Von der Türkei nach Bulgarien - Auswanderer berichten: „Man läuft permanent Gefahr, abgezockt zu werden“

Connie (62) und Manfred (66) waren zuerst in die Türkei ausgewandert, dann ging es weiter nach Bulgarien.
Connie (62) und Manfred (66) waren zuerst in die Türkei ausgewandert, dann ging es weiter nach Bulgarien.

Connie (62) und Manfred (66) wandern aus - in die Türkei. Wegen der Wärme, den erschwinglichen Preisen und der Leichtigkeit. Doch nach zwei Jahren haben die beiden Frührentner aus Franken ihre Zelte in Manavgat abgebrochen. Das sind die Gründe.

FOCUS online: Seit Jahren steigt die Zahl der Rentner, die ins Ausland abwandern. An die Öffentlichkeit dringen fast nur Berichte, die das neue Leben schön und schillernd zeigen. Sie haben sich bereit erklärt, auch die andere Seite darzustellen.

Manfred: Ja, wir haben die Türkei nach zwei Jahren wieder verlassen.

Connie: Obwohl uns hier vieles gefallen hat.

Manfred: Vor allem das Klima.

Connie: Wie sind beide gesundheitlich ähnlich vorgeschädigt, sind beide Frührentner. Manfred hat seit einem Unfall Probleme mit der Wirbelsäule, ich habe Osteoporose. Immer wieder hatten wir in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht: Im Urlaub in einem warmen Land geht es besser.

Manfred: Und in Deutschland, das werden viele ähnlich sehen, ist zuletzt vieles schlechter geworden. Unser Eindruck: Vor allem seit der Pandemie ist die Stimmung im Land wirklich mies… Eines Tages haben wir uns gefragt: Was hält uns hier eigentlich noch?

Connie: Der Türkeiurlaub in 2022 war dann eine ziemlich spontane Aktion.

"Wäre das Leben in Antalya wirklich besser?“

Manfred: Und eigentlich auch kein richtiger Urlaub, eher bereits sowas wie ein Testlauf: Wäre das Leben hier, in Antalya, wirklich besser?

Connie: So eine Entscheidung kann man nur vor Ort treffen und auch nur, wenn man an bestimmten Stellen kritisch hinschaut. Der deutschsprachige Immobilienmakler hätte uns viel erzählen können. Entscheidend war, was wir bei mehreren Besuchen in seinem Büro erlebt haben. Bei ihm gingen viele Deutsche ein und aus.

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Manfred: Und wirkten zufrieden. Da waren auch Leute dabei, die einiges älter waren als wir und ihren Lebensmittelpunkt in die Türkei verlegt hatten. Wo wir zu Hause in Deutschland für manche ein Stück weit die zwei Verrückten waren, fand man unser Vorhaben hier ganz normal.

Connie: Allerdings gab es in Antalya kein passendes Immobilienangebot. Zurück in Deutschland haben wir den Suchradius dann etwas erweitert. In Manavgat, etwa 70 Kilometer weiter, wurden wir fündig.

Haben Sie dort ein Haus gekauft?

Manfred: Nein, eine Wohnung gemietet. Knapp 100 m², zwei Bäder, Stellplatz, Pergola, kleiner Gartenanteil.

Ein Upgrade, verglichen mit dem, was Sie in Deutschland hatten?

Connie: Nicht wirklich. Zuletzt hatten wir zusammen in Manfreds Wohnung gelebt.

Manfred: Meine Schwester hat das Elternhaus geerbt, ich habe ein lebenslanges Wohnrecht. Es fallen also keine Mietkosten an. Im Vergleich mit anderen Auswanderern ist das natürlich eine luxuriöse Situation, denn im Zweifel könnten wir jederzeit nach Deutschland zurückkehren.

Wie kann man sich den Aufbruch vorstellen?

Manfred: Ganz einfach. Wir haben uns einen Sprinter gemietet und ihn mit dem Nötigsten vollgemacht: ein paar wenige Möbel, Kleidung, Geschirr.

Connie: Ein wohltuender Prozess: Sich mal zu überlegen, was man wirklich braucht. Loslassen.

