Kämpfe in afghanischer Provinzhauptstadt Kala-i-Naw dauern an

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Afghanischer Soldat steht Wache in Kala-i-Naw

Am zweiten Tag in Folge haben sich die radikalislamischen Taliban und afghanische Streitkräfte am Donnerstag heftige Kämpfe um die Provinzhauptstadt Kala-i-Naw geliefert. Über der Stadt in der nordwestlichen Provinz Badghis stiegen dicke Rauchwolken auf. Die Regierung schickte nach der Offensive der Taliban auf Kala-i-Naw hunderte Soldaten per Hubschrauber in die Region. Der britische Premier Boris Johnson gab derweil den Abzug des Großteils der britischen Soldaten aus Afghanistan bekannt.

Der afghanische Präsident Aschraf Ghani zeigte sich dennoch zuversichtlich, dass seine Regierung die Krise bewältigen kann. Das Land befinde sich in "einer der kompliziertesten Phasen des Übergangs", sagte er in Kabul. "Die internationalen Streitkräfte gehen nach 20 Jahren hier in ihre Länder zurück, aber das Land kann kontrolliert werden."

Das afghanische Verteidigungsministerium hatte in der Nacht zu Donnerstag auf Twitter mitgeteilt, es habe hunderte Soldaten nach Kala-i-Naw geschickt, um einen "groß angelegten Einsatz" zu starten. Am Mittwoch waren die Taliban in die Stadt mit etwa 75.000 Einwohnern eingedrungen, am Donnerstag befanden sie sich nach Angaben von Bewohnern noch immer dort.

"Man kann sie auf ihren Motorrädern fahren sehen", sagte Asis Tawakoli, ein Einwohner der Stadt. "Die Geschäfte sind geschlossen, es ist kaum jemand auf der Straße." Fast die Hälfte der Einwohner sei geflohen. Hubschrauber und Flugzeuge hätten die ganze Nacht hindurch Ziele der Taliban bombardiert.

Die Situation habe sich seit Mittwoch "nicht wirklich verändert", sagte Sia Gul Habibi, Vertreterin des Provinzrates von Badghis. Es gebe "sporadische" Kämpfe in der Stadt und einige afghanische Sicherheitskräfte hätten sich den Taliban angeschlossen.

Der Gouverneur von Badghis, Hessamuddin Schams, bestätigte, die Miliz habe "ihre Angriffe in mehreren Teilen der Stadt wieder aufgenommen". Der Feind werde jedoch "zurückgedrängt und flieht". Am Donnerstag wurden nach Angaben des Leiters der Gesundheitsbehörden von Badghis, Abdul Latif Rostaee, zehn verletzte Zivilisten in das Krankenhaus der Stadt gebracht, darunter Frauen und Kinder.

Die Islamisten hatten am Mittwoch Berichten zufolge kurzzeitig mehrere Polizeireviere und Stützpunkte des Geheimdienstes eingenommen, wurden später jedoch wieder zurückgedrängt. Zudem hätten sie die Tore des Stadtgefängnisses geöffnet und hunderte Gefangene freigelassen.

Die Kämpfe scheinen sich auch auf die Nachbarprovinz Herat auszuweiten, wo die Behörden einräumten, in der Nacht zwei Bezirke an die Islamisten verloren zu haben. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtete, die Taliban hätten die Menschen aus ihren Häusern vertrieben und einige Häuser geplündert oder niedergebrannt.

Der Sturm auf Kala-i-Naw hatte am Mittwoch begonnen, nur wenige Stunden nach der Erklärung der US-Armee, dass der Rückzug aus Afghanistan zu 90 Prozent vollzogen sei. Die Taliban haben bereits eine Reihe von Gebieten in Afghanistan unter ihre Kontrolle gebracht, bisher aber noch keine Provinzhauptstadt.

Auch der Großteil der britischen Truppen hat das Land inzwischen verlassen. "Ich werde den Zeitplan unseres Abzugs nicht offenlegen", sagte Premierminister Boris Johnson am Donnerstag. Doch die meisten der 750 britischen Soldaten seien bereits abgezogen worden. US-Präsident Joe Biden wollte sich am Donnerstag ebenfalls zum US-Truppenabzug äußern.

Seit Beginn des Abzugs der US- und Nato-Truppen im Mai haben sich die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und den Taliban massiv verstärkt. Beobachter befürchten, dass die Miliz nach dem vollständigen Abzug der internationalen Streitkräfte wieder die Macht in dem Land übernehmen könnte. Die Islamisten sind in vielen Landesteilen auf dem Vormarsch.

noe/ck

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