Talk bei Lanz über Brexit: „Das würde Shakespeare die Entsetzensröte ins Gesicht treiben“

Johannes Giesler
Freier Autor
Henrik Riechert, der Leiter des Kommandos Spezialkräfte der Marine, gibt bunte Geschichten aus der Ausbildung zum Kampftaucher zum Besten. (Bild: Screenshot / ZDF)

Der Brexit bestimmt zurzeit die Nachrichten: Die Briten sagten jüngst “No!” zum bislang verhandelten Austrittsvertrag und bestätigten mit einem “Yes” doch ganz knapp Theresa May als Premierministerin. Wie es jetzt aber weitergeht, ob es einen unkontrollierten Austritt gibt, doch eine Einigung gelingt oder alles bleibt, wie es ist, wird sich spätestens am 29. März um Mitternacht zeigen. Dann erlischt die Mitgliedschaft Großbritanniens. Bis dahin können sich aber die Talkrunden in Mutmaßungen ergehen.

Die Teilnehmer:

Marcel Fratzscher, der Ökonom ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsförderung. Er ist der Meinung, dass mit dem Brexit zwar ein “wichtiger Partner” Deutschlands aus der EU ausscheiden wird, Reformen jedoch gleichzeitig einfacher zu verhandeln sein werden.

Hans-Peter Friedrich, der CSU-Politiker und Vizepräsident des Bundestages möchte einen “europäischen Patriotismus” entfachen. Er hat in seiner Fraktion die Arbeitsgruppe Brexit geleitet.

Dagmar Rosenfeld, die Journalistin ist stellvertretende Chefredakteurin der “Welt”. Sie begleitete vor allem den politischen Werdegang von Theresa May.

Henrik Riechert, er hat als Kampfschwimmer die härteste Ausbildung der Bundeswehr absolviert. Mittlerweile ist er als Kommandeur und Fregattenkapitän im Einsatz.

Brexit-Votum – eine Verrücktheit?

Markus Lanz spielt zuerst die jüngsten Ergebnisse des Misstrauensvotums ein. Es geht um die Zukunft Theresa Mays. Und das Ergebnis ist denkbar knapp: 306 zu 325 – für sie als Premierministerin. Dagmar Rosenfeld eröffnet die Runde: “Verrückt ist, dass jetzt Abgeordnete für May gestimmt haben, die davor gegen ihren Deal gestimmt haben. Das zeigt die ganze Verrücktheit. Ich glaube, das Dilemma ist, dass die Briten nicht wissen, was für einen Brexit sie wollen. Sie wissen nur, was sie nicht wollen: den May-Brexit und keinen No-Brexit.” Dazu kommen noch die “innenpolitischen Verwerfungen”, die das Land in Atem halten, mit Intrigen und Machtkämpfen, Opposition gegen Regierung, Mays Tories gegen May selbst, Tories gegen Tories, Hardliner “Brexiteers” gegen “Remainers”. “Das würde Shakespeare die Entsetzensröte ins Gesicht treiben”, schließt Rosenfeld.

Theresa May: Misstrauensvotum gegen britische Regierung im Unterhaus gescheitert

Lanz fragt nach, weil der Brexit hierzulande vor allem mit ihr verknüpft wird: “Was ist Theresa May für eine Frau? Sie sagte mal über sich, sie sei pflichtbewusst?”

Nochmal Rosenfeld: “Sie ist absolut leidensfähig. Ich würde sie mittlerweile die ‚eisenharte Lady‘ nennen. Sie kämpft auf verlorenem Posten, muss ein Referendum umsetzen, das zu den Bedingungen so nicht funktioniert. Sie läuft jedes Mal sehenden Auges gegen eine Wand, steht auf und nimmt wieder Anlauf. Ich glaube nicht, dass es ihr um Machterhalt geht, sondern um Pflichtbewusstsein. Sie kann nicht mehr gewinnen, die Briten sind zu sehr gespalten, sie kann am Ende nur sagen, dass sie durchgehalten hat.”

Den bestehenden Brexit-Deal wollen die Briten nicht

Lanz, nimmt seinen zweiten Gast, Hans-Peter Friedrich, mit in die Runde. „Warum ist der Brexit-Deal abgelehnt worden? Was sind die Kernfakten, Herr Friedrich?“

“Streitpunkt ist das Sicherheitsnetz zwischen Nordirland und Irland. Denn wenn sich Großbritannien nicht auf eine Lösung einigen kann, wird Nordirland im Binnenmarkt bleiben und Großbritannien in der Zollunion. Das ist aber die rote Linie Mays. Sie will nicht in einer Zollunion sein, sondern ihre eigenen Freihandelsabkommen verhandeln. Dazu kommt, dass sie keine Personenfreizügigkeit mehr will, dass also europäische Arbeitnehmer nach Großbritannien kommen dürfen.”

Brexit-Sackgasse: May sucht nach überstandenem Misstrauensvotum nach Ausweg

Das Problem erklärt an dieser Stelle Marcel Fratzscher. Dass nämlich der blutige Konflikt zwischen der Republik Irland und Nordirland, bei dem 3.000 Menschen seit den 1960er Jahren starben, noch nicht überwunden sei. Vereinfacht handle es sich um einen Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten. “Das Kernthema ist also der ‘Backstop’. Ein Teil des Brexit-Deals sagt, dass Großbritannien im Binnenmarkt und der Zollunion bleibt, solange es keine Lösung für das Grenzproblem in Irland gibt. Die rote Linie der EU ist: Keine Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland, die Teil der EU bleibt. Die Angst ist, wenn man wieder eine Grenze zieht, bricht dieser Konflikt wieder aus. Diese Grenze müsste man ziehen, weil die EU verpflichtet ist, an jeder Außengrenze Waren und Personen zu prüfen. Und da sagen die Briten, dass die EU sie nicht in Geiselhaft nehmen kann.”