Manfred: Für die Anfahrt haben wir uns eine ganze Woche Zeit gelassen. Es ging immer weiter die Küste runter. Wir haben es genossen, uns auf die Art dem Ziel zu nähern.

Und dann hatten Sie ein neues Zuhause. Wie fühlte sich das an?

Connie: Gut.

Manfred: Und auch sicher. Es gibt dort so gut wie keine Kriminalität. Und die Nachbarn waren sehr freundlich.

Waren das Deutsche?

Manfred: Nein, fast nur Einheimische. Die Wohnung befand sich etwas abseits der Touristenhochburgen, die alle in Küstennähe sind. Wir wohnten schön ruhig und ländlich, in Richtung Hinterland gehend, mit den Bergen im Blick.

„Das Klima hat sich sofort bemerkbar gemacht“

Connie: Das Meer war ja trotzdem nah. Wir sind viel baden und viel mit unserem Hund am Strand spazieren gegangen.

Manfred: Das Klima hat sich sofort bemerkbar gemacht. Wo uns bis eben die Restkälte des typisch deutschen Frühlings mit viel Regen in den Knochen steckte, war plötzlich Leichtigkeit.

Connie: Wir sind im Sommer angekommen. Aber auch der Herbst war toll! Der „Altweibersommer“ ging bis in den Dezember, man konnte jetzt immer noch ins Meer.

Wie ging es finanziell, wenn man fragen darf?

Manfred: Da muss man differenzieren. Anfangs war es die helle Freude, essen zu gehen. Wir hatten ein Lieblingslokal, da waren wir oft. Zwei Dönerteller, Bier und Rotwein für umgerechnet 20 Euro - wo kriegt man das in Deutschland?

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Connie: Die Miete lag bei 350 € monatlich. Da kann man nicht meckern. Und die Nebenkosten waren ein Witz.

Manfred: Drei bis vier Euro im Sommer. Monatlich. Im Winter blieben wir bei unter zehn Euro – und das, obwohl Connie leicht friert. Das glaubt dir in Deutschland kein Mensch.

Connie: Klar haben wir aus der Ferne beobachtet, wie die Preise daheim explodierten. Ein Grund mehr, sich zu sagen: alles richtig gemacht.

Stichwort soziale Kontakte: Wie lief es da?

Connie: Gut.

Sind Sie in Kontakt mit anderen Auswanderern angekommen?

Manfred: Ja, wir waren einige Male bei einem deutschen Rentnerstammtisch. Das war aber überhaupt nicht unser Ding. Ich sag mal so: Wenn ich zum Oktoberfest will, kann ich in Deutschland bleiben… Und Weihnachten…. wie manche das zelebriert haben! Mit Weihnachtsbäumen und Schlagern. Was soll der Quatsch? Da kann ich in Deutschland bleiben. Die türkische Mentalität ist wunderbar. Irgendwann muss man sich entscheiden. Will ich wirklich neu anfangen? Dann sollte Schluss sein mit den jahrzehntelangen Wiederholungen. Platz für Neues! Offen sein für die andere Kultur.

„Wir sind von Nachbarn spontan zu einer Hochzeit eingeladen worden“

Sind Sie das denn?

Manfred: Ich glaube schon. Gleich in den ersten Tagen sind wir von Nachbarn ganz spontan zu einer Hochzeit eingeladen worden. Sowas kommt nicht von ungefähr.

Connie: Eine andere Nachbarin bat uns, dass wir ihr beim Pflanzen der Erdbeeren helfen. Im Gegenzug hat sie für uns Piroggen gebacken.

Manfred: Oder die Oma, die ein paar Meter von unserem Balkon weg Oliven geerntet hat. „Schiebt mal die Leiter rüber“, rief sie uns zu.

Auf Türkisch?

Manfred: Das können wir beide nicht, aber dann verständigt man sich eben mit Händen und Füßen. Englisch ging auch ganz gut. Und nicht wenige Türken können überraschenderweise Deutsch. Jedenfalls haben wir der Oma beim Ernten geholfen. Sie brachte uns dafür einen halben Eimer Oliven. Die Menschen in der Türkei sind extrem zugewandt und herzlich. Kaum saßen wir auf unserem Balkon, sind wir ganz automatisch in Kontakt gekommen.

