Talk mit "Doc Caro": Lauterbach warnt vor "dramatischem Ärztemangel"

"Wir haben den schönsten Job der Welt", sagt Dr. Carola Holzner, als "Medizinfluencerin" als "Doc Caro" bekannt. Aber die bitteren Zustände in den Krankenhäusern erschweren den Job. Es muss sich vieles ändern. Das weiß auch Gesundheitsminister Karl Lauterbach: "Was wir tun, ist noch zu wenig."

Karl Lauterbach sieht schwere Zeiten auf die Gesundheitsverorgung in Deutschland zukommen. Vieles sei liegengeblieben, manches Ländersache. (Bild: 2022 Getty Images/Omer Messinger)
Karl Lauterbach sieht schwere Zeiten auf die Gesundheitsverorgung in Deutschland zukommen. (Bild: 2022 Getty Images/Omer Messinger)

Das Klatschen, mit dem die Bevölkerung im Frühling 2020 auch in Deutschland den Pflegekräften und Ärzten für ihren unermüdlichen Einsatz in der ersten schweren Corona-Welle dankte, ist lange verklungen. Ein bisschen mehr Geld wurde ins Personal gepumpt, aber es herrscht immer noch Personalmangel. Und das wird auch erst einmal so bleiben.

Das wurde im "SAT.1 Spezial - Krankenhäuser am Limit" deutlich. Umrahmt von einer Quasi-Pilotfolge der neuen Real-Doku-Serie "Doc Caro - Einsatz mit Herz" (ab nächster Woche an fünf Donnerstagen, 20.15 Uhr, SAT.1), für die die Notfallmedizinerin Holzner ein Jahr lang von einem Kamerateam im medizinischen Alltag zwischen Hodenverdrehung und Herzinfarkt begleitet wurde, diskutierte "Doc Caro" im Talk-Studio mit Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach und dem ebenfalls sozialmedial bekannt gewordenen Intensivpfleger Ricardo Lange.

Doc Caros Alltag zwischen Hodenverdrehung und Herzinfarkt

Mit Leib und Seele Notärztin und Lebensretterin: Dr. med. Caroline Holzner, als
Mit Leib und Seele Notärztin und Lebensretterin: Dr. med. Caroline Holzner, als "Doc Caro" zur "Medizinfluencerin" geworden. (Bild: SAT.1 / Julia Feldhagen)

Es sieht düster aus in deutschen Krankenhäusern. Es gibt zu wenige Pfleger, die sich um immer mehr Patienten kümmern müssen. Lange: "Früher hatte man einen, heute hat man eher drei." Prinzipiell herrscht Personalmangel. Das war auch schon vor Corona so, aber durch die Pandemie fiel es halt so richtig auf. Und es geht weiter: Es gibt 2.000 Intensivbetten weniger als 2021. Wobei es die Betten natürlich gibt, nur eben keine Pfleger, die die Patienten darin betreuen könnten. Insgesamt, so heißt es, fehlen 290.000 Pflegekräfte. Mindestens.

Das führt zu fast absurd tragischen Situationen, wie gleich die ersten Szenen aus Doc Caros Alltag zeigten. Da wird ein bewusstloser Mann zwar im Schockraum erfolgreich notfallmedizinisch betreut - anschließend braucht Doc Caro dann aber geschlagene 60 Minuten, um ein Krankenhaus zu finden, das den nötigen Intensivplatz anbieten kann. Die Folge, wenn es für einen Patienten Spitz auf Knopf steht: "Wir kommen oft zu spät."

"Doc Caro" berichtet aus ihrem hektischen und stressigen Alltag in der Notfallmedizin in der Helios Klinik in Duisburg. (Bild: SAT.1 / Julia Feldhagen)
"Doc Caro" berichtet aus ihrem hektischen und stressigen Alltag in der Notfallmedizin in der Helios Klinik in Duisburg. (Bild: SAT.1 / Julia Feldhagen)

Lauterbach warnt vor "dramatischem Ärzte-Mangel"

Es sind aber nicht nur die Krankenhäuser oder die Pflegepersonalsituation, wo es hakt. "Es gibt zu wenig Ärzte", sagt Doc Caro. Dies wiederum, weil sich die Länder weigern, mehr Leute Medizin studieren zu lassen. Und natürlich geht es - wie immer - ums Geld. "Die Länder wollen die Ausbildung nicht finanzieren." Stattdessen würde der Ärztemarkt in Osteuropa und Nordafrika abgegrast. Bei den deutschsprachigen Ärzten indes sieht Lauterbach auf Sicht "einen dramatischen Ärzte-Mangel."

