Talkshows auf Rekordkurs und Corona-Task-Force: So gehen die TV-Sender mit der Corona-Krise um

Julian Weinberger, Elisa Eberle, Christopher Schmitt

Beim ZDF gibt es den ersten Corona-Infizierten, große TV-Shows finden ohne Publikum statt - und die Nachrichtenformate und Polit-Talkshows erleben ein absolutes Quoten-Hoch: Wie das Coronavirus die Medienbranche verändert.

Auf diese Quotenerfolge hätten "Anne Will", "Maybrit Illner" und Co. wohl gerne verzichtet: Seit das Coronavirus den gesellschaftlichen Diskurs fest im Griff hat, profitieren neben den Nachrichtenformaten vor allem die Polit-Talkshows auf allen Sendern. Die Sendungen erreichen so hohe Marktanteile wie seit Jahren nicht. Die Ausgabe von "Anne Will" am Sonntag sahen 6,09 Millionen Zuschauer - so viele wie seit der Bundestagswahl 2017 nicht mehr. Und die "Tagesschau" verfolgten über alle Sender hinweg sogar mehr als 17 Millionen Zuschauer. Die besten Quoten seit drei Jahren fuhr zudem das "hart aber fair"-Extra am Montagabend zum Thema "Die Corona-Krise: Wo stehen wir, was kommt noch?" ein. 5,39 Millionen Zuschauer sahen den Talk.

Gleichwohl sind die Diskussionsrunden ebenfalls von der Krankheit betroffen und finden ohne Studiopublikum statt. Auf dieses müssen auch zahlreiche große Unterhaltungs-Produktionen der Privatsender verzichten - egal ob die ProSieben-Musikshow "The Masked Singer" oder die RTL-Sendungen "Deutschland sucht den Superstar" und "Let's Dance". An allen Eventshows wird (vorerst) noch festgehalten, nur eben ohne Zuschauer vor Ort.

Beim ZDF reagierte man bereits frühzeitig auf die massiven Einschränkungen wegen des Coronavirus. Bereits am vergangenen Mittwoch sagte der Sender die geplante "Fernsehgarten on Tour"-Show ab. Betroffen waren drei geplante Sendungen auf der Kanareninsel Fuerteventura, die den glamourösen Auftakt der Freiluftsaison bilden sollten. Verkürzt wurde zudem das Sportformat "das aktuelle sportstudio", das am Samstag nur 45 Minuten dauerte und vor leeren Zuschauerplätzen stattfand. Derweil infizierte sich der erste ZDF-Mitarbeiter mit dem Coronavirus, was Homeoffice-Regelungen und die Absage von Meetings nach sich zog. Die Sendesicherheit sei aber weiterhin gewährleistet, hieß es vonseiten des ZDF. Auf die außergewöhnlichen Umstände reagiert der Sender unter anderem mit einem Spezial von "Leschs Kosmos" zum Thema "Corona: Fake oder Fakt" (Dienstag, 17. März, 20.25 Uhr).

Maybrit Illner ausnahmsweise schon Dienstag

Während die Welt sich draußen aktuell langsamer zu drehen scheint, geht es im Talkshow-Universum Schlag auf Schlag. Nicht wie sonst üblich am Donnerstag, sondern kurzfristig bereits am Dienstag, 17. März, 22.15 Uhr, lädt Maybrit Illner mit einem "maybrit illner spezial" zur Corona-Debatte. Unter anderem nimmt Kanzleramtsminister und Mediziner Helge Braun von der CDU in der Runde Platz. Des Weiteren beteiligen sich Frank Ulrich Montgomery, der Vorsitzende des Weltärztebunds, die Amtsärztin der Stadt Weimar, Dr. Isabelle Oberbeck, sowie der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Jörg Radek, am Diskurs zum "Kampf gegen die Pandemie".

Am Dienstag diskutiert "Markus Lanz" ab 22.15 Uhr im ZDF ebenfalls sowohl mit Politikern als auch mit Experten zum omnipräsenten Thema. Juso-Chef Kevin Kühnert ist im Studio zu Gast, NRW-Ministerpräsident Armin Laschet wird zugeschaltet. Die Runde komplettieren Prof. Jochen Werner, Leiter am Universitätsklinikum in Essen, der Psychiater Manfred Lütz sowie ein weiterer Gast. Mit der Einladung des Psychiaters trägt die Redaktion wohl dem zunehmend relevanten Aspekt der psychischen Belastung Rechnung, die durch die Einschränkungen des öffentlichen Lebens verursacht wird. Möglicherweise übersteigt die Zuschauerzahl vor den TV-Geräten die Norm erneut bei Weitem, während die Plätze im Studio leer bleiben müssen.

In der ARD widmet sich Sandra Maischberger am Mittwoch, 18. März, den wichtigsten Fragen zum Thema Corona: Um 22.45 Uhr diskutiert Maischberger in der Talkshow "maischberger. die woche" mit dem NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet, dem SPD-Gesundheitspolitiker und Epidemiologen Karl Lauterbach, der Infektiologin Susanne Herold, dem Chefarzt Uwe Janssens, dem Leiter der ARD-Börsenredaktion, Markus Gürne, sowie der Ärztin Ute Teichert vom Gesundheitsamt.

