Talk bei "Hart aber Fair": Wer ist alles Populist?

Mila Lemke
Freie Autorin
Zu Gast bei "Hart aber Fair" waren Boris Palmer, Guido Reil, Ralf Schuler, Isabel Schayani und Peter Filzmaier. (Foto: ARD Screenshot)

Kurz vor der Europawahl befürchtet man, dass die Rechtspopulisten gewinnen könnten. Doch wer ist überhaupt ein Populist? Frank Plasberg wollte mit seinen Gästen über den Begriff diskutieren, doch statt einer Debatte gab es eine Demonstration rechtspopulistischer Aussagen – und das gleich von zwei Gästen.

Es diskutieren:

Guido Reil (AfD): Mitglied im Bundesvorstand; kandidiert für das Europaparlament

Boris Palmer (B’90/Grüne): Oberbürgermeister von Tübingen

Isabel Schayani: Moderatorin „Weltspiegel“; Leiterin der Redaktion „WDRforyou“

Ralf Schuler: Buchautor von „Lasst uns Populisten sein. Zehn Thesen für eine neue Streitkultur“; Chefkorrespondent im Parlamentsbürde der BILD-Zeitung

Peter Filzmaier: Professor für Demokratiestudien und Politikforschung an der Donau-Universität Krems

Was für Aufregung sorgte:

Bei „Hart aber Fair“ sorgte Palmer für mehr Aufregung als Guido Reil von der AfD. Der Oberbürgermeister aus Tübingen scheint zum Rechtspopulismus abzudriften. Jüngst wetterte er gegen eine Werbung der Deutschen Bahn auf Twitter – fünf von sechs Personen besaßen einen dunklen Teint. Er schrieb: „Der Shitstorm wird nicht vermeidbar sein. Und dennoch: Ich finde es nicht nachvollziehbar, nach welchen Kriterien die ‚Deutsche Bahn’ die Personen auf dieser Eingangsseite ausgewählt hat. Welche Gesellschaft soll das abbilden?“ Was Palmer nicht wusste: alle sechs Personen waren Berühmtheiten, darunter auch der Starkoch Nelson Müller. Und so kam der Shitstorm und Palmer entschuldigte sich – eigentlich.

Bei „Hart aber Fair“ argumentiert er dann nämlich doch wieder für seinen Post. „75 Prozent der Menschen in unserem Land haben keinen Migrationshintergrund – und hier sind sechs Menschen abgebildet, die alle einen Migrationshintergrund haben", erläutert Palmer und schimpft: „Wer nicht mehr mit Zügen werben kann, der wirbt auf diese Weise“. Ihm fehle der weiße Mann in seinen Vierzigern in der Anzeige. Ein Mann wie er selbst einer ist. Es ist ein schmaler Grat zwischen Populismus und Provokation, auf dem sich Palmer bewegt. Ein paar Schritte nach rechts und er fällt wie die AfD in ein Loch, aus dem er nicht mehr herauskommt. Um das zu verhindern, schlug der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier am Anfang der Sendung einen Selbsttest vor.

Boris Palmer und Guido Reil diskutierten mit Frank Plasberg darüber, welche Aussagen populistisch sind. (Foto: ARD Screenshot)

Was es Neues gab:

Beim Selbsttest sollte sich jeder im Spiegel ins Gesicht schauen und sich fragen: Wo treibe ich die Vereinfachungen zu weit? Das kann jeder für sich ausprobieren, bei „Hart aber Fair“ forderte Plasberg den AfD-Politiker Reil allerdings auf, es für die Zuschauer einmal durchzuspielen. Und anscheinend funktioniert es, denn später gab Reil zu, dass im Wahlkampf Dinge rassistisch dargestellt werden. So schnell wie der Moment der Reflexion allerdings gekommen war, so schnell war er auch wieder vorbei. Und statt sich von der Plakatwerbung der AfD zu distanzieren, verteidigt Reil sie.

Für seine Partei hat er vor, ins Europaparlament einzuziehen und dass, obwohl er beim Wahlkampfauftakt im April sagte: „Dieses Parlament hat fertig. Die sind so überflüssig wie ein Pickel am Arsch.“ Warum Reil Teil eines Pickels werden will, weiß wohl niemand. Aber dass die AfD oft widersprüchliche Aussagen von sich gibt, ist dann doch nicht neu.

Was ein Populist ist:

Und wer aus der Runde ist nun Populist? Dem Duden zufolge ist eine Politik dann populistisch, wenn sie versucht „durch Dramatisierung der Lage die Gunst der Massen“ zu gewinnen – zum Beispiel bei Wahlen. Sprich: jede Partei ist im Grunde populistisch, jede Partei vereinfacht, jede Partei nutzt zugespitzte Wahlsprüche. Die AfD ist populistisch, wenn sie schreit, wir sind das Volk, oder wenn sie sagt, alle Asylbewerber sind Terroristen. „Es ist aber auch populistisch zu sagen, dass alle aus der AfD Neonazis sind“, meint Moderatorin Isabel Schayani. Und fügt noch hinzu: „In dieser Sendung gibt es auch viel Zuspitzung. So funktioniert Kommunikation. Man muss sich aber fragen, wann man die Realität ausblendet“.

Was man bei populistischen Aussagen machen sollte:

Äußert sich jemand populistisch, sollte man ihn also nicht verdammen. Darin sind sich die Talkshowgäste einig. „So erreicht man nur das Gegenteil. Die anderen begeben sich in die Opferrolle, igeln sich ein und ziehen noch andere an“, sagt Palmer. Und wie auf ein Stichwort wirft Reil ein: „Ich habe im Winter mit einem Kältebus Essen verteilt. Die Obdachlosen wurden sogar angehalten, nichts von mir zu nehmen.“ Aus der gesellschaftlichen Ächtung zieht Reil seine Motivation. „Jeden Tag denke ich mir, jetzt erst recht“, sagt er trotzig.

Deshalb schlägt der Buchautor Ralf Schuler vor, herauszufinden, wer in welches Lager gehört. Als ein italienisches Nobel-Restaurant sich weigerte, Weidel und Gauland zu bedienen, hätte der Wirt auch an dessen Tisch gehen können, um mit ihnen zu reden, meint er. „Verdammungsorgien“, wie Palmer den Shitstorm gegen sich nannte, „führen nur dazu, dass die Menschen in der Wahlkabine der AfD landen“. Und der Oberbürgermeister fügt noch hinzu: „Sobald ich mein Unbehagen ausdrücke, kommt die Kavallerie. Glauben Sie etwa, die sind blöd in Tübingen und haben einen Rassisten gewählt?“