Talk bei Lanz: Von Hörschäden, Streithähnen und Abenteuern

Johannes Giesler
Freier Autor
Jakob Augstein und Nikolaus Blome arbeiten sich bei Markus Lanz aneinander ab. (Bild: Screenshot / ZDF)

Eine weitere bunte Runde bei Markus Lanz: Erst erzählt Günther Beckstein über sein Cochlea-Implantat. Dann arbeiten sich Jakob Augstein und Nikolaus Blome aneinander ab. Zuletzt darf noch Laura Dekker von ihrer Weltumseglung berichten.

Die Diskutanten

Günther Beckstein, Politiker, er war bis 2008 bayerischer Ministerpräsident. Seine Schwerhörigkeit war für ihn nie ein Tabuthema.

Jakob Augstein, der Journalist und Verleger sagt: „Wir leben in einer Gesellschaft, in der Wohlstand mit normaler Arbeit kaum noch erreichbar ist.“

Nikolaus Blome, der Journalist und Autor hat gemeinsam mit Augstein das Buch „Oben und unten“ geschrieben. Blome erzählt von der Zusammenarbeit und spricht über das Thema Armut.

Laura Dekker war mit 16 Jahren die jüngste Weltumseglerin. Heute sagt die 23-Jährige: „Ich wusste genau, was ich tue.“

Hörsturz, eine „teuflische Situation“ unter Mächtigen

Den Anfang der Runde macht ein Politiker, der nicht über Politik reden möchte: „Es geht mir um Schwerhörigkeit“, sagt Beckstein, der gut sichtbar ein kleines graues Cochlea-Implantat am Schädel trägt. „Ich werbe dafür, dass man so selbstverständlich mit Hörgeräten umgeht, wie mit einer Brille.“ Doch Schwerhörigkeit gehe noch zu oft mit Senilität einher – zumindest in der Wahrnehmung des Umfelds.

Als Beckstein einen Hörsturz erleidet, ist das für ihn „eine teuflische Situation“, denn viele Politiker sprächen leiser, wenn die Themen wichtig würden. „Das ist ein Kennzeichen vieler Mächtiger, um Aufmerksamkeit zu bekommen“, sagt er. Das war im Jahr 2004, da ist er gerade Innenminister und auf der Höhe seiner Macht. „Ich wollte sogar noch weiterkommen“. Doch das ließen sein Gesundheitszustand und die politische Konkurrenz nicht zu.

Das graue Cochlea-Implantat ist gut sichtbar in seinem weißen Haar: Günther Beckstein. (Bild: Screenshot / ZDF)

In der Folge erklärt er, wie sein Hörgerät funktioniert: „Im Gehirn wird ein kleiner Computer eingebaut, dann eine Elektrode durch den Gehörgang geführt und an dem Hörknochen angeschweißt. Die natürlichen Hörnerven werden abgeschaltet. Ohne das Gerät höre ich null Prozent, unter der Dusche oder nachts nehme ich es einfach ab. Dann bin ich taub. Mit dem Computer höre ich 80 bis 85 Prozent.“

Nach der Operation musste Beckstein zudem ganz neu hören lernen, in einem eigens eingerichteten Labor. Das dauert in der Regel zwei Wochen für ein Grundverständnis, aber viel länger für anspruchsvolle Akustik, wie eine Oper. Doch im Alltag vermag der Computer mit wenigen Handgriffen das menschliche Gehör nachzuahmen: „Der Computer hat vier Programme. Zunächst ‚normal‘, dann die höchste Verstärkung, weiter geht es mit – ich nenne es das Frauen-Programm – der Verstärkung der hohen Frequenzen und zuletzt das Oktoberfest-Programm. Es filtert alle Geräusche raus, die weiter weg sind.“

Aus „rechts und links“ wird „oben und unten“

Weiter geht es mit der Politik. Lanz kündigt die beiden nächsten Gäste so an: „Zwei Männer streiten sich wie die Kesselflicker, wären sie verheiratet, würden sie sich gern scheiden lassen, doch stattdessen fällt ihnen immer noch eine Beleidigung für den anderen ein.“ Jakob Augstein und Nikolaus Blome streiten regelmäßig im Fernsehen miteinander, auf Phoenix füllen sie ein eigenes Format, jetzt haben sie ein zweites gemeinsames Buch geschrieben: „Oben und Unten – Abstieg, Armut, Ausländer“. Lanz fragt: „Letztes Mal ging es um rechts und links. Jetzt um oben und unten. Was ist passiert?“

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Augstein macht den Aufschlag: „Weil zu dem zentralen Konflikt um Verteilung und soziale Gerechtigkeit ein neuer hinzugekommen ist: ‚Wer gehört eigentlich dazu?‘ Also wer hat Macht und wer hat Geld? Das sind die Menschen oben, die sogenannten Biodeutschen. Und wer hat beides nicht, das sind alle anderen. Hauptsächlich die Migranten. So sehe ich das, Herr Blome sieht das etwas anders. Ich könnte jetzt auch seinen Text sprechen. Ich kenne ihn gut.“

