Taliban feiern Abzug der letzten US-Soldaten

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"Ihr hattet die Uhren, aber wir hatten die Zeit": Selbstbewusst feiern die Taliban den Abzug der letzten US-Soldaten. Und auch jene, die nicht zu ihren Anhängern zählen, wissen: Das ist eine Zeitenwende.

Der Mann, der die Szene am Flughafen Kabul filmt, ist aufgeregt. "Maulawi Sahib, wie fühlen Sie sich?" fragt er einen anderen Mann, der zwischen mehreren Bewaffneten über das Gelände läuft. Doch die Männer reden alle durcheinander. Zu hören ist, dass die Taliban-Kämpfer einander an diesem frühen Dienstagmorgen (Ortszeit) gratulieren. Zu hören sind auch Schüsse. Maulawi Sahib sagt schließlich Richtung Kamera: "Bitte, liebe Mudschahedin, schießt nicht, feiert auf eine andere Weise! Betet oder seid fröhlich!"

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Erst kurz vor den mahnenden Worten des Mannes war der Himmel über Kabul ruhig geworden. Rund zwei Wochen lang war der Lärm ohrenbetäubend - ohne Unterlass waren Militärmaschinen am Flughafen der afghanischen Hauptstadt ein- und ausgeflogen, Kampfjets über die Stadt gefegt und knatternde Hubschrauber wie Shuttle-Dienste unterwegs gewesen. Um Mitternacht Ortszeit schien nun alles vorbei. Mit großen Militärmaschinen hatten kurz zuvor die letzten US-Soldaten den Flughafen verlassen - und die USA damit ihren Militäreinsatz in Afghanistan nach fast 20 Jahren beendet.

Taliban-Kämpfer der Fateh-Zwak-Einheit feiern vor dem Flughafen (Bild: MARCUS YAM / LOS ANGELES TIMES)
Taliban-Kämpfer der Fateh-Zwak-Einheit feiern vor dem Flughafen (Bild: MARCUS YAM / LOS ANGELES TIMES)

Ihr Abflug macht dem mahnenden Maulawi Sahib und anderen Taliban-Kämpfern den Weg auf das Flughafengelände frei, das sie sogleich erkunden. Ein Reporter der "Los Angeles Times" läuft mit mehreren Kämpfern einer Spezialeinheit der Taliban in einen Flugzeughangar im militärischen Teil. In einem Video ist zu sehen, wie Männer mehrere Chinook-Helikopter inspizieren - sie wirken wie US-Soldaten. Es sind aber Taliban, die auf ihrem militärischen Eroberungszug quer durch das Land viel Beute gemacht haben - soviel, dass sie nun von ihrer Ausrüstung her kaum von US-Soldaten zu unterscheiden sind.

Die Bitte von Maulawi Sahib, doch nicht in die Luft zu schießen, um den Sieg über die Supermacht USA zu feiern, scheint in der allgemeinen Aufregung untergegangen zu sein. "Sie haben sicher zwei Stunden lang durchgeschossen", erzählt Omid, ein Unternehmer aus Kabul der Deutschen Presse-Agentur am Telefon. Freudenschüsse seien ja in Kabul keine Seltenheit, die Menschen würden losfeuern, wenn sie eine Hochzeit feierten, ein Sohn geboren werde oder ein afghanischer Mixed-Martial-Arts Kämpfer einen Wettbewerb gewinnt. "Aber so etwas habe ich noch nie erlebt."

Ein Taliban-Kämpfer der Fateh-Zwak-Einheit begutachtet einen zurückgelassenen US-Hubschrauber (Bild: MARCUS YAM / LOS ANGELES TIMES)
Ein Taliban-Kämpfer der Fateh-Zwak-Einheit begutachtet einen zurückgelassenen US-Hubschrauber (Bild: MARCUS YAM / LOS ANGELES TIMES)

Wie er sich denn nun fühle, nach dem Abzug der Amerikaner? Die Frage bringt den 41-Jährigen in Rage. "Das war doch die dümmste Evakuierungsaktion, die es je gab", sagt er. "Die haben nur ihre eigenen Staatsbürger und danach Diebe und Kriminelle aus dem Land gebracht, und wir, die mit Berechtigungen, sitzen noch immer hier", schimpft er. Aber was denn der Abzug des letzten US-Soldaten nach 20 Jahren in seinem Land für ihn bedeute? "Ich fühle mich hilflos", sagt Omid nach einer langen Pause. "Ich will doch einfach nur würdevoll das Land verlassen."