Große Shows ohne Zuschauer, Spezialsendung bei SAT.1

Auch bei den anderen TV-Sendern beschäftigt man sich intensiv mit der Frage nach dem richtigen Umgang mit der weiterhin rapiden Ausbreitung des Coronavirus. Christoph Körfer, Sendersprecher von ProSieben, betont, man orientiere sich an den "Vorgaben der jeweiligen Gesundheitsministerien". Mitarbeiter wie Zuschauer seien aufgerufen, hygienische Vorschriften zu erfüllen, Desinfektionsmittel stünden für Team und Zuschauer zu Verfügung. Große Showproduktionen von ProSieben wie "The Masked Singer", "Schlag den Star" und "Late Night Berlin" finden vorerst ohne Publikum statt.

Das Finale von "Germany's Next Topmodel", das üblicherweise Ende Mai in einer großen Halle stattfindet, wurde wegen der Corona-Krise in ein TV-Studio verlegt. "Es ist super schade", beklagte Heidi Klum in einer Pressemitteilung. "Aber der Schutz der GNTM-Fans ist wichtiger." Außerdem gibt der Sender in dem Format "ProSieben Spezial: Corona-Update. Live" ab sofort täglich, um 17 und 19.10 Uhr, Informationen zur aktuellen Lage weiter.

Bei SAT.1 wurde ebenfalls eine Sonderprogrammierung vorgenommen. Mit Ausnahme des Samstags zeigt der Sender jeden Abend um 19.50 Uhr die fünfminütige Sondersendung "BILD Corona Spezial", die über die neuesten Entwicklungen rund um das Coronavirus informiert. Weil Moderator Claus Strunz nach einem Urlaub in Tirol allerdings erzwungenermaßen im Home Office arbeiten muss, springt vorerst Kollege Matthias Killing in die Bresche.

Nachdem sich die Lage in Deutschland und der Welt in den letzten Wochen deutlich zugespitzt hat, werden nun endlich auch die Teilnehmer der SAT.1-Realityshow "Big Brother" über die Lage informiert. Ab 19 Uhr berichten Moderator Jochen Schropp und der Big-Brother-Arzt Andreas Kaniewski in einer Liveübertragung vom Stand der Dinge. Anschließend ist es den Kandidaten gestattet, weitere Fragen zum Thema zu stellen. Außerdem erhalten sie eine aktuelle Videobotschaft ihrer Angehörigen. Seit dem 6. Februrar sind die Kandidaten der Show von der Außenwelt abgeschottet. Zu dem damaligen Zeitpunkt waren neben dem Virus-Ursprungsort Wuhan nur vereinzelte Infektionsfälle außerhalb Chinas bekannt. Vier neue Mitbewohner, die seit vergangenem Montag Teil der Show sind, durften bislang nichts über die Corona-Pandemie erzählen.

RTL setzt auf Themenabend

Mit einem Live-Format lässt sich natürlich am spontansten auf aktuelle Entwicklungen reagieren. So geht der RTL-Daily-Talk "Marco Schreyl" an drei aufeinanderfolgenden Tagen zum Thema Coronavirus live. Den Anfang machte am Montag ab 16 Uhr das Thema "Ausnahmezustand". Die Aspekte Reise-Einschränkung und Existenzangst stehen am Dienstag, die Folgen für unser Leben am Mittwoch im Fokus.

Seit vergangenen Donnerstag verzichten auch die Sender der Mediengruppe RTL Deutschland bei ihren Shows auf Publikum. "Damit kommt die Sendergruppe auch ohne konkretes Verbot ihrer Verantwortung nach, Publikum und Mitwirkende vor einer möglichen Ansteckung mit dem Corona-Virus zu schützen", so die offizielle Verlautbarung.

Darüber hinaus reagiert RTL am Mittwoch, 18. März, mit einem Themenabend unter dem Motto "Gemeinsam gegen Corona" auf die aktuellen Entwicklungen. Ab 20.15 Uhr widmet sich ein "stern TV Spezial" der Thematik, bevor ab 23.15 Uhr die Dokumentation "Stunde Null - Wettlauf mit dem Corona-Virus" das Leben in der Ausnahmesituation beleuchtet. Ein "Nachtjournal Spezial" zum Coronavirus beschließt den Themenabend mit den neuesten News zum Thema.

Eine klare Aussage gab es nun auch zum geplanten Mega-Live-Event "Die Passion". Es soll am Mittwoch vor Ostern (8. April) regulär stattfinden, allerdings nach jetzigem Stand ohne Publikum, so RTL. Außerdem werde die Prozession durch die Stadt, bei der etwa 800 Menschen erwartet wurden, auf 30 bis 40 Kreuzträger reduziert.

