Talk bei Maischberger: Die Kirche ist ein „systematisches Täter-Schutz-Programm“

Johannes Giesler
Freier Autor

 

Die Gesprächsrunde bei Sandra Maischberger macht betroffen. Der Missbrauch in der katholischen Kirche an Kindern und Jugendlichen ist flächendeckend. Foto: Screenshot / ARD.

Was hat die katholische Kirche in Sachen sexueller Gewalt getan? Sie hat geleugnet und weggeschaut. Sie hat jahrzehntelang ein System unterstützt, in dem Täter sich sicher fühlten. Erst 2010 ist publik geworden, dass es keine Einzelfälle sind, sondern es flächendeckende Missbrauchsfälle in deutschen Kircheninstitutionen gibt. Es dauerte aber vier Jahre, bis die Aufarbeitung begann und vier weitere Jahre, bis ein Ergebnis publiziert wurde. Nicht grundlos fragt Sandra Maischberger daher ihre Gäste: Missbrauch in der katholischen Kirche – aufklären oder vertuschen?

Die Studie hat die Kirche in ihren Grundfesten erschüttert. Entsprechende Ergebnisse stellte die Bischofskonferenz am Dienstag vor: 1.670 Kleriker haben sich, zwischen 1946 und 2014, des Missbrauchs schuldig gemacht. Fast 3.700 Kinder und Jugendliche, zum Teil unter 13 Jahren, wurden zu Opfern. Und: Die Forscher schätzen das Dunkelfeld weitaus größer, die „wahren“ Zahlen „deutlich höher“. Jahrzehntelang hat die Kirche also sexuellen Missbrauch und Machtmissbrauch an Schutzbefohlenen unter den Teppich gekehrt. Sie hat die Täter beschützt, denn tatsächlich strafrechtlich verfolgt wurden nur die wenigsten. Das hat jetzt die MHG-Studie, benannt nach den Forschungsstandorten in Mannheim, Heidelberg und Gießen, herausgefunden. Aber ob die Ergebnisse eine Zäsur darstellen können, denn immerhin wurde sie in Auftrag gegeben und finanziert von der „Deutschen Bischofskonferenz“ und sollte somit Beweis sein für eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema und dem dem Ziel einer Aufarbeitung? Nein.

Denn die Forscher mussten sich verpflichten, nicht über einzelne Bistümer zu sprechen. Nicht über konkrete Zahlen. Also nicht darüber, wo Missbrauch stattfand und von wem oder wo keine Vorfälle dokumentiert sind. Die Forscher hatte zudem nie Kontakt mit Originalunterlagen, alles lief durch die Hände von Kirchenvertretern, wurde sozusagen vorsortiert. Oder schlimmer: manipuliert und vernichtet. Die Forscher schreiben, beides sei passiert mit Daten, die in „Bezug auf sexuellen Missbrauch Minderjähriger in früherer Zeit“ stehen. Aufarbeitung? Mitnichten. Konsequenzen? Kaum. Nur gegen ein Drittel der Täter wurde ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet. Davon wiederum endeten tatsächlich viele ganz ohne Strafe oder nur mit Ermahnung. In knapp 100 Fällen wurden Beschuldigte exkommuniziert. In den anderen Fällen fielen die Täter weich. Frühpensionierung, Beurlaubung, Geldstrafen oder Therapie.

Die Runde eröffnet der Kölner Musiker Wolfgang Niedecken (BAP), der selbst als Jugendlicher in den den 60er Jahren missbraucht wurde. „Ich war 13, war auf einem Internat. Wer die Vokabeln nicht konnte, wurde geprügelt. Später saß man zum Trost auf dem Schoß des Peinigers, dann wurde gefummelt. Bei dem gleichen Mann musste ich auch meine Beichte ablegen. Es war also der perfekte Psychoterror. Der war ein pädophiler Sadist in einem perfekten System. Ich dachte, ich war der Einzige. Unglaublich viele haben mich im Nachhinein angerufen, wir waren alle betroffen.“ Erst Nideckens Vater, der die gewalttätig beigefügten Striemen bei seinem Sohn entdeckte, sorgte für eine Versetzung des Geistlichen. Verbot aber auch seinem Sohn, darüber zu reden. Denn der Vater war sehr gläubig und wollte die Kirche nicht in Verruf bringen. „Mein Vater muss mehr gelitten haben, als ich.“

Die Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs

Als Kirchenvertreter ist an diesem Abend Stephan Ackermann, Bischof von Trier und Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz, da. Er antwortet direkt auf Niedecken und sagt, dass ihn jede biografische Geschichte erschüttere, sie gehörten schon seit acht Jahren zu seinem täglichen Dienst. Die Langsamkeit der Aufarbeitung des Themas erklärt er damit, dass es so beschämend sei, keine Institution würde das ohne Not in Angriff nehmen. Und die Zahlen seien immens, aber nur die Spitze des Eisbergs.

