Streit um Fleischkonsum bei „Hart aber fair”

Mila Lemke
Freie Autorin
Bei “Hart aber fair” diskutierten: Albert Stegemann (CDU), Sarah Dhem (Fleischfabrikantin), Patrik Baboumian (Kraftsportler), Manfred Karremann (Dokumentarfilmer) und Sarah Wiener (Köchin) Foto: Screenshot ARD

Kaum Platz, stickige Luft, Stress, Krankheiten – immer noch Alltag in der Tiermast. Aber wie sieht man einem Schnitzel an, ob das Schwein gelitten hat? Helfen die neuen Siegel des Handels? Oder hilft nur: Mehr fürs Fleisch zahlen, am Ende ganz darauf verzichten? Diese Fragen stellte Frank Plasberg am Montagabend bei „Hart aber fair”.

Die Fakten: Tausende Tiere werden, eingepfercht in enge Transportern, durch Europa gekarrt. Deutschland exportiert Tiere sogar in den Libanon. In heimischen Ställen vegetieren hunderttausende Hühner, Rinder und Schweine auf engstem Raum. Die Politik ist offenbar nicht in der Lage, für Tierschutz zu sorgen.

Die gute Nachricht: Vor allem junge Leute wollen zunehmend keine toten Tiere mehr auf ihren Tellern. Immerhin elf Prozent der 14 bis 29-Jährigen ernähren sich vegetarisch. Die Industrie versucht die Gewissen mit einem Siegel zu beruhigen. So labeln Schlachter Schweinefleisch von Stufe eins (dauerhafte Existenz auf 0,75 Quadratmeter Platz im Stall) bis Stufe vier (regelmäßiger Auslauf). Die Kunden sollen so selbst entscheiden, ob ihnen Schnäppchenjagd oder Tierschutz wichtiger ist. Funktioniert bislang nicht.

Wissenschaftler der Hochschule der Osnabrück führten einen bemerkenswerten Test durch: Mehrere Wochen präsentierten sie in einem Supermarkt Fleisch in den drei Preiskategorien: „Gut & Günstig”, mit „Tierwohllabel” und teures Biofleisch. Ergebnis: Die deutliche Mehrheit der Kunden griff zum Billigfleisch.

Vor diesem Hintergrund diskutierten:

Sarah Wiener, Fernsehköchin, die für Österreichs Grüne zur Europawahl antritt

Manfred Karremann, Dokumentarfilmer und Autor zahlreicher Reportagen über Tiertransporte

Albert Stegemann, agrarpolitischer Sprecher der Union-Bundestagsfraktion und Landwirt

Patrik Baboumian, Kraftsportler und Veganer

Sarah Dhem, Geschäftsführerin eines Wurstwaren-Unternehmens und Lobbyistin der Fleischindustrie

Wie ist die Situation der Tiere in Deutschland?

CDU-Mann Albert Stegemann sagte, was Politiker immer sagen, wenn sie mit unschönen Wahrheiten konfrontiert werden: „Das Label ist eine großartige Chance, aber wir müssen noch viel machen.” Unklar blieb, wen er mit „wir” meinte. Seine CDU offenbar nicht. Die Partei regiert zwar seit 14 Jahren, war aber bislang zurückhaltend in Sachen Tierschutz.

Zwar plant Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner ein „Tierwohllabel”, doch das ist eher Augenwischerei. Demnach sollen Schweine künftig zwischen 0,9 und 1,5 Quadratmeter Platz zum Leben bekommen. Allerdings ist das Label freiwillig und niemand weiß, wann es eingeführt wird. Der selbsternannte „Milchbauer mit Leib und Seele” Stegemann schwärmte dann auch lieber von seinen Tieren, die quasi mit zur Familie gehören.

Filmemacher Manfred Karremann: „Mit der Milchkühe-Idylle kann ich nicht viel anfangen.” Ein Tierlabel habe noch nie funktioniert. Die meisten Menschen sähen an der Fleischtheke hinter dem Produkt nicht das Tier. Deshalb werden Schweine und Rinder schlecht behandelt, führten kein lebenswertes Leben. Man könne oft nicht einmal sicher stellen, dass die Schweine wirklich tot sind. Manche werden lebend zerlegt.

Strongman Patrik Baboumian ist seit 2005 Vegetarier und seit 2011 Veganer. Foto Screenshot ARD

Kraftsportler Baboumian, der seine Diplomarbeit im Fach Gehirnforschung geschrieben hat, erklärte: „Säugetiere haben ein Schmerzempfinden wie Menschen.” Auch ein Schwein spüre Angst.

Tierschützer filmten heimlich im Stall von CDU-Politiker

Mitglieder der Tierschutzorganisation „Peta” filmten heimlich in einem von Stegemanns Ställen und spielten die Aufnahmen der „Hart aber fair”-Redaktion zu. Gesund und glücklich wirken die angeblich zur Familie gehörenden Tiere nicht.  Stegemann behauptete: „Die Tiere machen nur einen verschreckten Eindruck, weil sie in der Nacht von den Tierschützern geweckt wurden.” Schließlich sei ihm bescheinigt worden, dass alles in Ordnung sei. Mag sein. Dürfte aber vor allem an der laschen Gesetzeslage liegen.

Köchin Wiener sagte dann auch: „Was mich bedenklich stimmt, ist, dass das, was Standard ist, eigentlich schon Tierquälerei ist.“

Wurstfabrikantin Sarah Dhem („Unsere Spezialität sind Schweinezungen.”) beanspruchte die Opferrolle für ihre Branche. „Wir müssen davon wegkommen, dass wir Landwirte die nach Recht und Gesetz arbeiten als Tierquäler bezeichnen”, klagte sie.

Welche Möglichkeiten für mehr Tierschutz gibt es?

Für Filmemacher Karremann ist klar: „Fleisch ist ein Auslaufmodel.” Nicht nur aus Tierschutz-, sondern auch aus Klimaschutzgründen.” Muskelpaket Patrik Baboumian, der 560 Kilogramm stemmen kann, und damit der lebende Beweis ist, dass Veganismus nicht gesundheitsschädlich sein muss, forderte eine höhere Besteuerung von Stallhaltung, bezweifelte aber, dass es soweit kommen wird. „Ist es nicht so, dass die Politik so viele Verquickungen mit der Industrie hat?”, fragte er.

Der CDU-Politiker widersprach: Schärfere Gesetze würden dazu führen, dass Betriebe ins Ausland abwandern. Das Standartargument bei jedweder Forderung an die Industrie.

Wurst-Lobbyistin Dhem schwärmte vom „Aktivstall”, wobei unklar war, was genau sie damit meinte. Stattdessen ging sie Kraftsportler Baboumian an: „Mit veganer Ernährung ändern Sie keine Tierhaltung.” Baboumian konterte kühl: „Aber ich unterstütze damit nicht die Fleischindustrie.”