"Systemrelevante" sprachen Klartext: "Wenn uns doch jeder braucht, warum bekommen wir dann so wenig?"

Alexander Franck
·Lesedauer: 4 Min.
Pflegerin Kim Peters fing sich bei der Arbeit den Corona-Virus ein. Sie arbeitet nun wieder auf einer Intensivstation in Hamburg. (Bild: NDR)
Pflegerin Kim Peters fing sich bei der Arbeit den Corona-Virus ein. Sie arbeitet nun wieder auf einer Intensivstation in Hamburg. (Bild: NDR)

Die Hauptlast der Pandemie-Auswirkungen trugen bislang oft Berufstätige aus eher unterdurchschnittlich bezahlten Branchen - etwa Pflegekräfte oder Supermarkt-Angestellte. Am Montagabend ging eine ARD-Dokumentation der Frage nach, was aus den vielen Sympathiebekundungen und Versprechungen konkret wurde.

Von Applaus allein kann man sich nichts kaufen. Die neue ARD-Dokumentation "Abgeklatscht und abserviert - Die vergessenen Corona-Helden" von Caroline Rollinger und Benjamin Arcioli griff am Montagabend im Ersten ein brisantes Thema auf: Heuchelei und leere Versprechungen nicht nur von Politikern, sondern auch von vielen Arbeitgebern in Krisenzeiten.

Kaum jemand dürfte anzweifeln, dass vor allem meist eher schlecht bezahlte Pflegekräfte in Krankenhäusern und Heimen sowie Supermarkt-Angestellte, die die Notversorgung auch in härtesten Lockdown-Zeiten gewährleisten, eine der Hauptlasten der Pandemie tragen. Sie sind fraglos "systemrelevant". Doch was heißt das wirklich? Der Film aus der Reihe "Die Story im Ersten" suchte nach Antworten.

"Wir werden nach dieser Krise eine andere Gesellschaft sein" - das Zitat von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kam gleich zu Beginn des Beitrags, der dann jedoch vor allem eines deutlich machte. Statt symbolträchtiger Sympathiebekundungen erwarten viele dieser Corona-"Frontkämpfer" eine faire Entlohnung und mehr gesellschaftliche Anerkennung - bisher tun sie das, von warmen Worten und diversen Einmalzahlungen abgesehen, vergebens.

Drogeriemarkt-Mitarbeiterin Farina Kerekes kämpft für höhere Löhne. (Bild: NDR)
Drogeriemarkt-Mitarbeiterin Farina Kerekes kämpft für höhere Löhne. (Bild: NDR)

Applaus auf den Balkonen reicht nicht

Schon bald nach dem Beginn der Pandemie hierzulande im März 2020 wurde vielen Deutschen klar, wie dünn oft der Faden ist, an dem das Schicksal der Nation hängt. Und ebenso rasch kam es zu demonstrativen Applaus-Bekundungen für die hart schuftenden sogenannten "Systemrelevanten", die das öffentliche Leben auch im Ausnahmezustand am Laufen hielten - und halten. Doch die Mitarbeiter im Pflegebereich, die vielen Kassiererinnen und Kassierer, die Packer, Lkw-Fahrer und Müll-Entsorger konnten aus dem plötzlichen Mehr an Zuspruch bislang noch keine nennenswerten finanziellen Verbesserungen ableiten.

Die Dokumentation, die in der ARD-Mediathek abrufbar ist, sieht genau hin und stellt Menschen vor, die tatsächlich noch immer Arbeit "an vorderster Linie" leisten - so etwa die Krankenpflegerin Kim Peters aus Hamburg. Sie trafen die Sonderbelastungen besonders hart - nicht nur durch ihre eigenen Einsätze, sondern auch durch persönliches Pech. Sie infizierte sich schon während der ersten Corona-Welle bei ihrer Arbeit im Krankenhaus mit dem gefürchteten Erreger. Obwohl sie erst Mitte 30 und zuvor kerngesund war, erkrankte sie schwer. Im Film schilderte sie eindringlich, wie schlimm der Verlauf ihrer Sars-CoV-2.-Infektion gewesen sei. "Ich hatte richtig Todesangst", erinnerte sie sich.

Dennoch stürzte sie sich nach ihrer Genesung notgedrungen wieder in die Arbeit: Sie betreut Patienten auf der Corona-Intensivstation. Im zweiten Lockdown führte sie für die Filmemacher ein Videotagebuch. "Das kann man sich gar nicht vorstellen, was das für eine seelische Belastung für uns ist", sagte sie einmal angesichts der Tatsache, dass auf ihrer Station täglich Menschen an den Folgen ihrer Sars-CoV-2-Infektion sterben.

Handeln statt nur klagen: Benjamin Jäger hat mitten in der Pandemie eine Pflegegewerkschaft gegründet. (Bild: NDR)
Handeln statt nur klagen: Benjamin Jäger hat mitten in der Pandemie eine Pflegegewerkschaft gegründet. (Bild: NDR)

Mehr Rücksicht auf Maschinen als auf Menschen

Was Kim Peterse wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen besonders schmerzt: Noch immer verdienen 90 Prozent der Beschäftigten, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, trotz aktuell extremer Arbeitsbedingungen weniger als der bundesdeutsche Durchschnitt. Was besonders wehtut - gerade in der Diskussion, in der wirtschaftliche Interessen dominieren: Verantwortung für das Wohl anderer Menschen wird schlechter bezahlt als Verantwortung für Maschinen. Kim Peters brachte es auf den Punkt: "Wenn uns doch jeder braucht, warum bekommen wir dann so wenig?" Für die komplexe Arbeit, die sie verrichte, verdiene sie zu wenig. Der durchschnittliche Stundenlohn für Beschäftigte im Pflegebereich beträgt 19,25 Euro. Ingenieure bekommen 30,74 Euro.

Es war ein Film, in dem eine Menge Klartext gesprochen wurde. "Hier wird irgendwie 'ne Pandemie auf meinem Rücken abgewälzt, und ich krieg dafür ein Danke", ärgerte sich auch Farina Kerekes. Sie ist Verkäuferin in einer Drogerie und engagiert sich für mehr Anerkennung - auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Sie fordert, dass wieder alle Beschäftigten im Handel mit einem Tarifvertrag arbeiten. Dafür rief sie die Bewegung #Handelsaufstand ins Leben. Ähnlich engagiert zeigt sich der Krankenpfleger Benjamin Jäger: Er gründete die Pflegegewerkschaft "Bochumer Bund".

Die ARD-Dokumentation zog nun nach einem Jahr Pandemie eine erste Bilanz: Was ist aus den politischen Forderungen nach Aufwertung dieser Berufsgruppen geworden und welche sozialen Auswirkungen hat die Krise? Die Antwort lautet: Es gibt jede Menge Verständnis, aber kaum Konkretes. Hubertus Heil (SPD), der Bundesminister für Arbeit und Soziales, sagte, er im Interview mit den Filmemachern: "Ich kann den Frust gut nachvollziehen." Er wisse um den Erwartungsdruck, "dass wir richtig Speed machen in diesem Bereich und Gasgeben." Na dann!

Die Verkäuferin Angela Webster setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen im Einzelhandel ein. (Bild: NDR)
Die Verkäuferin Angela Webster setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen im Einzelhandel ein. (Bild: NDR)