Tag der Pressefreiheit: Stimmen, die uns fehlen

„Projekt 61“: Berliner Zeitung und Havas erinnern an die 2016 getöteten Reporter.

Zum Tag der Pressefreiheit starten die Berliner Zeitung und die Agentur Havas aus Düsseldorf ein Projekt zur Erinnerung an alle Journalisten, die 2016 in Ausübung ihres Berufs getötet wurden. 61 Kollegen kamen ums Leben, 61 Stimmen verstummten, an sie wollen wir in der Zeitung und auf dem Online-Portal „zeitung-61.de“ erinnern. Um den kritischen Stimmen der verstorbenen Kollegen Gehör zu verschaffen, erheben 61 Redakteure noch einmal die Stimme in deren Sache. Sie schreiben über die Themen, die die getöteten Kollegen beschäftigt haben und über ihr Leben als bedrohte Journalisten.

Zum Auftakt geht das Online-Portal „zeitung-61.de“ am Tag der Pressefreiheit mit den ersten drei Beiträgen live, diese Porträts lesen Sie auch auf dieser Zeitungsseite. Bis zum Jahresende werden auf der Website alle weiteren 58 Journalisten gewürdigt. Das Projekt, das auch in den sozialen Medien präsentiert wird, soll die Bedeutung der freien Presse ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken.

Mit unserer Hommage wollen wir den verstorbenen Journalisten unseren Respekt für ihren Einsatz zollen und ihren kritischen Stimmen ein Echo geben. Renommierte Autoren der Berliner Zeitung und weiterer Titel werden ihre Beiträge zur Verfügung stellen. „In Zeiten weltweiter politischer Unruhen, zunehmender Entdemokratisierung und der Bedrohung der freien Presse ist es wichtig, ein deutliches Zeichen zu setzen“, sagt dazu Andreas Henke, der Chief Creative Officer der Agentur Havas in Düsseldorf.

Die Bombe - Pawel Scheremet, gestorben in der Ukraine

In der Nachrichtenhierarchie westlicher Medien ist die Ukraine ein wenig nach unten gerutscht. Überwiegend scheint es so, in Anspielung auf den berühmten Roman von Erich Maria Remarque, als gäbe es im Osten nichts Neues. Das ist leider nicht einmal falsch – denn es gibt weiterhin beinahe täglich Tote, Soldaten und Zivilisten gleichermaßen. Auch Journalisten. Am 20. Juli 2016 starb Pawel Scheremet, als unter seinem Wagen eine Bombe detonierte. Der 44-jährige gebürtige Weißrusse war auf dem Weg zur Arbeit in der Redaktion der Ukrajinska Prawda, mitten in Kiew.

Der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt. Und das ist nicht zuletzt der Situation geschuldet, die Pawel Scheremet immer wieder beschrieben hat: In der Ukraine herrscht Anarchie. Weder hat das Minsker Abkommen die Ostukraine befriedet – ganz im Gegenteil. Noch ist es nicht gelungen, in dem Land rechtsstaatliche Strukturen und demokratische Institutionen zu verankern und das Land ökonomisch auf Wachstumskurs zu bringen. So macht sich in Kiew bereits vielerorts die Befürchtung breit, die Situation könne in einem Militärputsch eskalieren.

Auch Pawel Scheremet warnte vor einem möglichen Staatsstreich, zuletzt in einem Artikel, den er drei Tage vor seinem Tod veröffentlichte. Womöglich hat nur der Umstand, dass vergangenen Juli der Putsch in der Türkei niedergeschlagen wurde, Ähnliches in der Ukraine verhindert. Eventuell aber nur aufgeschoben. Die Lage ist gespannt. Und das Schicksal der Ukraine von einer unheiligen Allianz zweier Machtpole gelenkt: von Präsident Petro Poroschenko und dessen Geheimdienst SBU – und den russophoben Radikal-Patrioten, deren paramilitärische Freiwilligen-Bataillone für die Gewalt-Exzesse auf dem Maidan verantwortlich waren und die Aggression gegen die russischen Separatisten im Donezbecken schürten.

Das Ergebnis ist ein gesetzloser Zustand. Stets am Rande eines weiteren Maidan, wenn nicht eines Staatsstreichs, und von den Ultra-Rechten permanent dem Vorwurf ausgesetzt, zu russenfreundlich zu sein, wagt es kein politischer Funktionsträger, gegen die Nazi-Bataillone vorzugehen, auch Journalisten, Richter und Wirtschaftsbosse geben klein bei oder wedeln besser mit den Nationalfarben, wenn sie ihren Job, ja wenn sie ihr Leben behalten wollen.

Wie weit die Macht dieser Paramilitärs reicht, zeigt ein Beispiel aus dem vergangenen Sommer. Da waren zwei Manager, ein Vorstandsmitglied des staatlichen Öl- und Gasversorgers Naftogaz und der Vize-Chef des Düngemittelherstellers Odessa Port Plant der sicher geglaubten Verurteilung wegen Veruntreuung von Firmenvermögen entkommen. Aber nicht etwa aus Beweismangel oder schlampiger Arbeit des Anti-Korruptionsbüros. Sondern weil Männer in Kampfanzügen zwei Tage lang die Arbeit des Gerichts blockierten und so lange Chaos und Angst schürten, bis die Männer frei waren. „Männer in Kampfanzügen sind inzwischen, wenn nicht über dem Recht, dann doch zumindest in der Lage, die Rechtsprechung zu paralysieren“, kommentierte Scheremet, der als einziger von dem Fall berichtete.

Besonders einflussreich und besonders rigoros ist das Regiment Asow. Es umfasst mehr als 800 Kämpfer, wird von Innenminister Arsen Awakow sanktioniert und stellt mit dem früheren Kommandeur Wadim Trojan seit Ende letzten Jahres sogar den ukrainischen Polizeipräsidenten. An der Spitze dieser ultra-nationalen Privatarmee steht Andrij Bilezkyi, ein ausgewiesener Nazi, der auch als unabhängiger Kandidat im Parlament sitzt und von Präsident Poroschenko 2014 für seinen Einsatz in der Ostukraine mit dem Orden „Für Tapferkeit“ ausgezeichnet wurde.

Vergangenen November, am Jahrestag des Beginns der Maidanbewegung, ließen die rechten Schläger eine bis dahin friedliche Gedenkveranstaltung in Gewalt ausarten. Rund 500 teils vermummte Rekruten des Regiments Asow zogen mit Sprechchören wie „Ruhm der Ukraine – Tod den Feinden“ durch Kiew, zerlegten eine Filiale der russischen Bank Sberbank sowie einen Schönheitssalon,...Lesen Sie den ganzen Artikel bei berliner-zeitung

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