Connie: Aber dann wurde das mit dem Balkon leider schwierig…

„Die Aussicht in die Berge war plötzlich weg“

Warum?

Manfred: Im zweiten Jahr ging es los. Die Gegend hinter unserem Haus wurde bebaut. Der deutsche Bauboom damals in den 70ern war nichts dagegen.

Connie: Die Aussicht in die Berge war plötzlich weg.

Manfred: Und die Betonmischer fuhren bis nach Mitternacht. Sowas wäre in Deutschland natürlich undenkbar.

Connie: Jetzt kam eins zum anderen. Seit einiger Zeit ziehen die Preise in der Türkei massiv an. Das Niveau liegt in der Zwischenzeit in der Nähe von Deutschland.

Manfred: 400 Lira für zwei schöne Essen und zwei Gläser Wein? Das gibt es nicht mehr. Jetzt musst du 1000 oder 1200 Lira bezahlen.

Connie: Auch unsere Miete hat sich im Laufe der zwei Jahre fast verdoppelt und lag am Schluss bei 650 €. Die Leichtigkeit war damit ein Stück weit weg. In der ersten Zeit sind wir abends oft noch mal spontan raus. Wegen der Hitze geht das Leben in der Türkei ja ein Stück weit erst zur späten Stunde los. Uns hat das immer sehr gefallen: Ein bisschen durch die Straßen laufen, spontan was essen gehen. Aber das haben wir wegen der gestiegenen Preise immer seltener gemacht. Fakt ist: Finanziell hätten wir so nicht mehr lange weitermachen können.

Haben Sie deswegen beschlossen, zu gehen?

Manfred: Die finanzielle Situation war das eine. Das andere war die Bürokratie. Stress pur.

Was genau meinen Sie?

Manfred: Eigentlich alles. Du brauchst eine Lizenz, um ein Bankkonto zu eröffnen und Geschäfte tätigen zu können. Um die Lizenz zu bekommen, brauchst du einen türkischen Notar mit Dolmetscher, welche den Behörden glaubhaft versichern müssen, dass du vertrauenswürdig bist. Bei der Aufenthaltsberechtigung ist es ähnlich. Es ist gar nicht so leicht, jemanden zu finden, der da hilft. Wenn du wenig Menschenkenntnis hast, fällst du auf jeden Deppen rein, der meint, er könnte dir was andrehen.

„Man muss höllisch aufpassen“

Ist Ihnen das denn passiert?

Connie: Nicht direkt, aber man läuft permanent Gefahr, abgezockt zu werden, wenn man nicht höllisch aufpasst.

Manfred: Bei den Behördengängen selbst hängt vieles vom Goodwill der Leute in den Ämtern ab.

Connie: Ein Beispiel ist das Auto. Nach zwei Jahren muss man damit außer Land, für sechs Monate draußen bleiben. Es sei denn, man beantragt eine türkische Zulassung. Dafür muss man aus Ausländer den aktuellen Zeitwert des Wagens hinterlegen.

Manfred: Das ist verlorenes Geld. Wieso will der Staat Geld für mein Privateigentum haben?

Connie: Geld, das man erst wiedersieht, wenn man die Türkei für immer verlässt und den Wagen final dort abmeldet.

Manfred: Auch sonst ist das Thema Mobilität schwierig.

Connie: Einmal ist Manfred mit dem Flieger nach Deutschland, seinen Vater besuchen. Für diese Zeit durfte das Auto nicht auf unserem Stellplatz bleiben. Es war verrückt: Wir mussten extra nach Alanya fahren und es abmelden und dann auch noch eine tägliche Gebühr fürs Abstellen auf dem Parkplatz beim Zoll bezahlen. Erst, als Manfred wieder da und das Fahrzeug wieder angemeldet war, konnten wir das Auto „auslösen“.

Manfred: Jeder erzählt einem was anderes, es sei denn man gerät an wirklich gute Leute. Oder man ist zu kleinen „Gefälligkeiten“ bereit und steckt den Leuten hier und da was zu. Kurzum: Das Gesamtbild hat für uns irgendwann einfach nicht mehr gepasst.

