"Tatort" Dortmund: Das Opfer hat von Hartz IV gelebt

Matthias Dell
·Lesedauer: 6 Min.

Der Dortmunder "Tatort" versucht mal wieder Wirklichkeit abzubilden, die es so nicht gibt. Am Schluss soll dann das Finale wenigstens funkeln.

So schön war die Welt früher – als man noch Witze über Opel Mantas machen konnte: Anna Schudt und Jörg Hartmann im
So schön war die Welt früher – als man noch Witze über Opel Mantas machen konnte

Fürs Protokoll: Die neue Dortmunder Tatort-Folge Heile Welt (WDR-Redaktion: Frank Tönsmann) sichert sich einen Platz in den Geschichtsbüchern durch die Ersterwähnung der Coronavirus-Pandemie im ARD-Sonntagabendkrimi. Nach all den Berichten über abgebrochene und wiederaufgenommene Dreharbeiten und dem Filmen unter Einhaltung von Hygienekonzepten turnt die Gegenwart hier nicht mehr nur hinter den Kulissen rum, sondern trägt Mund-Nasen-Schutz in einer Massenszene. Und hat mit der Figur des Computerladenbetreibers Janowski (Jürg Plüss) einen Charakter am Start, der das Wort "Corona" ausspricht – als Erklärung dafür, warum er pleite ist und nun im leeren Laden haust.

Was im Detail schon auch irritieren kann, weil Janowski doch vor der Pandemie ein Zuhause gehabt haben wird. Und weil der Verlust des Geschäfts doch auch das Ende des Mietvertrags für die Ladenfläche bedeuten sollte. Aber Details sind eher nicht so das Ding von diesem Tatort, in dem mit Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) die Nora-Dalay-Nachfolge geregelt ist. Weshalb ein Spaßvogel auf die Idee kommen könnte, laut aufzuseufzen: Nach der Hetzjagd ist die Heile Welt wieder in Ordnung.

Mit anderen Worten: Eine Woche nach dem Murks aus Ludwigshafen kommt gleich die nächste Folge um die Ecke, die vorgibt, Gegenwartsphänomene verdauen zu wollen, sie bei genauerem Hingucken aber noch gar nicht runtergewürgt bekommen hat. Anna Slomka ist tot und dann brennt es auch noch in einem Keller (der sich hier lustigerweise in der Dachetage befindet) eines betonösen Sozialwohnungsbaus. In dem leben mal wieder die Probleme Tür an Tür – weil das halt der Begriff von Gesellschaft ist, der sich von außen machen lässt für einen Fernsehfilm, der hier vorbeischneit auf der Suche nach Wirklichkeit.

Auf dem Karussell der Verdächtigen drehen sich Hakim, der Drogen vertickende Sohn (Shadi Eck) von Imam Khaled (Ferhat Keskin), und Hausmeister Zerrer (Sven Gey), der Überwachungskameras installiert, um Frauen wie Anna Slomka zu filmen. Manuel (Nikolay Sidorenko), der Ex-Boyfriend und Vater des Kinds der schwangeren Anna Slomka, ist dagegen schnell raus.

"Drehen" ist aber das falsche Wort, denn Heile Welt schwänzt seinen Fall. Zum einen ist Homo Faber in Frau Böhnisch (Anna Schudt) verliebt, die er morgens zur Arbeit abholt mit seinem neuen Auto, einem Opel Manta, um mit ihr jeden Tag im Autoradio auf Musikkassette Sunshine Reggae von Laid Back zu hören. Dummerweise hat Böhnisch aber gerade was mit dem Kollegen Köhler (Stefko Hanushevsky) laufen, weshalb man also Zeuge der enttäuschten Zuneigung eines kasprigen Mannes wird. Und auch wenn sich die fehlgehenden Blicke und missverständliche Kommunikation auf der Ebene von Hmms und Tjas als eine Art Leitmotiv durch den Film ziehen: Das ist in seiner gefühlig-tumben Schrecklichkeit nicht schön, sondern ein Erzählstrang, der permanent peinlich berührt.

Wozu dann auch gehört, dass Kollege Pawlak (Rick Okon) sieht, wie das Hundegesicht von Faber mit seinen zwei (!) Töpfen vom Asia-Imbiss im Revier flugs auf Traurigkeit wechselt, weil Frau Böhnisch gerade nicht mit ihm und den Stäbchen essen kann, da sie im Büro mit Köhler turtelt. Und Kollege Pawlak zur Rettung Fabers dann ins Böhnisch-Büro einmarschiert, um das Geturtel zu beenden. Liebe, Verliebtsein, Affäre, Beziehung – alles Sachen, die man sich schön und freudig vorstellt, aber dann darf man halt nicht Heile Welt gucken.

