T3n schreibt, in der Schweiz habe das Internet dem Druck zeitweise nicht standgehalten, in Österreich sei ähnliches zu befürchten.

De-Cix („Deutscher Commercial Internet Exchange“), Betreiber des weltgrößten Internetknotens in Frankfurt am Main, misst seit Ausbruch des Coronavirus hierzulande sehr viel mehr Datenverkehr: etwa eine Verdopplung des Videokonferenz-Verkehrs über Skype oder Teams, genauso eine Verdopplung auf Cloud- und Online-Gaming-Plattformen. Vor zwei Wochen hat De-Cix, mit 9,1 Terabit pro Sekunde Datendurchsatz, einen neuen Weltrekord verbucht. Zum Vergleich heißt es in einer Pressemitteilung:

„Neun Terabit pro Sekunde entspricht der Übertragung von über zwei Millionen Videos in HD-Qualität gleichzeitig oder einer Datenmenge von rund zwei Milliarden beschriebenen DIN-A-4 Seiten – ein Stapel von über 200 Kilometer Höhe.“

Internet stabil, Unternehmens-Systeme fragil?

Thomas King von De-Cix sagt zu der generellen Entwicklung seit Ausbruch des Coronavirus: „Wir stellen fest, dass sich der durchschnittliche Datenverkehr an den Internetknoten um knapp zehn Prozent gesteigert hat.“ Auch das Nutzungsverhalten habe sich geändert, die Menschen seien nun tagsüber häufiger und länger online. Aber: „Selbst wenn alle Firmen Europas ausschließlich aus dem Homeoffice arbeiten und nebenher noch ein weltweites sportliches Großevent übertragen werden würde, kann der De-Cix die notwendigen Bandbreiten für reibungslose Interconnection bereitstellen.“ Die Kapazität des De-Cix gibt Chip derzeit mit 16,5 Terabit pro Sekunde an.

Das Internet ist also stabil, das sieht laut dpa auch die Bundesregierung so: „Wir als Bundesregierung sind mehrmals täglich im Gespräch mit der Bundesnetzagentur und den Betreibern. Keiner muss sich Sorgen machen, dass wir nicht genug Netzkapazitäten haben“, sagte die für die Digitalisierung zuständige Staatsministerin im Kanzleramt, Dorothee Bär, der Stuttgarter Zeitung. „Wenn eine Videokonferenz mal nicht funktioniert, liegt das nicht zwingend an den Netzen, sondern oft an den für so hohe Belastungen nicht ausgelegten IT-Systemen der Unternehmen.“

Gute Nachricht in der Krise: Glasfaserausbau geht voran

Mitten hinein in die Corona-Ausnahmesituation hat am Freitag Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer noch eine gute Nachricht veröffentlicht: zwei neue Programme zum Ausbau von Glasfasernetzen. In einer Pressemitteilung des Ministeriums wird Scheuer dazu wie folgt zitiert: „Wie wichtig die Versorgung mit Highspeed in der Fläche ist, zeigt die aktuelle Situation: Die digitale Infrastruktur hält Deutschland am Laufen – ob durch Homeoffice oder den Videoanruf mit Freunden und Verwandten – nie waren wir mehr auf leistungsfähige Netze angewiesen als heute.“