Da es mancherorts schon kaum noch Hausärzte gibt, fehle den Menschen der direkte Ansprechpartner, führte Holzner aus. Also riefen die besorgten Menschen gleich 112 oder würden in der Notaufnahme vorstellig, obwohl das medizinisch gar nicht nötig sei. Einmal in der Notaufnahme würden die Patienten, obschon oft nicht ernst erkrankt - 43 Prozent der rund 25 Millionen Notaufnahmepatienten pro Jahr sind keine medizinischen Notfälle - gleich für eine Nacht im Kankenhaus dabehalten. Das bringt nämlich mehr Geld, als wenn man "sie checkt und wieder nach Hause schickt".

Gesundheitsminister Lauterbach: "Die Länder sind träge"

Letzte Hoffnung Reanimation: Dr. Carola Holzner wurde für ihre Serie von einem SAT.1-Kamerateam ein Jahr lang begleitet - auch bei Wiederbelebungsmaßnahmen. (Bild: SAT.1)
Dr. Carola Holzner wurde für ihre Serie von einem SAT.1-Kamerateam ein Jahr lang begleitet - auch bei Wiederbelebungsmaßnahmen. (Bild: SAT.1)

Die Talkrunde war von großer Harmonie geprägt, denn Gesundheitsminister Lauterbach vertritt prinzipiell die gleichen Meinungen wie die Notfallmedizinerin und der Intensivpfleger. Nur: So schleichend der Prozess in den Pflegepersonalnotstand war, so schleichend wird die Besserung verlaufen. Die Krankenhausreform, so Lauterbach, laufe seit Monaten, es würden Gesetze vorgestellt und weitere erarbeitet.

Nur bis diese greifen, vergeht wertvolle Zeit, denn sie werden torpediert. Dass Krankenkassen diverse Neuerungen so lange wie möglich hinauszögerten, bringt Lauterbach gar nicht mehr aus der Ruhe. "Das ist normal." Und auch die Länder sind nicht eben die schnellsten, wenn es um Umsetzungen von Ideen geht - und seien sie noch so gut. Lauterbach: "Die Länder sind träge."

Herzdruckmassage demnächst als Kurs in der Schule?

"Solange Hoffnung besteht, darf man nicht aufgeben." Caroline Holzner kämpft um jedes Menschenleben. (Bild: SAT.1 / Julia Feldhagen)
"Solange Hoffnung besteht, darf man nicht aufgeben." Caroline Holzner kämpft um jedes Menschenleben. (Bild: SAT.1 / Julia Feldhagen)

Das wurde mit einem Beispiel drastisch verdeutlicht. Bei einem ihrer ersten Einsätze rettete Doc Caro dem 61-jährigen Karl-Heinz Schwall durch ihr Eingreifen das Leben. Allerdings hatte sie maßgebliche Unterstützung: Die Kollegen von Schwall, die sofort mit Herzdruckmassage Ersthilfe leisteten, als er ohne Vorwarnung mit Herzinfarkt vom Bürosessel kippte.

"Wir Notärzte sind nur so gut wie die Ersthelfer", meinte Doc Caro. Sie schloss Studiogast Schwall, der trotz über einstündiger Reanimation "wieder ganz der Alte, aber in einem neuen Leben" wurde, mit Tränen in den Augen in die Arme. Schwall diente für Doc Caro als Beleg: "Es kann jeden treffen, dass sein Leben gerettet werden muss." Deshalb kämpft sie dafür, dass eine etwa in Dänemark erfolgreich praktizierte Idee auch hierzulande Einzug hält: das Erlernen von Erste-Hilfe- und Reanimationsmaßnahmen in der Schule.

Lauterbach hilflos: "Da endet meine Zuständigkeit"

Sie wurde erneut bei Lauterbach vorstellig ("Ich brauche da mehr Rückendeckung von Ihnen!"), rannte aber offene Türen ein. "Ich muss nicht gewonnen werden", meinte Lauterbach, "ich bin für die Idee." Denn: "Wenn es die Kinder können, kann es bald die ganze Gesellschaft." Lauterbach hat selbst schon durch beherztes Eingreifen einem Menschen das Leben gerettet. Aber: "In der Schule endet meine Zuständigkeit. Das ist Ländersache."

Es ist also noch ein langer Weg. Aber es lohnt, ihn zu gehen und die Missstände zu beseitigen. Intensivpfleger Lange: "Helfen kann so schön sein."

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