Matthias Katsch ist Sprecher vom Betroffenenverband „Eckiger Tisch“ und sagt: „Wir reden von einer anderen Dimension. Untersuchungen der Uni Ulm kalkulieren mit über 100.000 Betroffenen seit Ende des zweiten Weltkrieges in der katholischen Kirche. Ich halte das für sehr realistisch.“ Auch er sieht das System der Kirche als Grund für den flächendeckenden Missbrauch: „Es ist ein systematisches Täter-Schutz-Programm. Menschen agieren systemkonform, die persönliche moralische Qualität reicht nicht, das System zu ändern.“

Wenn es am System krankt, müssten die Zahlen der Studie jetzt nicht der Anfang sein für eine strafrechtliche Aufarbeitung? Müsste die Kirche jetzt nicht ihre Archive für die Staatsanwaltschaften öffnen, damit unabhängige Institutionen Aufklärung vorantreiben? Das zumindest fordern einige in der Runde. Denn, auch das ist trauriger Teil der Wahrheit, niemand aus der Kirche hat sich bislang schuldig erklärt. Katsch: „Ich wünsche mir, dass Politiker, die in Deutschland in Kirchen aktiv sind, jetzt das Wort ergreifen und rückhaltlos Zugang verlangen.“

Ackermann: „Wir haben Kooperationsbereitschaft erklärt. Aufarbeitung heißt aber nicht, nur die Archive zu öffnen, sondern eine Arbeit mit den Betroffenen zu ermöglichen. Und den Datenschutz zu wahren.“

Claudia Mönius wurde ab ihrem elften Lebensjahr fünf Jahre lang missbraucht. Ihre Mutter war suchtkrank, ihr Vater kriegsversehrt, der Pfarrer füllte ein elterliches Vakuum mit Zuwendung und Aufmerksamkeit. „Natürlich sind sexuelle Übergriffe Gewalt. Aber im eigentlich Sinne gab es keine Gewalt, keinen Zwang. Die Kirche war meine Heimat, ich habe sie geliebt. Der Pfarrer war charismatisch, aber er war gestört und pädophil, das musste ich jahrelang aufarbeiten. Er war sich zudem nie einer Schuld bewusst.“

Mönius wurde, als sie im Beichtstuhl davon erzählte, hinausgeworfen, denn die Kirche sei ein Ort der Reue, nicht der Lüge. Die Übergriffe zeigte sie erst an, als sie verjährt waren. Sie schrieb dann einen Brief an den Vorgesetzten des Pfarrers, der antwortete:  Dem Täter wurde verboten, die Sakramente zu spenden, er darf keine Amtshandlungen mehr vornehmen. Damit ist er mit der härtesten Strafe belegt, die einen Priester treffen kann. „Ist das krass? Das ist blanker Zynismus. Er darf nicht mehr öffentlich Messe feiern. Ihr macht so unsere Religion kaputt“, sagt Mönius anklagend.

Die Journalistin Christiane Florin sagt: „Es gibt ein Kirchenrecht, ein kirchliches Strafrecht. Das ist de facto eine Paralleljustiz, die vom Grundgesetz bewilligt wird. Die Höchststrafe für einen Priester ist, man wird entlassen aus dem Klerikerstand. Dieses System kann sich nicht selbst aufklären. Jetzt ist der Staat gefordert. Es geht um Aufklärung von Straftaten, Kinder und Jugendliche müssen geschützt und Straftäter verfolgt werden. Auf das Kirchenrecht würde ich nicht mehr vertrauen.“

Die katholische Kirche wirkt magnetisch auf Menschen, die nicht geeignet sind

Letzte Frage des Abends von Sandra Maischberger: „Liegt es an der Sexualmoral, an der Enthaltsamkeit, am Zölibat?“

Florin: „Es hängt alles mit allem zusammen. Es gibt nicht die eine Ursache. Es ist nicht nur die verkniffene Sexualmoral, nicht nur die Homosexualität, nicht nur die Pädophilie, nicht nur die unterdrückte Sexualität. Aber es gibt eine bestimmte Kombination Ursachen, die die katholische Kirche für Männer attraktiv macht, die sexuell unreif sind, die nie darüber gesprochen haben.“

Auch Ackermann sieht das so: „Der kirchliche Dienst wirkt magnetisch auf Menschen, die gerade nicht dafür geeignet sind. Das sagen die Forscher ganz deutlich. Dafür bin ich froh, dass es diese öffentliche Diskussion gibt. Der Zölibat aber ist hilfreich für den Dienst in der Kirche, dabei die Freiheit für Gott und die Menschen zu haben. Wenn er in geeigneter Weise gelebt wird.“

Katsch schließt den Abend mit den Worten: „Sie müssen ihre Gesetze ändern. Wieso gibt es keinen kirchlichen Gerichtshof? Schreiben sie die Null-Toleranz in die Kirchengesetze. Machen sie aus der Sünde ein Verbrechen im Kirchenrecht. Wieso involvieren sie nicht mehr Frauen in die Kirche, damit dieser Männerbund, der sich untereinander in ihren Sünden beisteht, aufgelöst wird. Sprechen sie den Opfern lebenslange finanzielle Anerkennungen zu, weil das ganze Leben entgleist, durch das, was den Opfern zugefügt wird. Wiedergutmachen können sie das alles ohnehin nicht.“