Tatort aus Luzern: "Und was ist mit der Inflation?"

Maria Timtschenko
Freie Journalistin
Liz Ritschard besichtigit beim finalen Zugriff das Haus der Geiseln. Foto: ARD Degeto/ORF/Daniel Winkler,

Kurz vor Jahresabschluss zeigt die ARD noch einmal einen Tatort aus Luzern. Nachdem in 2018 bereits der viel gerühmte one-shot-Krimi dort gedreht wurde, erinnert “Friss oder Stirb” eher an ein Kammerspiel in Quentin-Tarantino-Art, nur weniger blutig dafür mit ebenso viel Witz.

Eine Dozentin der Universität Luzern wird in den frühen Morgenstunden tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Wichtigste Spur am Tatort: Lackkratzer an einem Auto, das mitten in der Nacht im Hinterhof des Hauses gerammt wurde und die stammen glücklicherweise von einem Maserati – nicht so häufig und Teil des Fuhrparks von “Swisscoal”.

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Etwa zur gleichen Zeit überquert Mike Liebknecht (Misel Maticevic) die Grenze von Deutschland in die Schweiz. Er hat sich vorgenommen, den Chef der Firma “Swisscoal”, in der er in Bremerhaven arbeitet, mit Waffengewalt zu erpressen. Durch eine Fusion von “Swisscoal” mit einem chinesischen Zulieferer hat Liebknecht seinen Job verloren. Nun erwartet er Entschädigung.

Maserati statt Polo – so leicht sind Ermittlungen in der Schweiz

Auch die Ermittlungen zum Maserati führen die Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) zum CEO von “Swisscoal”, der gerade in seinem Maserati nach Hause fährt. Anton Seematter (Roland Koch) wird dort schon von seiner gefesselten Frau Sofia und seiner Tochter Leonie erwartet. Und auch Mike Liebknecht ist schon da. Er verlangt von Seematter über 500.000 Euro Entschädigung – genau das Geld, dass er in seiner Zeit bei “Swisscoal” noch verdient hätte, hätte es nicht die Fusion gegeben. Ein fairer Erpresser.

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Aber kein guter Rechner. “Und was ist mit der Inflation?”, fragt Seematter ihn. Liebknecht versteht nicht. Seematter erklärt: “Wenn Sie mit einer Inflation von zwei Prozent rechnen und das über zwanzig Jahre hinweg, dann müssen Sie 843.750,65 Euro verlangen.” Liebknecht nickt, perplex.

Der Geiselnehmer Liebknecht nimmt als erstes die Tochter der Seematters in sein Gewahrsam. Foto: ARD Degeto/ORF/Daniel Winkler,

Spannend wird der Krimi erst als auch noch Ritschard und Flückiger auftauchen, die den Maserati kontrollieren wollen. “Wo waren Sie gestern Abend, Herr Seematter?”, fragen sie. “Gestern? Gestern war Sonntag, da schau ich eigentlich immer Tatort”, antwortet der. Gut gekontert, Herr Seematter.

Liebknecht – Kämpfer für Gerechtigkeit?

Da er die Kommissare nicht abwimmeln kann, muss Liebknecht auch sie als Geiseln nehmen. Spätestens hier läuft sein einfacher Plan aus dem Ruder. Noch dazu will Seematter ihm das Geld nicht geben, er bietet ihm maximal 100.000 Euro an. Aber Liebknecht will mehr.

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So richtig verständlich ist seine Motivation für den Zuschauer nicht. Er ist jung genug, einen neuen Job finden zu können. Stattdessen entscheidet er sich für diese waghalsige Geiselnahme, die ihn in den Knast bringen kann oder schlimmeres. Dann wird er seinen Sohn, für den er ja hauptsächlich das Geld erpresst, nicht aufwachsen sehen. Aber vielleicht ist es sein ehernes Streben nach Gerechtigkeit, das Liebknecht antreibt. Und vielleicht haben ihn deshalb die Drehbuchautoren Jan Cronauer und Matthias Tuchmann (verstorben 2016) so genannt.

Der Chef einer Bremerhavener Firma Herr Seematter wird von einem seiner Angestellten als Geisel genommen. Foto: ARD Degeto/ORF/Daniel Winkler,

Nun hocken also alle zusammen in einem Raum, gefesselt: die Kommissare, die Geiseln und der Geiselnehmer. Der weiß nicht, was er machen soll und stöbert in den Notizen der Ermittler. Dort findet er den Grund für deren Anwesenheit – den Tod der Unidozentin, den Maserati, der dort nachts gesichtet worden war. Seematters Frau vermutet sofort eine Affäre ihres Mannes mit der Dozentin und bietet Liebknecht an, ihm belastendes Material gegen ihren Mann zu geben.

Ermittlungen durch den Geiselnehmer

Liebknecht nimmt das Angebot an, doch einmal freigelassen, zieht ihm die Millionärsgattin mit einer der herumstehenden Kunstfiguren eins über. Es beginnt ein Ziehen um die Oberhand im Geiselhaus, bei dem irgendwann auch Seematter eine Schnellfeuerwaffe zu fassen bekommt und wild drauf los schießt, doch später selbst getötet wird, allerdings nicht vom Geiselnehmer Liebknecht.

Besonders auffallend, ist an diesem Sonntag die Musik. Als die Polizisten ins Geiselhaus einziehen müssen, spielt Johnny Cash mit “Danny Boy” auf – eine Verabschiedung von altbekannten Gut-und-Böse-Strukturen?

Ebenso amüsant ist die Befragung des Geiselnehmers, der plötzlich die Rolle der Ermittler einnimmt und mit Ritschards Aufzeichnungen, seine Geiseln nach dem Mord an der Dozentin befragt. Tarantino-like: eine choreographierte Prügelei zwischen Seematter und Liebknecht, die in fast kitischiger Verbrüderung endet und zum Schluss des Tatorts ein Toter, der noch einmal seinen Sohn anrufen will. All das macht diesen sonntäglichen Krimi zu einem guten Jahresendfilm. Wir dürfen auf das 2019 gespannt sein.

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