„Wir waren ja schon mal mutig gewesen. Wieso sollte das nicht erneut klappen?“

Connie: Das war deprimierend, aber nur kurz. Wir waren ja schon mal mutig gewesen. Wieso sollte das nicht erneut klappen?

Wieso mutig? Planten Sie nicht die Rückkehr nach Deutschland?

Manfred: Auf keinen Fall. Deutschland ist für uns keine Option mehr.

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Connie: Ich habe dann wie beim letzten Mal im Internet gesucht. Irgendwie bin ich auf diese Seite gestoßen: www.rentnerglück.de . Ein deutschsprachiger Bulgare, der vor Ort mehrere Häuser gekauft und auf deutschen Standard gebracht hat. Jetzt vermietet er sie.

Manfred: Diesmal sind wir volles Risiko gegangen, haben den Sprinter gepackt und sind los.

Nach Bulgarien?

Manfred: Genau. Als wir ankamen, schien die Sonne. Es gab zwar kein Meer - das ist eine gute Fahrstunde weit weg - aber dafür einen Pool. Da sind wir sofort rein. Es waren Anfang April schon fast 30 Grad.

Connie: Wir leben wieder sehr ländlich, aber diesmal sieht auch nichts nach einem Bauboom aus. Die Gegend ist unheimlich grün, Natur pur. Viele Bäume, viel Landwirtschaft. Wir sehen oft Störche, und Fasane.

Manfred: Für das Haus, circa 200 m², zahlen wir 590 € Miete. Mit Keller und Garten. Top Standard. Und jetzt haben wir einen eingezäunten Garten, wo der Hund rennen kann.

Von der Türkei nach Bulgarien: „Wir freuen uns jetzt schon aufs Ankommen“

Connie: Ganz wichtig: Das Klima stimmt. Die Winter sollen hier zwar etwas länger und auch strenger sein als in der Türkei. Aber kein Vergleich zu der klammen, nicht enden wollenden Kälte in Deutschland! Wir waren gerade erst wieder für vier Wochen da und habe den Dauerregen erlebt. Schrecklich. Aktuell befinden wir uns auf der Rückreise. Wir freuen uns jetzt schon aufs Ankommen, das sich wie Heimkommen anfühlt! Nach gerade mal vier Wochen, die wir in Bulgarien bislang netto gelebt haben.

Stichwort soziale Kontakte: Wie ist es diesmal?

Manfred: Wir haben den Eindruck, dass die Einheimischen sehr nette, natürliche Leute sind. Aber nach der kurzen Zeit kann man da natürlich noch nicht so viel sagen. Anders als in der Türkei sind wir jetzt von vielen Deutschen umgeben. Das ist natürlich in Ordnung und hier und da sogar hilfreich, aber wir wollen uns nicht abschotten. Wir haben daher bereits einen Online-Sprachkurs in Bulgarisch gemacht.

Connie: Mal schauen, wo sich Anknüpfungspunkte ergeben. Vielleicht in der Kneipe, in die wir öfter gehen?

Manfred: Auf ein Bier für einen Euro. Sowas nenne ich lebenswert. Oder der Restaurantbesuch neulich. Connie hatte eine Pizza, ich einen Braten. Dazu drei Gläser Rotwein und ein Bier. 21 €.

Connie: Wo bekommt das man in Deutschland?

Manfred: Sollen sie unsere neue Bleibe in der Heimat doch ruhig das Armenhaus Europas nennen - und weiter mit all den Problemen kämpfen, die Deutschland zwischenzeitlich hat. Ohne uns. Es lässt sich gut an hier. Auch in Sachen Bürokratie. Man geht alle fünf Jahre zur „Stadt“, bekommt eine Daueraufenthaltserlaubnis – beliebig verlängerbar. Damit hat man eine bulgarische ID, bekommt für lau das Auto umgemeldet, kann ein Konto eröffnen und so weiter. Nicht zu vergessen: Hier wird nicht gegendert und es werden auch keine Kriegstrommeln geklopft. Bulgarien ist ein schönes, unkompliziertes Land. Wir lieben es.