Talk bei Lanz: Warum Sportler sich nicht mehr politisch äußern

Mila Lemke
Freie Autorin
Stefan Kretzschmar spricht darüber wie er von der AfD instrumentalisiert wurde. Foto: ZDF Screenshot

Lustig, lehrreich, spannend – diese Eigenschaften treffen selten alle gleichzeitig auf die Talkshow Markus Lanz zu. Es ist als würden Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen. Doch keine Sorge: Die spannende Runde lag vor allem an den Gästen. Ansonsten ist alles noch beim Alten. Lanz versuchte zu unterbrechen, redete gleichzeitig mit seinen Gästen, so dass die Zuschauer nichts verstanden und erwähnte Thematiken, bei denen er zuvor sagte, er spräche sie nicht an. Doch was will man mehr erwarten?

Schon die Sendung leitete Lanz mit der banalsten Frage ein, die Moderatoren wohl stellen können. Was lief eigentlich schief im Handball-Halbfinale “Deutschland gegen Norwegen”? Die Antwort von Ex-Handballspieler Stefan Kretzschmar fiel erfrischend einfach aus: „Der Gegner war schuld.“ Keine Ausreden, kein Taktikgerede, einfach nur: Die anderen waren besser. Da kann man dem Sportjournalisten Marcel Reif nur Recht geben, der sagte: „Das ist eine Mannschaft, die auch in der Niederlage noch sympathisch ist.“

Handball vs. Fußball

„Aber warum wird dann Handball nicht der neue Fußball“, will Lanz wissen. Die Antwort ist: Es ist zu schnell. Die ehemalige Moderatorin des ARD-Morgenmagazins Anne Gesthuysen meint: „Jede Sekunde passiert was.“ Wenn man einmal kurz wegschaut, kann sich der Punktestand schon verändert haben. „Ein Fußballer geht mal ein Bier holen oder zur Toilette. Handball aber ist nichts für einen gemütlichen Fernsehabend“, bestätigt Kretzschmar.

Dabei ist die Fangemeinde vom Handball groß. Über 9.000 Stadionzuschauer, Millionen vor dem Fernseher. Vor Kurzem schrieb der Kolumnist Michael Herl in der Frankfurter Rundschau über Handball: „Handball ist fairer, härter als Fußball und die Spieler haben mehr in der Birne. Kein Nationalspieler stammelt in Interviews leeres Gebrabbel, keiner beginnt seine Sätze mit „ich denke“ oder „ich glaube“, um dann mit abgedroschenen Phasen fortzufahren, wie es Fußballer nahezu alle tun.“

Warum Sportler nicht mehr anecken

Doch dieses “leere Gebrabbel” hat einen Grund. Kretzschmar äußerte sich politisch in den Medien und wurde prompt von der AfD instrumentalisiert und als “Kleingarten-Nazi” beschimpft. Konkret ging es um ein Sechs-Minuten-Video, von dem sich jeder einzelne Passagen rauspicken konnte. Auch Lanz zeigte nur einen Ausschnitt. Um sich eine Meinung bilden zu können, sollte man sich deshalb das ganze Video anschauen. Hier gibt es nur eine Zusammenfassung.

Handball: Kretzschmar fühlt sich falsch verstanden

Kretzschmar sagte, dass wir in Deutschland eine Meinungsfreiheit haben, in dem Sinne, dass wir nicht in den Knast kommen, wenn wir uns politisch äußern. Doch wer sich traut gegen den Mainstream zu argumentieren, muss mit der Kündigung von Werbeverträgen oder Konsequenzen bei der Arbeitsstelle rechnen. Die Medien wollen jemanden der aneckt. Doch wenn man aneckt, zerreißen sie einen. „Das ist die Doppelmoral unserer Gesellschaft. Niemand möchte den Stress sich zu positionieren“, so der ehemalige Handballspieler. Der Fußballer Mesut Özil beging beispielsweise diesen Fehler und musste dafür mit seinem Rücktritt aus der deutschen Nationalelf bezahlen.

