Taliban gewinnen in Afghanistan an Boden - Biden möchte lieber "über schöne Dinge reden"

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Ein afghanischer Soldat an einem Checkpoint in der Näher der evakuirten NATO-Basis Bagram (Bild: REUTERS/Mohammad Ismail)
Ein afghanischer Soldat an einem Checkpoint in der Näher der evakuirten NATO-Basis Bagram (Bild: REUTERS/Mohammad Ismail)

Der weitere Vormarsch der Taliban im Norden Afghanistans und Aussagen von US-Präsident Joe Biden haben in dem Krisenland Panik und Enttäuschung ausgelöst. Seit der Räumung von Bagram, der größten US-Basis und Nervenzentrum des US-Einsatzes in Afghanistan am Freitag, konnten die Islamisten mindestens 13 Bezirke erobern.

Das Weiße Haus kündigte am Wochenende an, den Abzug der US-Truppen bis Ende August abzuschließen. Auf eine Nachfrage zu den jüngsten Gebietsgewinnen der Taliban sagte US-Präsident Joe Biden am Sonntag, es sei der 4. Juli, der Nationalfeiertag, und er werde nicht mehr über Afghanistan reden. "Ich möchte über schöne Dinge reden, Mann", erklärte er.

Fausia Sultani hatte zuletzt wenig Gelegenheit, über schöne Dinge zu sprechen. Sie stammt aus der Provinz Badachschan im Nordosten Afghanistans. Dort haben die Taliban am Wochenende in einer weiteren Blitzoffensive mindestens elf Bezirke überrannt und sind noch einmal näher an die Provinzhauptstadt Faisabad herangerückt. Sultani arbeitet dort für eine Nichtregierungsorganisation, und ihr Hauptquartier hatte angesichts der sich zuspitzenden Lage nur mehr eine Anweisung: "Egal wie, raus aus der Stadt, sofort!"

Ein Viertel der Bezirke im Land haben die Taliban seit Beginn des Abzugs der internationalen Truppen Anfang Mai erobert. In den vergangenen Wochen hatten sie es vor allem auf Gebiete im Norden abgesehen - jenen Teil des Landes, wo die Islamisten in den späten 1990er-Jahren ihre härtesten Kämpfe gegen die Nordallianz, einen Zusammenschluss ehemaliger Mudschaheddin-Gruppen und Kriegsfürsten, austrugen.

Beobachter vermuten dahinter einen taktischen Zug: Die gezielte Ausrichtung auf den Norden sehe aus wie ein Präventivschlag, um die Organisation einer Opposition genau dort zu verhindern, schreibt die Denkfabrik Afghanistan Analyst Network in einer Analyse.

Fausia Sultani in Faisabad jedenfalls tat, wie ihre Vorgesetzten es angeordnet hatten, und versuchte, aus dem Norden nach Kabul zu kommen. Der Landweg ist aber mit Taliban-Kontrollpunkten gespickt, und es gab nur einen Flug aus der Stadt. Ein in sozialen Medien geteiltes Video zeigt chaotische Szenen und viele Menschen, die versuchten, auf diesen zu kommen. "Ich stecke nun hier fest."

Glücklicher waren Berichten zufolge lokale Politiker und Vertreter der Regierung, die eine Flugstunde später in Kabul landen konnten. In der Hauptstadt ist von der Panik im Norden nichts zu merken. Hier nehmen die Dinge ihren gewohnten Lauf - zumindest an der Oberfläche.

Dass auch hier nicht mehr alles passt, erkennt man an für Krisen notorischen Punkten. Am zentralen Passamt stehen trotz Corona-Pandemie Tausende Menschen dicht gedrängt um neue Dokumente an; an den großen Bushaltestellen sammeln sich junge Afghanen, die sich in den Iran - oder auch weiter - absetzen wollen. Hochbetrieb wird auch aus den Visastellen mehrerer Länder gemeldet.

Das Nachbarland Tadschikistan hat bereits vor zwei Wochen erklärt, es rechne mit einem Anstieg afghanischer Flüchtlinge. Auch pakistanische Geheimdienstler sagen, dass es erste Vorbereitungen für die Reaktivierung von Flüchtlingslagern in Pakistan gebe.

In all der steigenden Unsicherheit der vergangenen Wochen ist ein Mann fast unsichtbar geworden: Präsident Aschraf Ghani. Er gilt mittlerweile als abgehoben und realitätsfremd, westliche Diplomaten sagen, er lebe in einer Fantasiewelt. Er regiert mit einem engen Zirkel von lediglich drei weiteren Männern. Mitarbeiter und Berater, die ihm widersprechen, soll er anschreien.

Die Führungsriege der Taliban wiederum gibt sich volksnäher und verständnisvoller für akute Sorgen. Hochrangige Islamisten reisten kürzlich in die Provinz Daikundi und sprachen mit Angehörigen der Minderheit der schiitischen Hasara, Berichten zufolge um ihnen zu versichern, dass sie vonseiten der Taliban keine Probleme zu befürchten hätten. In Kabul ist in Gesprächen nun immer öfter zu hören: Wenn die Taliban ihre Brutalität einstellten, seien sie doch insgesamt besser als die korrupte Regierung.

Auch ein Soldat einer Spezialeinheit kann seine Enttäuschung über die Regierung Ghani nicht verbergen. Er und seine Kameraden würden momentan auf Harakiri-Missionen ohne Planung und gesicherte Nachschubkräfte geschickt, damit Kabul schnell dringend notwendige militärische Erfolge vorweisen könne. Jüngst habe nach einem derartigen Einsatz eine halbe Kompanie nach ihrer Rückkehr nach Kabul die Waffen fallen gelassen und sei nach Hause gegangen.

An einem Tag solle sich seine Einheit darauf vorbereiten, einen Bezirk zurückzuerobern, am nächsten hieße es, nein, sie sollten doch einen hochrangigen Taliban in einer anderen Provinz gefangen nehmen, erzählt der Soldat weiter. "Sie haben keinen Plan, was sie tun sollen, wir haben überall Gefechte."

Der Fehler liege nicht bei den nun abziehenden USA, sondern bei der korrupten Regierung: "Sie haben gedacht, die Amerikaner bleiben ewig hier und sorgen ewig für unsere Sicherheit", sagt er. Sie hätten Abermillionen an Geldern für den Aufbau der Sicherheitskräfte abgezweigt, aber keine schlagkräftige Armee aufgebaut. "Und wir, wir sollen uns jetzt für 300 Dollar Gehalt töten lassen."

Das Weiße Haus in Washington bestreitet, mit dem Abzug die Afghanen im Stich zu lassen. Mit Videokonferenzen wolle man den Streitkräften helfen, es seien weitere drei Milliarden Dollar (rund 2,5 Milliarden Euro) Hilfen für die Sicherheit vorgesehen. US-Geheimdienste befürchten, dass die Hauptstadt Kabul schon in sechs Monaten in die Hände der Taliban fallen könnte, die allermeisten Afghanistan-Experten halten das für zu pessimistisch.

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