Studie: Alleinerziehende Familien sind höchstem Armutsrisiko ausgesetzt

·Lesedauer: 3 Min.
Kinder in einem Familienzentrum in Berlin

Für alleinerziehende Familien ist das Armutsrisiko einer Studie zufolge größer als bei jeder anderen Familienform. Hierzulande gelten 42,7 Prozent aller Ein-Eltern-Familien als einkommensarm, wie aus der am Donnerstag vorgestellten Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung hervorgeht. Von allen Kindern, die Hartz-IV-Kindersätze beziehen, leben demnach 45 Prozent in alleinerziehenden Familien. Bundesfamilienministerin Christine Lambrecht (SPD) hob die Bedeutung der eigenen Erwerbstätigkeit der Mütter schon in der Zeit vor der Trennung hervor.

Der Studie zufolge ist das große Armutsrisiko allerdings nicht allein auf Arbeitslosigkeit zurückzuführen. Obwohl 40 Prozent aller alleinerziehenden Hartz-IV-Empfänger erwerbstätig waren, reichte ihr Einkommen nicht, um das Existenzminimum für sich und ihre Kinder zu decken. Bei ihnen handele es sich um sogenannte Aufstockerinnen beziehungsweise Aufstocker.

Im Jahr 2019 lebten der Studie zufolge 1,52 Millionen alleinerziehende Familien mit nicht volljährigen Kindern in Deutschland. Das entspreche einem Anteil von 18,6 Prozent aller Familien. 88 Prozent aller Alleinerziehenden seien Frauen.

Im Vergleich zu Müttern, die in einer sogenannten Paarfamilie mit Kindern leben, seien alleinerziehende Frauen häufiger erwerbstätig und arbeiteten auch häufiger in Vollzeit. Über die Hälfte von ihnen musste im Jahr 2017 dennoch mit einem monatlichen Nettoeinkommen von weniger als 1700 Euro über die Runden kommen. Alleinerziehende Väter hätten im Schnitt 2461 Euro netto zur Verfügung gehabt.

Geschiedene Alleinerziehende mit Kindern über drei Jahren haben seit 2008 keinen Anspruch mehr auf Unterhaltszahlungen vom ehemaligen Partner beziehungsweise der Partnerin. Ist das jüngste Kind älter als drei Jahre, werde von beiden Elternteilen eine Vollzeitbeschäftigung erwartet.

Ein Wiedereinstieg in den Beruf sei jedoch nicht für alle Mütter möglich. Während Frauen durch die Erziehung von Kindern bis ins Rentenalter deutliche Einkommensverluste verzeichneten, wirke sich das Vaterwerden bisher nicht auf das Lebenserwerbseinkommen von Männern aus, erklärten die Studienautoren. Die Studie "Alleinerziehende weiter unter Druck" basiert auf Daten des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden aus dem Jahr 2019 sowie der Bundesagentur für Arbeit.

Bundesfamilienministerin Lambrecht erklärte: "Die Situation von Alleinerziehenden hängt stark von der Zeit vor der Trennung ab." Die eigene Erwerbstätigkeit der Mütter schon in der Partnerschaft sei entscheidend, um wirtschaftliche Belastungen nach einer Trennung zu verringern. Lambrecht verwies darauf, dass die Bundesregierung die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstütze sowie durch Leistungen wie Elterngeld und ElterngeldPlus die Partnerschaftlichkeit fördere. Das wirke sich im Fall einer Trennung positiv aus.

Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack nannte es "eine Schande, dass Armut im reichen Deutschland immer noch ein solches Ausmaß hat". Wie sich die Situation Alleinerziehender verbessern lasse, sei längst bekannt, betonte Hannack und nannte eine starke Tarifbindung, einen Mindestlohn von mindestens zwölf Euro und die Umwandlung von Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Gebraucht werde zudem eine Kindergrundsicherung.

Auch Linken-Bundestagsfraktionschef Dietmar Bartsch forderte: "Wir brauchen eine Kindergrundsicherung, die kein Kind in Armut zurücklässt, höhere Löhne und die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf insbesondere für Alleinerziehende."

Der Sozialverband VdK übte scharfe Kritik an der Bundesregierung. Diese habe bei der Unterstützung Alleinerziehender "komplett versagt", erklärte VdK-Präsidentin Verena Bentele. "Viele Alleinerziehende reiben sich zwischen Beruf, Kindererziehung und Haushalt auf und bleiben trotz Arbeit arm."

cha/jm

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.