Syrisches Literaturfest in Köln: Autoren erzählen ihre Fluchtgeschichten

Der Gründer Jabbar Abdullah kam vor zweieinhalb Jahren aus Aleppo ins Rheinland.

Nur zu. Immer geradeaus, sagte der türkische Schlepper leichthin und verschwand. Mitten im Wald. Da haben sie die schreienden Kinder gebuckelt – sie waren eine Gruppe von 18 Flüchtlingen – und jeder der vier Freunde aus Syrien hat einen der Kleinen eine Stunde lang getragen.

Damit sie vorankamen. Über die bulgarische Grenze, rein nach Europa. In Sicherheit. Für die 80-jährige Oma der Großfamilie, die zu ihnen gestoßen war, mussten sie Pausen einlegen. Langsam waren sie deshalb. Und so lief die Zeit, und auch die Angst lief immer stärker mit, die Angst, am Ende doch entdeckt zu werden. Das war wie ein zusätzliches Zentnergewicht.

Viele dieser Fluchtgeschichten sind in den letzten Jahren erzählt worden. „Und es gibt weitaus traurigere und dramatischere als meine“, sagt Jabbar Abdullah. Wenn er sie jetzt trotzdem an diesem Wochenende auf dem von ihm initiierten Literaturfest in Kölns Alter Feuerwache erzählen will, dann steht dahinter eine grundsätzliche Idee.

Jabbar Abdullah findet, dass hinter all diesen Geschichten oftmals die Menschen unsichtbar blieben. Menschen wie er, Archäologe aus Rakka, studiert in Aleppo. Menschen, die schon ein Leben hatten, bevor sie zu Flüchtlingen wurden.

Autoren wollen ihre Kultur aufleben lassen

Deshalb werden zehn von ihnen, die schon immer Geschichten erzählten – Lyriker und Journalisten, Schriftsteller, Literaturkritiker und Romanciers – in Köln aus ihren Büchern und Schriften lesen. Und ihre Welt, wie sie früher war, wird auferstehen. Die Welt, wie sie kaputtging in der Diktatur und sich in eine Welt der Angst, Bespitzelung, Folter, der Gewalt und des Krieges verwandelte, die sie am Ende aus dem Land trieb.

Sie wollen ihre Kultur, ihr Selbstverständnis aufleben lassen. Und „falsche Bilder korrigieren,“ wie Jabbar sagt. Aber auch ihre Gedanken offenlegen, wie sie das Leben und damit auch die Flucht geformt hat. Nur so könne das einst so Prägende in die Zukunft, in die Fremde gerettet werden.

Also müssen auch wir zurück, um diesen Menschen Jabbar kennenzulernen. Zurück nach Syrien. Und doch sollte man noch einen Moment in Köln bleiben. Denn es ist nicht die erste Aktion, die der 27-jährige Syrer hier startet. Deutsche Freunde, von denen er schon viele hat, witzeln bewundernd über seine Umtriebigkeit. Wenn in Köln einer einen Syrer kenne, sei es bestimmt Jabbar.

Das ist natürlich übertrieben, aber schon mit seiner kleinen Rede im Oktober 2015 auf der Demonstration gegen Rassismus in Deutz hat er auf sich aufmerksam gemacht. Ein Museumschef machte sich anschließend für ein dreimonatiges Praktikum des jungen Archäologen im Römisch-Germanischen Museum stark.

Jabbar organisierte Demonstration nach Silvesternacht 2015/16

Und dann kam Silvester 2015/16. Und die Empörung über das Verhalten einer großen Anzahl von Flüchtlingen vor dem Dom. Das war auch für Jabbar Abdullah unerträglich. „Wir müssen etwas machen“, sagte er damals zu seinem Freund in der Flüchtlingsunterkunft. Und so posteten Mohamed und er auf Facebook die geplante Gegendemonstration auf der Domplatte und malten, so gut es das zusammengeklaubte Material erlaubte, Plakate. „Syrer gegen Gewalt an Frauen“ stand darauf. „Das waren schlechte Menschen“, sagt er über die Täter. „Deshalb haben sie so etwas gemacht.“ Warum sollte er dafür verantwortlich sein, fragt er.

Etwa 200 Landsleute kamen, auch Deutsche gingen mit. „Über die Demo wurde live von mindestens zehn Fernsehanstalten berichtet“, sagt Jabbar noch heute leicht verwundert und stolz.

Jabbar Abdullah ist keiner, der nur zu- oder wegschaut. „Da müssen wir was machen“, könnte fast so etwas wie ein Leitmotiv dieses jungen Mannes sein. Schon als Zwölfjähriger hatte er genau hingeschaut. Da gab es ein Ausgrabungsteam in seiner Heimatstadt, das suchte helfende Hände, Leute, die graben und schaufeln. Gleich nebenan von Rakka, in Al Sura, legten die Archäologen römische Hinterlassenschaften frei, in seinem an Kulturschätzen und Kulturgeschichte so reichen Land.

