Talk bei Anne Will über Missbrauch in der Kirche: "Die Kirche steckt in einer Jahrtausendkrise"

Anne Will fragt ihre Talkrunde nach konkreten Maßnahmen der Kirche gegen die Missbrauchsfälle. (Foto: Screenshot / ARD)

Jahrzehntelang haben katholische Geistliche weltweit Kinder und Jugendliche missbraucht. Die Zahl der Betroffenen beträgt mehr als Hunderttausend, die Dunkelziffer ist vermutlich weitaus höher. Auf einem Krisengipfel im Vatikan hatte der Papst jetzt die Chance, die Aufklärung und einen Mentalitätswechsel voranzutreiben. Doch konkrete Maßnahmen wurden nicht beschlossen. Deshalb fragt Anne Will ihre Talkrunde: “Krisengipfel im Vatikan – wie entschlossen kämpft die Kirche gegen Missbrauch?”

Die Diskutanten

Bischof Stephan Ackermann, er ist Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen des sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich und für Fragen des Kinder- und Jugendschutzes

Johannes-Wilhelm Rörig, er ist Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung

Agnes Wich, sie ist Sozialpädagogin und Betroffene von sexualisierter Gewalt durch einen katholischen Priester

Matthias Katsch, der Sprecher der Betroffenenorganisation “Eckiger Tisch” wurde am Berliner Jesuitengymnasium Canisius-Kolleg sexuell missbraucht. Er hat sich deshalb viele Jahre später 2010 an den damaligen Rektor gewandt und die Aufklärung tausender Missbrauchsfälle in Deutschland initiiert

Heribert Prantl, er ist Mitglied der Chefredaktion der “Süddeutschen Zeitung”

Wo bleiben die konkreten Maßnahmen?

Die Abschlussworte des Papstes auf dem Krisengipfel waren zweideutig. Einerseits sagte er, kein Missbrauch dürfe jemals vertuscht werden, wie es in der Vergangenheit passiert sei und dass die Kirche nichts unversucht lassen werde, jeden der Justiz zu überstellen, der sich schuldig gemacht habe. Gleichzeitig sieht er für Priester Demut, Buße, Selbstanklage und Gebet vor, um den Geist des Bösen zu besiegen. Keine Spur von konkreten Maßnahmen, einem Missbrauch vorzubeugen. Keine Spur, die systemischen Ursachen für Hunderttausend Fälle sexueller Übergriffe auf Minderjährige in der katholischen Lehre und den Praktiken selbst zu suchen.

Hintergrund: Opfer von Krisengipfel im Vatikan zum Kindesmissbrauch enttäuscht

So eröffnet auch Katsch, sichtlich enttäuscht davon, die Runde: “Diese Art der Erklärung haben wir zuhauf von ihm gehört in den letzten sechs Jahren. Warum sollte ich dem glauben, wenn keine Taten folgen. Die Herausforderung wäre gewesen, konkrete Handlungen zu untermauern. Er hat der Welt gepredigt, dass Kinderschutz wichtig sei. Aber Gesetze der Kirche zu ändern, die Nulltoleranz verbindlich zu machen oder Regeln für die Entschädigung zu schaffen? Davon ist nichts in dieser Woche geschehen.”

Ackermann sieht es hingegen als Erfolg an, dass das Thema von der Kirche überhaupt so groß besprochen wird. Doch auch ihm fehlen Maßnahmen: “Dem Papst war es wichtig, zu zeigen, dass es ein Thema für die Gesamtkirche ist. Konkrete Maßnahmen müssen aber eingebettet sein, in eine Kultur, die sich dazu bekennt. Aus deutscher Sicht würde ich sagen, dass eine Art To-Do-Liste oder ein Arbeitsprogramm fehlt. Auf der einen Seite bin ich zufrieden, es wurde unter den Bischöfen sehr offen gesprochen. Dennoch bleibt Vieles vage.”


Die Kirche hat sich schuldig gemacht

Drastischere Töne schlagt Prantl an: “Die Kirche steckt in einer Jahrtausendkrise. Da braucht es Jahrtausendreformen.” Er habe sich zudem über den Papst geärgert, dessen Aussagen seien nur Ansammlungen von Selbstverständlichkeiten. “Dass man sich der Justiz stellt und nichts mehr vertuscht? Wo sind wir denn? Dass man sich weltlichen Rechts unterstellt, sollte selbstverständlich sein. Man muss Akten und Archive öffnen, in denen die Missbrauchstaten dokumentiert sind.”

Zudem bemängelt Prantl die faktische Basis der Missbrauchsstudie in Deutschland, weil die Wissenschaftler damals nicht selbst die Akten durcharbeiten durften, sondern vorsortierte und anonymisierte Unterlagen von Kirchenvertretern auswerteten. “Das ist keine echte Aufklärung. Ich wünsche mir eine Verschärfung des Kirchenrechts, Missbrauch ist eine Gewalttat, das muss massiv bestraft werden, Priester gehören in dem Fall entlassen, stattdessen hat die Kirche Priester Jahrzehntelang in andere Pfarreien geschickt, wenn sie straffällig waren. Die Kirche hat zugeschaut, wie Täter weiter Täter geblieben sind. Damit hat sich die Kirche schuldig gemacht.”