Zum anderen pausiert dieser Tatort die Ermittlung vor allem deshalb, weil er Feuer unter dem Kessel macht, in dem alles zusammengerührt wird, was im letzten Jahr Stress verbreitet hat in den Schlagzeilen. Die Polizeiaktionen werden von Handys gefilmt, der Bildschirm wird öfter mit Chatnachrichten bedeckt, die Kommunikation aus den Echokammern von Digitalistan nachbilden sollen. Es gibt einen Nazi-Influencer in bürgerlichem Gewand (Frank Pätzold) und, weil wir das so gelernt haben mit der Extremismustheorie als Hufeisen, dazu noch Linke, die aber auch schlimm sind.

Wird bei der Festnahme gefilmt und als Rassistin bezeichnet: Kommissarin Böhnisch (Anna Schudt) mit Hakim Khaled (Shadi Eck). © WDR/​Bavaria Fiction GmbH
Wird bei der Festnahme gefilmt und als Rassistin bezeichnet: Kommissarin Böhnisch (Anna Schudt) mit Hakim Khaled (Shadi Eck). © WDR/​Bavaria Fiction GmbH

Und spätestens da stößt die Idee an Grenzen, dass der Tatort der Gegenwart ähnlich sehen solle, denn die Gegenwart sieht leider anders aus als hier beschrieben, weshalb das Kesseltreiben, das Heile Welt veranstaltet, kompletter Quatsch ist.

Die Festnahme von Hakim Khaled durch Böhnisch wäre in der Wirklichkeit kein Akt, der sich skandalisieren ließe, was der Film aber durch Handyaufnahmen tut. Die werden verbreitet mit den Vorwürfen, Böhnisch sei Rassistin, obwohl das Bild die nicht hergibt. Polizeigewalt, wie sie tatsächlich existiert, lässt sich im Tatort schon deshalb schwer abbilden, weil der seine Kommissare viel zu lieb hat, um sie so zwiespältig oder auch nur komplex zu sehen, wie Figuren im richtigen Leben sein können.

Dort hört man eigentlich auch nie von drei Vermummten, die abends die inkriminierte Kommissarin vor dem Haus abpassen, um kurz mit ihr ein I-can't-breathe-Bild mit Knie im Nacken nachzustellen. Was ist das für eine weirde Verdrehung, dass plötzlich das Böhnisch-Gesicht an der Stelle auftaucht, an der Schwarze in den USA, aber auch hierzulande Opfer sind?

Und in der Wirklichkeit ist es auch nicht so, dass antifaschistische Rechercheseiten, die im Tatort von der feschen Annika Freytag (Jaëla Probst) präsentiert werden, auf gefakte Videos von "Investigativplattformen" reinfallen, von denen das LKA dann weiß, dass sie von rechts betrieben werden, um die dummen Linken aufzuhetzen. In der Wirklichkeit ist es so, dass die skrupulöse und gefährliche Arbeit von antifaschistischen Recherchekollektiven das Wissen über Netzwerke im Rechtsextremismus zur Verfügung stellt, das Verfassungsschutz und Polizei gerade nicht ermitteln.

Und wenn die Leidensfähigkeit noch größer wäre, könnte man lauter solche Falschdarstellungen aufzählen, die aus diesem Film alles machen, bloß keine Gegenwartsdiagnose – dass die Neonazis im Film einen Reichsparteitag mit Fackeln im Einkaufszentrum abhalten, tut denen vermutlich auch unrecht. Heile Welt plündert das Büffet an Stereotypen, die medial kursieren, und glaubt in dieser Talkshow-Logik, etwas Aktuelles zu erzählen.

Deshalb muss man Heile Welt vielmehr als kulturpessimistische Weltekelei verstehen, in der ein Drehbuchautor (Jürgen Werner) Zeitgenossenschaft nicht mehr gebacken bekommt und einfach alles in einen Topf wirft, um es am Ende in einem großen Gekloppe resultieren zu lassen. Und der Regisseur (Sebastian Ko) hat leider auch noch Ambitionen, dass das Teil wenigstens schick aussehen soll, und so wird das finale Gebattle vor attraktivem Leuchtraketenrot veranstaltet, in Zeitlupen und andere Pathosgesten aufgelöst (wie sich Böhnisch und die linke Freytag da begegnen – wofür?) und mit dramatischen Streichern unterlegt (Musik: Olaf Didolff).

Dieser Tatort ist ein Beispiel dafür, wie jemand von Gegenwart überfordert sein kann, nur weil die nicht so gemütlich und geordnet zu sein scheint wie das, Gott hab sie selig, in unserer schönen, alten BRD der Fall war. Da reichte es schon, Helmut Kohl (CDU) blöd zu finden, um sich als kritisch zu betrachten, und ansonsten: Sunshine Reggae bis die Ärztin kommt. Die Ausstattung Fabers mit Opel Manta und Musikkassettendeck-Autoradio ist also kein Zufall, sondern versteckte Sehnsucht: Heile Welt will dahin zurück, wo das alles noch nicht so kompliziert war. In diesem Titel träumt der Autor von dem süßen Früher.