Der Tag, an dem "Icke" Häßler um 29 Zentimeter wuchs

Denis de Haas

Wer Anfang der 1980er-Jahre auf die Welt kam, konnte ein außergewöhnliches Turnier mit Kinderaugen genießen: die Fußball-WM 1990 in Italien. 

Udo Jürgens besang zuvor in roter Lederjacke und von den DFB-Stars begleitet die Fahrt über den Brenner. Lothar Matthäus zeigte dann im ersten Gruppenspiel ein Weltklasse-Solo plus Torerfolg.


Es folgten so viele besondere Momente: Der Skandal-Platzverweis für Rudi Völler gegen die Niederlande. Bodo Illgners Parade im Elfmeterschießen gegen England. Andreas Brehmes Strafstoßtor zum Titelgewinn gegen Argentinien. Franz Beckenbauers einsamer Spaziergang über den Rasen des Stadio Olimpico in Rom.

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Die deutschen Fußball-Fans genossen den italienischen Sommer. Gianna Nannini und Edoardo Bennato lieferten mit "Un'estate italiana" die passende Hymne dazu.

Nasskalter Herbsttag in Köln

Allerdings hätte es die Jubelschreie in deutschen Wohnzimmern nicht gegeben, wenn Thomas "Icke" Häßler nicht gewesen wäre. Er legte den Grundstein zum Titelgewinn bereits an einem nasskalten Herbsttag in Köln.

Es war vor 30 Jahren, am 15. November 1989, als es für Deutschland um die WM-Teilnahme ging. Die Mannschaft von Teamchef Franz Beckenbauer hatte sich durch die Qualifikation gequält. Ein 0:0 in München gegen die Niederlande. Ein 1:1 beim Rückspiel in Rotterdam. Dazu eine Nullnummer bei den Walisern in Cardiff.


Die Ausgangslage vor dem abschließenden Gruppenspiel war klar: Deutschland musste in Köln gegen Wales gewinnen, um zu den besten Zweitplatzierten der Vierergruppen zu gehören. Dänemark hätte zuvor am Nachmittag noch Schützenhilfe leisten können, doch die Skandinavier verloren ihr Qualifikationsspiel gegen Rumänien mit 1:3.

"Wir wollten uns nicht auf andere verlassen, denn dann wären wir verlassen gewesen", sagte Lothar Matthäus kurz vor dem Anpfiff im ZDF-Gespräch mit Günther Jauch. Der Nationalmannschafts-Kapitän fehlte in Köln verletzt. 

Matthäus sitzt auf der Tribüne

Matthäus erklärte Jauch, dass er das Spiel aber von der Tribüne aus verfolgen werde. "Die Bank in Köln ist nicht so breit und man hat einen schlechten Überblick. Ich schaue mir das Spiel lieber von oben an", sagte der damalige Profi von Inter Mailand.

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Auf der Tribüne erlebte Matthäus einen frühen Schock. Stefan Reuter vertändelte den Ball, Klaus Augenthaler rutschte bei einem Rettungsversuch weg und der walisische Angreifer Malcolm Allen überwand Bodo Illgner. 0:1 nach nur elf Minuten.

Das Bangen begann. Deutschland drohte das Aus für die WM. Sechs Tage zuvor hatten die Menschen im Land noch den Mauerfall bejubelt. Jetzt sah es nach sportlicher Tristesse aus.

Ein typisches Völler-Tor

Rudi Völler brachte die Hoffnung zurück. Eckball Andreas Möller, Kopfball Klaus Augenthaler und der deutsche Torjäger vollendete. Es war ein typisches Völler-Tor. Im Fallen spitzelte er den Ball über die Linie. Nach 25 Minuten stand es also 1:1. Doch ein Treffer fehlte noch.

Das Problem für Deutschland: Der walisische Torwart Neville Southall wuchs an dem Abend über sich hinaus. Er brachte die DFB-Angreifer mit seinen Paraden zur Verzweiflung. Bis zum Halbzeitpfiff blieb es beim 1:1.


"Jungs, noch 45 Minuten bis Italien", brüllte Ersatzkapitän Pierre Littbarski dann in der Kabine. Er ließ seinen Worten Taten folgen. Drei Minuten nach Wiederanpfiff tanzte Littbarski zwei Gegenspieler aus und flankte in die Mitte. Der Ball wurde leicht abgefälscht, am zweiten Pfosten lauerte "Icke" Häßler. Er zog direkt ab - und traf. Ein Traumtor mit dem schwachen linken Fuß.

Die 60.000 Zuschauer im Müngersdorfer Stadion machten Lärm. Dass in Littbarski und Häßler ausgerechnet zwei Profis des 1. FC Köln für die Führung sorgten, passte ins Bild.

Littbarski verschießt - Deutschland jubelt dennoch

Wales versuchte noch mal alles. Doch der Offensive um Mark Hughes von Manchester United gelang der Ausgleich nicht mehr. Littbarski verschoss noch einen Foulelfmeter (77.), das störte am Ende aber niemanden.

Die Spieler rannten nach Abpfiff auf Häßler zu. Der 1,66 Meter kleine Held von Köln genoss den Moment, der ihm prompt einen Wachstumsschub bescherte. "Heute fühle ich mich wie 1,95", erzählte Häßler den Journalisten. "Es war, wie ich es vorher geträumt hatte."

Den wunderschönen Treffer wählten die Zuschauer der ARD-Sportschau später zum Tor des Jahres 1989.

Die wahre Belohnung für seinen Geniestreich gab es im Sommer 1990. Da hielt "Icke" Häßler dann den WM-Pokal in den Händen.