Taliban rücken im Pandschir-Tal vor

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Kämpfer im Pandschir-Tal (AFP/Ahmad SAHEL ARMAN)

Die radikalislamischen Taliban sind am Wochenende weiter in die letzte Bastion des Widerstands in Afghanistan vorgerückt. Die neuen Machthaber am Hindukusch meldeten schwere Kämpfe im Pandschir-Tal und nahmen Berichten zufolge das Dorf Anabah sowie weitere Gebiete der Provinz nördlich von Kabul ein. US-Generalstabschef Mark Milley hält angesichts der unübersichtlichen Lage im Land den Ausbruch eines Bürgerkriegs für "wahrscheinlich". Die Taliban, deren Regierungsbildung immer noch ausstand, forderten unterdessen von Deutschland diplomatische Anerkennung und finanzielle Hilfen.

Trotz ihres schnellen Vormarsches inmitten des US-Truppenabzugs konnten die Taliban bisher eine Region nicht einnehmen - das Pandschir-Tal. Dort lieferten sich die Taliban und ihre Gegner weiterhin heftige Gefechte.

Die italienische Hilfsorganisation Emergency, die in der Region ein Krankenhaus betreibt, teilte am Samstag mit, dass Taliban-Kämpfer in das Dorf Anabah eingefallen seien. "Viele Menschen sind in den vergangenen Tagen aus den umliegenden Dörfern geflohen", erklärte die Organisation. Eine kleine Zahl Verletzter sei im chirurgischen Zentrum in Anabah behandelt worden.

Unbestätigten Berichten zufolge nahmen die Islamisten auch weitere Bezirke in der Region ein. Die Region war bereits in den 90er Jahren eine Hochburg des Widerstands gegen die Islamisten und fiel nie unter deren Kontrolle. Vor drei Wochen formierte sich in dem Tal eine neue Widerstandsbewegung unter Führung des Sohnes des 2001 getöteten afghanischen Kriegsherrn und Taliban-Gegners Ahmed Schah Massud.

Der Sprecher der neu gegründeten Nationalen Widerstandsfront (NRF), Ali Maisam Nasari, erklärte am Sonntag, dass der Widerstand im Pandschir-Tal "niemals scheitern" werde. Der ehemalige Vizepräsident Amrullah Saleh sprach allerdings von einer "humanitären Krise großen Ausmaßes" im Pandschir-Tal, da Tausende durch den "Angriff der Taliban" vertrieben worden seien. Die Aussagen lassen sich von unabhängiger Seite jedoch nicht überprüfen.

US-Generalstabschef Milley hält angesichts der Lage den Ausbruch eines Bürgerkriegs in Afghanistan für "wahrscheinlich". Er bezweifle, dass die Taliban es schaffen werden, ihre Macht zu festigen und eine funktionierende Regierung zu bilden, sagte Milley am Samstag (Ortszeit) dem TV-Sender Fox News. "Ich denke, dass zumindest die Wahrscheinlichkeit für einen größeren Bürgerkrieg sehr hoch ist."

Ein solcher Zustand begünstige wiederum das Erstarken "terroristischer Gruppen" wie Al-Kaida oder des Islamischen Staats (IS). Mit einem "Wiederaufleben des Terrorismus" rechne er "innerhalb von zwölf, 24 oder 36 Monaten", sagte Milley.

In der Debatte um die künftigen Beziehungen zu Afghanistan forderten die Taliban von Deutschland diplomatische Anerkennung und finanzielle Hilfen. "Wir wollen starke und offizielle diplomatische Beziehungen zu Deutschland", sagte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid der "Welt am Sonntag". Die Deutschen seien in Afghanistan immer willkommen gewesen.

Schon zu Zeiten des Königreichs vor etwa einhundert Jahren hätten die Deutschen in Afghanistan viel Gutes bewirkt, sagte Mudschahid. "Leider haben sie sich dann den Amerikanern angeschlossen. Aber das ist jetzt vergeben", erklärte der Sprecher, der als künftiger Informationsminister der neuen afghanischen Regierung gehandelt wird.

FDP-Außenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff warnte hingegen die Bundesregierung, Forderungen der Taliban zu erfüllen. "Wir müssen mit den Islamisten im Moment ausschließlich über die Rettung weiterer Schutzbedürftiger reden, mehr aber nicht", sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

US-Außenminister Antony Blinken will in der kommenden Woche in Deutschland mit Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) ein virtuelles Ministertreffen von 20 Ländern zu Afghanistan und dem Umgang mit den Taliban leiten.

mkü/cp

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