Rakka, Jabbars Heimatstadt, ist heute IS-Hauptstadt

Der kleine Junge meldete sich, hat gegraben und gesucht. Und sie fanden ein römisches Bad. Da war es plötzlich klar, was er später einmal machen wollte. Womit wir dann in Syrien wären. Das Land, auf das Jabbar gerade auch wegen seiner jahrtausendealten Geschichte und Kultur so stolz ist. „Ich bin sehr anhänglich an meine islamische Kultur“, sagt er. Er selber beschreibt sich nicht als gläubigen Menschen, aber es ist ihm wichtig, zwischen seinem Islam und dem der Terrormiliz vom IS einen Trennungsstrich zu ziehen. „Das ist nicht der Islam. Sie haben sich ihre eigene Religion geschaffen.“ Auf den Islam, wie er ihn kennengelernt hat, ist er stolz, zumal wenn er an den Propheten denkt und die spätere islamische Hochkultur in Spanien, an eine Zeit der gelebten Toleranz und des Miteinanders der Religionen.

Dass ausgerechnet Rakka, seine Heimatstadt, heute die Hauptstadt des IS ist, die Hauptstadt des Terrors und des religiösen Fanatismus, macht ihn schier wahnsinnig. War Rakka doch die erste Stadt, die sich in der syrischen Revolution nach dem März 2011 vom Diktator Assad befreite. Nach der anschließenden Eroberung durch den IS seien alle Schulen und die Universität geschlossen worden. Menschen würden drangsaliert, die Frauen dürften nur noch mit einer Ganzkörperverschleierung vor die Tür. Dass er immer noch Wege findet, in die Stadt hineinzuhören, sagt er nur am Rande.

Mit Freunden sprühte er „Freiheit für Syrien“ auf Wände

Was ihn selber angeht, so ist er vor Assad geflohen. Und das kam so. In Aleppo hatte der junge Mann miterlebt, wie Studentendemonstrationen zusammengeknüppelt wurden, Menschen gefangen genommen wurden und nicht mehr aufgetaucht waren. „Es war wie eine Schlacht.“ Jeden Tag seien zu dieser Zeit 100 bis 200 Demonstranten erschossen worden, schätzt er. Über die sozialen Netzwerke seien entsprechende Bilder und Berichte verbreitet worden. Und ergaben so das Bild der Bedrohung.

Jabbar verließ Aleppo und fuhr nach Hause. Dort beschloss er mit Freunden: „Wir müssen etwas machen.“ Sie kauften sich illegal Spraydosen. „Freiheit für Syrien“ und „Baschar ist der Mörder“, stand dann nach einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf den Wänden der Stadt. Jabbar und die zwei Freunde waren eigentlich sicher, dass sie niemand gesehen hatte. Aber nach zwei Tagen stand die Geheimpolizei bei den Eltern vor der Tür. Mit einer Liste, auf der zehn Leute notiert waren: Alle drei Jungs waren dabei.

Es war klar, dass Jabbar sofort außer Landes musste. Und mit Hilfe eines Bruders im Libanon gelang dies auch auf verschlungenen Wegen. Jabbar hat auch dabei starke Nerven bewiesen. Seine Eltern nicht minder. Vom Libanon ging es nach Ägypten, wo er schließlich mit finanzieller Unterstützung der Familie weiterstudierte und den Master machte. Aber auch die dortigen Wirren holten ihn ein. „Als ich vor meinem Fenster zwei Panzer sah, wusste ich: Ich muss hier weg.“ Und so ging es dann über Istanbul bis in den Wald an der Grenze zu Bulgarien. Vier Monate blieb er in dem osteuropäischen Land, bis er die Aufenthaltspapiere hatte. Dann machte er sich auf nach Deutschland.

Mit dem Literaturfest ein Signal setzen

Seit zweieinhalb Jahren ist Jabbar Abdullah in Köln, er spricht gut Deutsch und hat auch sein Buch in Deutsch geschrieben. Mit Hilfe natürlich – hat weiterhin einen Job am Museum und ist – umtriebig. „Wenn man ein Ziel hat, kann man mit der Zeit etwas erreichen“, stellt er fest. Und es ist ihm wichtig, in der so schwierigen Lage, in der sich alle Flüchtlinge befinden, mit dem Literaturfest ein Signal zu setzen. „Wir müssen noch lange mit dem Krieg in Syrien leben. Da muss man ehrlich zu sich sein.“ 

Und deshalb dürfe man nicht traurig bleiben, meint er, und mit dem Kopf in der Heimat. „Wir müssen unsere Kultur erzählen und uns gleichzeitig interessieren für dieses Land, das uns aufgenommen hat, und uns integrieren.“ Für Jabbar ist das kein Verrat. Es ist sein Weg in die Zukunft. „Denn wir sind nicht schuldig. Wir haben nur nach Freiheit verlangt.“...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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