In Deutschland gibt es keinen Diskurs mehr, man kann nur noch Gutmensch oder Nazi sein, es gibt nur noch schwarz oder weiß. Das sagte Kretzschmar. Er sagte nicht, dass es in Deutschland keine Meinungsfreiheit gäbe. Warum die AfD ihm zu seinem Video applaudiert, versteht er aufgrund seiner Biografie schon nicht. Mit 17 wurden er und sein Freund von Nazis zusammengeschlagen, sein Freund starb dabei. Doch, dass die Partei so auf sein Video reagierte, beweist seine These: Lieber die Klappe halten.

Fallhöhe

Sind die Medien nur noch auf Klicks fokussiert? Sportjournalist Marcel Reif erklärt, warum so gehandelt wird: „Wenn man ein charismatischer Typ ist, der in der Öffentlichkeit auftritt, dann wird er gerne überhöht. Die Medien schaffen damit Fallhöhe. Sie lassen dich nicht nach zwei Wochen fallen, aber wenn man Schwäche zeigt.“ Es ist ein Auf und Ab für Sportler im Wind des sozialen Shitstorms. Da muss man aufpassen, dass man nicht so hoch fliegt, dass man die Landung nicht mehr kontrollieren kann.

Bei Markus Lanz diskutieren Bastian Pastewka, Stefan Kretzschmar, Anne Gesthuysen und Marcel Reif. Foto: ZDF Screenshot

Die Komik des Lebens

Als Komiker hat man da größere Freiheiten. Im Zweifel war es Ironie. Doch Lanz fragt Komiker Bastian Pastewka lieber wie alt er ist, anstatt über Meinungsfreiheit. Am 4. April feiert er Geburtstag. „Ich bin beleidigt, dass ich älter werde,” meint dieser. Und das trotz gutem Sehvermögen. “Auf einem Auge habe ich 120 Prozent Sehkraft. Ich sehe mehr als da ist“, erzählt er.

Die beiden plaudern über Bastian Pastewka Leben. Über die Arztserie „Pastewka“, in welcher der Komiker einen Arzt für eine Fernsehserie spielt. Er will seiner Ex, die am Drehort arbeitet, wieder näherkommen. Sie reden über seine Zeit mit Anke Engelke als Wolfgang und Annelise. Sie sangen Schlager wie „Sehnsucht nach dem Frühling“. Funfakt am Rande: Die Leute in dem Video wurden bezahlt, damit sie klatschend auf den Bierbänken sitzen. Und Pastewka erzählte über ein Bild, auf dem er mit drei Freunden vor dem Reeperbahn-Straßenschild posiert. Es waren die Anfänge seiner Karriere. „Wir haben einmal gespielt obwohl niemand kam – einfach nur für uns“, meint Pastewka.

Sein Leben ist ganz amüsant, vor allem die abgedrehten Kostüme bringen einem zum Lachen. Eine nette Abwechslung zwischen zwei sehr relevanten Themen. Die Journalistin Anne Gesthuysen hat für Lanz nämlich auch gleich eine Frage mitgebracht. „Wie viel Ehe verträgt eigentlich ein erfülltes Leben?“

Die Tragik des Lebens

Dann erzählt sie Geschichten aus dem Seniorenheim, die sie für ihr Buch „Mädelsabend“ sammelte. Über die verspätete Rache der Frauen, die in einer Zeit verheiratet wurden, in der Männer über sie bestimmten durften. Sie konnten zum Arbeitgeber ihrer Frau gehen und für sie die Kündigung einreichen. Oder sie als billige Pflegekräfte für die Eltern einsetzen. Über 60 Jahre später blühen viele Frauen im Seniorenheim auf. Scheidungen im Alter steigen. Die Frauen übernehmen die Kontrolle über sich, sie fangen wenigstens im letzten Abschnitt noch einmal an, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Das kann bis zu Intrigen führen, um den Mann loszuwerden. Es gab einen Fall, bei dem ein Mann durch eine brennende Zigarette starb – nur er rauchte nicht, dafür aber seine Frau. Manchmal täuschen Frauen die Demenz des Mannes vor. „Man muss ihn ja nicht gleich um die Ecke bringen, sondern es reicht ja auch ein neues Zimmer“, meint Gesthuysen. Die Paare, die nebeneinander einschlafen, sind selten. „Deshalb steht es ja auch in der Zeitung“, meint die Journalistin.

Leider ist die Zeit dann schon rum. Man hätte durchaus noch mehr von den Gästen erfahren können. Weiter geht es heute Abend wieder mit Lanz um 23.15 im ZDF.

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