Stadt-Land-Unterschiede? Na, klar!

Lanz, der offensichtlich nochmal die Basics des Brexits abfragen möchte, hakt nach: „Das Problem an der EU ist, dass Mitglieder keine bilateralen Abkommen mit Nicht-EU-Ländern schließen können, wenn sie in der Zollunion sind?“

Moderator Markus Lanz fragt nach… (Bild: ZDF / Markus Hertrich)

Wieder Fratzscher: “Richtig. Die Frage ist nur, gewinnt Großbritannien mit einem Brexit Souveränität? Die größte Abhängigkeit wird immer mit Europa sein. Sie können keine anderen Standards einführen, sonst können ihre Waren nicht mehr in Europa genutzt werden, wie etwa mit Gentechnik versetzte Nahrungsmittel. Großbritannien hat sich noch nicht richtig vom Empire verabschiedet, als es noch eine Weltmacht war. Nur, allein können sie nichts ausrichten, nur als geeintes Europa können wir unsere Interessen in der Welt durchsetzen.”

Danach verliert sich die Runde leider in Belanglosigkeiten, weil sie das Brexit-Votum den Landeiern in die Schuhe schieben will. Die Mär handelt von entwickelten Großstädtern und vernachlässigten ländlichen Regionen und Bewohnern, wo die “Leave-Stimmen” sehr hoch waren. Da packen die Experten den Pauschalhammer aus und urteilen, die ländlichen Briten erlagen einfach den Verlockungen, den populistischen Versprechungen der Lautschläger. Schade, weil wir gerade in Deutschland genau diese Debatte so viel differenzierter führen.

Macht oder Diskurs?

Mit Hans-Peter Friedrich, dem ehemaligen Innenminister, der 2014 über die Edathy-Affäre stolperte, redet Lanz kurz über Macht und Machtverlust. Sein Lieblingsthema mit Politikern, wie wichtig also Macht ist, “verwalten” und “gestalten” zu können. Lanz stützt dabei seine Ansichten auf Beobachtungen in der Cafeteria des Bundestages. Da saß er kurz vor Weihnachten und hat die ansässigen Politiker beobachtet und festgestellt, dass Macht für Politiker eine Droge sei. Doch darauf lässt sich Friedrich nicht ein, er beharrt darauf, für ihn gehe es in der Politik um Diskurs, also “teilnehmen” und “mitreden” zu können. Ist ja auch viel zielführender. Dennoch sei er natürlich jederzeit “zu allem bereit”, auch für neue und höhere Ämter.

Zwei Minuten die Luft anhalten kann jeder

Der letzte Teil gehört Henrik Riechert, dem Leiter des Kommandos Spezialkräfte der Marine. Sein Werdegang: Zuerst Heer, dann Marine, um Pilot zu werden. Denn damals gab es noch die Marineflieger und Riechert war großer Top-Gun-Fan. Dann aber wurden die Flieger der Luftwaffe unterstellt. Er aber blieb und freundete sich mit dem Element Wasser an.

Seine Spezialeinheit hat mittlerweile drei Aufgaben: Aufklärung, das kinetische Arbeiten (mit Waffen), dazu zählt Personen festsetzen und Geiseln befreien und zuletzt schult sie Sicherheitsorgane in anderen Staaten, damit diese Wirkung entfalten können, ohne auf weitere Hilfe angewiesen zu sein. “Jederzeit weltweit” ist der Anspruch an die Einheit. “Wir gehen deshalb mit Skiern in Norwegen spazieren oder fahren mit Schiffen, auf Schneemobilen oder gehen Fallschirmspringen”, sagt Riechert.

„Mays Autorität ist gebrochen“ – so kommentiert die Presse die Lage in Großbritannien

Doch nicht jeder ist für den Job gemacht. Der Knackpunkt ist die fünfwöchige Hallenausbildung. Da lernen die Rekruten körperlichen und psychischen Stress kennen. “Das Wasserding”, so nennt es Riechert, also was Wasser einem “antun kann”. Jeder Mensch “kann zwei Minuten die Luft anhalten”, sich aber damit auseinanderzusetzen, keine Luft mehr zum Atmen zu haben und dennoch zu funktionieren – das sei schwierig.

Dann erzählt er noch vom “Tankstellenspiel”. Auf dem Beckenboden, in den Ecken, liegen vier Atemgeräte. An jedem dürfen die Taucher nur zweimal einatmen. Die Distanz dazwischen beträgt 12,5 Meter. “Kein Problem, kann man locker machen.” Nach ein paar Runden nehmen die Ausbilder aber zwei Geräte weg.

“Das ist wie die Reise nach Jerusalem?”, fragt Lanz.

“Ja, nur haben wir von Anfang nicht genügend Stühle. Die Zahl der Mitspieler bleibt die Gleiche, nur nehmen wir dann auch das vorletzte Gerät weg. Sie atmen dann, tauchen 50 Meter und stellen sich hinten an. Es geht, wie bei der Bundeswehr üblich, der Reihe nach.”

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:

Im Video: Das waren die Meilensteine bei Markus Lanz