Task Force beim BR, Live-Shows beim MDR

Von Natur aus etwas komplizierter ist es hingegen bei der ARD mit ihren diversen Sendeanstalten, wie die Sprecherin Svenja Siegert herausstellte: "Es gibt keine einheitlichen Regelungen für alle in der ARD, auch nicht was Produktionen angeht." Gleichzeitig versicherte sie, dass ein "regelmäßiger Austausch zwischen den Landesrundfunkanstalten zum Thema Corona" bestehe. Der rbb hat bereits reagiert und sämtliche Veranstaltungen mit Publikum bis Ende März abgesagt. Der reguläre Sendebetrieb solle hingegen aufrechterhalten werden, wie rbb-Verwaltungsdirektor Hagen Brandstäter betont: "Für uns steht an erster Stelle, unseren Programmbetrieb sicherzustellen und insbesondere unserem Informationsauftrag gerecht zu werden."

Der NDR kündigte an, dass Sendungen, die auf dem NDR-Gelände produziert werden, bis auf Weiteres ohne Studiopublikum stattfinden. Dazu gehören die "NDR Talk Show" und "extra 3". Gleiches gelte für Auftragsproduktionen wie "Anne Will" und "Gefragt, Gejagt". Beim SWR hält man derweil an zwei geplanten "Verstehen Sie Spaß" fest. Die Live-Show zum 40-jährigen Jubiläum am Samstag, 4. April, wird ebenso ohne Publikum abgehalten wie eine Aufzeichnung drei Tage zuvor für eine Sendung im Juli. Beim MDR initiierte man derweil die Kampagne "Miteinander stark", die laut MDR-Intendantin Karol Wille dabei helfen solle, das "Engagement für das Miteinander und den Zusammenhalt in dieser Krisensituation wahrnehmbar zu machen". Unter dem Titel "Du bist nicht allein" nimmt die ARD-Anstalt zwei neue Live-Shows ins Programm.

Uta Bresan und Axel Bulthaupt moderieren am 20. und 27. März die beiden Freitagabendsendungen, die im MDR-Fernsehen jeweils um 20.15 Uhr ausgestrahlt werden. Inhaltlich dreht sich dabei alles um das solidarische Miteinander in Krisenzeiten und um den Schlager. In den beiden 90-Minuten Shows werden Zuschauerwünsche zur populären Unterhaltungsmusik erfüllt. Außerdem soll das Publikum auch live in der Sendung bei Bresan und Bulthaupt anrufen können oder mit ihnen über die sozialen Medien in Kontakt treten, um wichtige Fragen zu klären, sowie einfach mal wieder ins Gespräch zu kommen. Außerdem läuft am Samstag, 11. April, um 20.15 Uhr, "Miteinander stark! Die Wohnzimmershow für Mitteldeutschland" mit hochkarätigen Gästen aus der Musikbranche. Außerdem berichten ehrenamtlich Engagierte über ihren Kampf gegen das Coronavirus.

Beim Bayerischen Rundfunk hieß es auf Anfrage, man habe eine Task Force einberufen, "die sich regelmäßig austauscht, die aktuellen Entwicklungen zum Thema Corona beobachtet und - ausgehend von den Einschätzungen des Robert-Koch-Instituts und der zuständigen Behörden - die präventiven Empfehlungen und Regelungen im Zusammenhang mit dem Coronavirus täglich anpasst." In der vergangenen Woche ist diesen Anpassung auch der traditionelle Nockherberg in München zum Opfer gefallen: Das "Derblecken" der Politiker musste einer Sonderberichterstattung zum Coronavirus in Bayern weichen.

Sonderfall: Kinderprogramm

Aufgrund der landesweiten Schulschließungen sitzen vermehrt Kinder und Jugendliche zu Hause vor den Fernsehgeräten. Viele TV-Sender reagieren darauf mit entsprechenden Programmänderungen: SWR und WDR werden ab sofort vermehrt Folgen der Sendungsreihen "Planet Wissen" und "Planet Schule" am Vormittag zeigen. Dadurch sollen Schüler aller Altersstufen beim abwechslungsreichen Lernen unterstützt werden. Auch die ARD setzt sich für eigenständiges Lernen von zu Hause aus ein: In der Mediathek finden Schüler und Lehrer zahlreiche Folgen "Planet Schule" zu acht ausgewählten Themenbereichen. In Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus zeigt der BR unter dem Motto "Schule daheim" besondere TV-Programme auf ARD-alpha, in der BR-Mediathek sowie auf dem Infoportal "mebis".

Darüber hinaus passen viele TV-Sender ihre Programmabläufe an die veränderte Altersstruktur ihrer Zuschauer an: Der Kinderkanal "KiKA" kündigte an, vermehrt Grundschulprogramme am Vormittag zu zeigen. Beim SWR wartet ein tägliches "Tigerenten Club Spezial" (ab 8 Uhr) auf die Zuschauer. Der WDR möchte ab Mittwoch täglich eine Folge der Reihe "Die Sendung mit der Maus" zeigen. Alle genannten Sender werden außerdem ihr Angebot für Kinder in den Mediatheken erweitern.