Auch ein Soldat aus der Provinz Pandschir antwortet am Telefon mit schwacher Stimme, er könne diese Frage nicht beantworten. "Ich kann mich doch damit jetzt nicht beschäftigen. Ich habe zwei Minibusse nach Masar-i-Scharif organisiert, und ich weiß noch nicht, ob meine Familie heil angekommen ist". Von dort solle die Familie irgendwie über die Grenze nach Usbekistan. Was denn die Fragen über die Amerikaner jetzt sollten, schimpft er, und legt auf.

Die Frage wurde dafür ausführlich von Taliban beantwortet. Anas Hakkani war der erste hochrangige Islamist, der sich äußerte. "Wir schreiben wieder Geschichte. Die 20-jährige Besetzung Afghanistans durch die USA und die Nato endete heute Abend. Gott ist groß." Er sei sehr glücklich, nach 20 Jahren des Dschihad, auf dessen Opfer und Härten er stolz sei, nun diese historischen Momente zu sehen.

Kämpfer der Fateh-Zwak-Einheit der Taliban beten auf dem Flughafen (Bild: MARCUS YAM / LOS ANGELES TIMES)
Kämpfer der Fateh-Zwak-Einheit der Taliban beten auf dem Flughafen (Bild: MARCUS YAM / LOS ANGELES TIMES)

Der Sprecher der Taliban hat der afghanischen Bevölkerung gratuliert. "Dieser Sieg gehört uns allen", sagte Sabiullah Mudschahid auf der Start- und Landebahn des Flughafens vor einer kleinen Menschenmenge nur wenige Stunden, nachdem der letzte US-Soldat das Land verlassen hatte.

Die Taliban wünschten sich gute Beziehungen mit den USA und der Welt. Man hoffe, dass Afghanistan nie wieder besetzt werde und das Land wohlhabend und frei bleibe - eine Heimat für alle Afghanen, die islamisch regiert werde. Mudschahid hoffe, dass die Taliban-Kämpfer nun die Menschen gut behandelten. Die Nation habe es verdient, in Frieden zu leben. "Wir sind die Diener der Nation, Gott bewahre, dass wir über die Nation herrschen", sagte er.

In sozialen Medien beglückwünschen sich Taliban-Anhänger gegenseitig. "Gratulationen an alle", hieß es, "Afghanistan ist frei". Andere schreiben, der Mythos der amerikanischen Unbesiegbarkeit sei in Afghanistan zerschlagen worden. Und: "Ihr hattet die Uhren, aber wir hatten die Zeit."

Eine Taliban-Delegation um Sabiullah Mudschahid (Mitte mit Schal) kommt zur Pressekonferenz auf den Flughafen (Bild: AFP / WAKIL KOHSAR)
Eine Taliban-Delegation um Sabiullah Mudschahid (Mitte mit Schal) kommt zur Pressekonferenz auf den Flughafen (Bild: AFP / WAKIL KOHSAR)

Der Unternehmer Omid ist in dieser Nacht verzweifelt: Die Zeit, so wie sie war, sei nun endgültig vorbei. "Die Taliban werden nun ihre wahren Gesichter zeigen", ist er überzeugt. Diese seien gewalttätiger und extremistischer, als sie die Afghanen bisher gesehen hätten. Bislang hätten sich die Taliban in Kabul zurückgehalten. Seit ihrer Machtübernahme Mitte August hätten sie sich gemäßigter und versöhnlich gegeben. Omid aber erwartet, dass sie ab nun etwa nicht mehr nur die Häuser von Regierungsbeamten und Sicherheitskräften durchsuchten. "Bald werden sie auch vor meiner Tür stehen."

Eine Episode will Omid noch erzählen: Am Freitag sei er aus der Stadt hinausgefahren, in die Provinz rund um Kabul. Die Taliban-Kämpfer dort seien völlig anders als jene, die gerade in der Hauptstadt seien. "Ich fürchte mich nicht schnell, aber diese Menschen haben mich erschreckt", sagt Omid. "Ihre Augen dürsten nach Rache."

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