Blome grätscht rein: „Aber sie können ihn nicht so klug, nicht so schön und nicht so glatt sprechen. Oben und unten lautet der Titel, weil es auf der sozialen Skala von reich und arm, von Vermögenssteuer bis Hartz IV, einfach passt. Weil viele Menschen glauben, ‚die da oben‘ verarschen uns. Die stellen sich die Frage: ‚Mir geht’s zwar gut, aber ich habe Angst, kann Zuwanderung mein soziales und kulturelles Umfeld verändern, dass ich keine Kontrolle mehr habe?‘ Das hat nichts mit Geld zu tun.“

Die beiden Streithähne: links Augstein und konservativ Blome. Foto: Screenshot / ZDF

Mehr Debattenkultur

Prinzipiell erinnern die beiden – ein offensichtlicher Vergleich – an Statler und Waldorf, die „grumpy old men“ aus der Muppet Show, die miteinander nicht können, aber ohneeinander auch nicht. So blicken sie gern süffisant, wenn der andere spricht, schütteln genauso oft dabei den Kopf. Das klingt dann so:

„Sie machen so einen genervten Eindruck.“

„Ja, von Ihnen.“

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Aber: Die beiden arbeiten sich professionell aneinander ab, machen damit vor, was der Gesellschaft ein wenig verloren gegangen ist. Sie suchen den Diskurs und hören einander zu, zwar packen sie mitunter den argumentativen Kinnhaken aus, aber sie bleiben doch meist sachlich. Sie beleidigen sich nicht, sondern wenn, dann den Standunkt des anderen. Ob sie am Ende tatsächlich Kompromisse schließen, sei dahingestellt. Sie zeigen aber auf, wie Debattenkultur und Perspektiven-Austausch funktionieren kann. Auch wenn sie dabei recht unbedacht mit Framing-Begriffen wie „Armutsindustrie“, „linken Medien“, „Sozialstaatsmilliarden“ und „Sozialporno“ nur so um sich werfen.

Mit 16 alles erlebt

Die Letzte der Runde ist die junge Weltumseglerin Laura Dekker. Das Ganze wurde ihr sozusagen in die Wiege gelegt: Geboren in Neuseeland, verbringt sie ihre Jugend auf den Weltmeeren. „Eigentlich habe ich nur ein Jahr in einem Haus gelebt“, sagt sie, den Rest auf Schiffen und unterwegs. Ihr Traum, um die Welt zu segeln, bestand seit sie acht Jahre alt war.

„Der Alleine-Part kam erst später. Erst dachte ich, das dauert sehr lange, bis ich Geld habe und ein eigenes Boot.“ Doch es hat sie früh gepackt, mit 13 Jahren ist sie ohne das Wissen ihrer Eltern durch den Ärmelkanal gesegelt. „Das ist sehr gefährlich, weil das Wetter oft schlecht ist und es viele Schiffe gibt“. Das ging dennoch gut. Also wollte sie mehr.

Ein normales Leben, nachdem sie mit 16 die Welt umsegelt hat? Unmöglich, sagt Laura Dekker. (Bild: Screenshot / ZDF)

Als der Plan öffentlich wurde, die Welt zu umsegeln, entstand großer öffentlicher Druck. Ihrem Vater, der zu dem Zeitpunkt alleinerziehend war, wurde sogar das Sorgerecht entzogen. „Das war schwieriger, als jeder Sturm auf dem Meer“, sagt sie. Für eine kurze Zeit musste sie ins Kinderheim. „Die Debatte ging nicht um mich, niemand hat geschaut, wie ich aufgewachsen bin. Es war politisch. Für mich war es schwer, weil ich immer geglaubt habe, die besten Eltern der Welt zu haben, weil sie mich immer unterstützt haben. Aber von außen hieß es, sie seien schlecht. Das hat noch jahrelang sehr weh getan.“

Doch letzten Endes hat sie die Erlaubnis bekommen, loszusegeln. „Für mich war es die große Freiheit, es war das perfekte Timing. Ich war nicht gebunden, konnte mich voll auf die Reise fokussieren. Es war mein Lebenstraum, ich habe mich selbst kennen gelernt. Nach der Reise hatte ich das Gefühl, eine Basis für mein weiteres Leben zu haben.“ Sie hat während der Weltumseglung sogar die Schule absolviert, unterwegs gelernt und an Land via Skype die Prüfungen abgelegt.

„Kann man denn danach noch ein normales Leben führen?“, fragt Augstein zum Schluss.

„Nein.“ Denn vielleicht habe sie vor dem Erwachsenenalter ihr größtes Abenteuer schon hinter sich.

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