Ackermann gibt auch unumwunden zu: “Da gebe ich Ihnen Recht. Wir haben noch keine echte Aufarbeitung. Ich bin froh über die Öffentlichkeit, ohne den öffentlichen Druck wären wir nicht an dem Punkt, an dem wir heute sind.”

Wich, die, nachdem sie sexualisierte Gewalt durch einen Priester erlebte, aus der Kirche ausgetreten ist, sagt: “Die katholische Kirche hat sich erstmalig in ihrer jahrhundertealten Geschichte an diese Thematik herangetraut. Hinzuschauen und den Mut zu entwickeln, in die eigenen dunklen Abgründe zu blicken – der Papst ist dabei, Klarheit zu entwickeln. Das klingt sehr verschwommen. Ich habe mir eine klare Aussage gewünscht, für Täter und Vertuscher. Das habe ich nicht bekommen.”


Der Paralleljustiz muss ein Ende gesetzt werden

Rörig weist zunächst auf die Langsamkeit der Kirche hin: “Jetzt kommt es auf die nächsten Tage, Wochen und Monate an, welche Entscheidungen in der Kirche, im Vatikan und auf der deutschen Bischofskonferenz getroffen werden. Ich kann die Wut aller Betroffenen verstehen, die erwartet haben, dass sofort Beschlüssen getroffen werden. Ich konnte mir das aber nicht vorstellen, dass das kanonische Recht innerhalb von vier Tagen reformiert wird. Ich habe gelernt, in langen Zeiträumen zu denken. Hier geht es um einen Fahrplan, welche Schritte unternommen werden, um den Tätern habhaft zu werden, um Prävention zu verbessern.”

Gipfeltag im Vatikan: Kardinal Marx spricht Klartext

Nochmal Katsch, der diese Langsamkeit nicht mehr tolerieren will: „Wir diskutieren seit 1985, dem ersten großen Missbrauchsfall in den USA, über diese Themen. Es gibt in vielen Ländern Zurückhaltung gegenüber der Kirche, aufgrund des jahrhundertelangen Miteinanders zwischen Staaten und Kirche. Aber wenn es die Kirche in 30 Jahren nicht schafft, minimale Standards in ihrem Recht zu klären, wie etwa die Strafbarkeit für Verbrechen an Kinder und Jugendlichen. Dass man nicht mehr Führungskraft sein kann, wenn man so was vertuscht hat. Dann ist die Staatengemeinschaft jetzt aufgerufen, der Paralleljustiz in der Kirche ein Ende zu setzen. Der lange Atem der Kirche verursacht nur neue Opfer.“


Prantl schlägt in die gleiche Kerbe: “Es geht darum, Kinder zu schützen. Mir wäre beinahe der Griffel aus Hand der gefallen, als der Papst sagte, es gebe auch woanders Missbrauchsfälle. In Sportsvereinen und Familien. Das ist Abwimmelei, die ich dem Papst nicht zugetraut hätte. In der Kirche sind die Fälle viel zahlreicher, als in jeder anderen Institution. Keine andere Institution tritt zudem mit dem moralischen Überlegenheitsanspruch auf, wie die katholische Kirche. Diese Doppelmoral ist furchtbar. Das Fundament der Kirche wackelt und sie streichen an der Fassade rum. Man fragt nicht nach den Ursachen, nach Sexualmoral, dem Zölibat, dass Frauen keine Machtpositionen in der Kirche erlangen. Die großen Fragen werden nicht angegangen. Hier müsste ein Aufstand passieren.“


Die Öffentlichkeit muss sich weiter empören

Am Ende der Sendung diskutiert die Runde noch kurz über Anerkennungszahlungen und Entschädigungen für die Opfer durch die Kirche. Doch mehr als das Thema zu streifen, schaffen sie nicht mehr. Im vergangenen September, nach Publikation der deutschen Missbrauchsstudie, die Prantl ansprach, saß eine ähnliche Konstellation bei Maischberger in der Talkrunde.

Auch damals verurteilte man lautstark die Taten, Maßnahmen aber rückten in die Ferne. Es scheint so weiterzugehen: Die Empörung schlägt hohe Wellen mit jedem Fall, ebbt aber bald wieder ab – sofern die Öffentlichkeit keinen Druck ausübt, wird sich wohl nichts ändern. Die Kirche beweist seit Jahrzehnten, dass sie nicht bereit oder gewillt ist, aus sich selbst heraus das Problem grundsätzlich anzugehen. Mit Buße und Gebet ist keinem Opfer in der Vergangenheit oder der Zukunft geholfen.

Das könnte Sie auch interessieren:

Im Video: Papst beendet 4-tägigen Vatikan-Gipfel: “Getan hat er nichts”