"Tatort": Nehmt eure Figuren ernst!

Felix Voss als Verdeckter Ermittler in der Flüchtlingsunterkunft

Es gibt “Tatort”-Folgen, die wollen mehr sein als nur Krimis. Sie wollen mehr als nur eine Geschichte zu erzählen, wollen stattdessen große Zusammenhänge aufdecken, nah am aktuellen Geschehen sein und gesellschaftliche Probleme diskutieren. Beim neuesten Frankentatort „Am Ende geht man nackt“ wird das zum Problem.

In ihren ersten beiden Fällen lösten die Kommissare Paula Ringelhahn und Felix Voss Beziehungstaten, private Angelegenheiten. Im dritten dreht sich alles um unendlich viel mehr. Das Thema: die Situation Geflüchteter in Deutschland. Recht viel bedeutungsschwangerer geht es derzeit kaum.

Der Fall: Ein Molotov-Cocktail explodiert in einer Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in Bamberg. Ein Mann erleidet schwere Verbrennungen, wird auf die Intensivstation gebracht. Eine junge Frau aus Kamerun stirbt. Sie war während der Explosion und dem Brand, der folgte, in einer von außen verschlossenen Vorratskammer gefangen und erstickte.

Voss-Darsteller Fabian Hinrichs im Interview

Schnell haben Ringelhahn, Voss und ihr Team deshalb den Verdacht, dass es zwei Täter geben müsse. Einen, der den Brennsatz warf und einen, der die junge Frau eingesperrt hat.

Das Problem: Niemand will reden. Die Anwohner wollen nichts gesehen haben und die Bewohner der Unterkunft wollen nicht mit der Polizei sprechen.

Die Lösung: Felix Voss, der Verwandte in Tschetschenien hat und die Sprache ein wenig spricht, soll verdeckt ermitteln – als Asylbewerber Erso Maschadow. Ringelhahn ist zuerst skeptisch, aber als er ihr sagen kann, was “Ich liebe Kartoffelsuppe” auf tschetschenisch heißt, ist auch sie überzeugt.

Die Figuren sind das Problem

Man könnte jetzt diese und andere “normale” Tatort-Unsinnigkeiten auseinandernehmen. Es gäbe genug davon. Das wirkliche Problem dieses Tatorts allerdings ist viel grundlegender. Der dritte Auftritt der Franken steht, wie viele Tatorte mit sozialkritischer Botschaft, vor einem Problem. Das zeigt sich vor allem in den Figuren, denen die Kommissare bei ihren Ermittlungen begegnen.

Die “Tatort”-Folgen mit den meisten Zuschauern

Da sind die Geflüchteten, die Voss bei seinem Undercover-Einsatz trifft. Zuerst ist da der 16-Jährige Syrer Basam Hemidi, der in der Unterkunft in Bamberg seinen Bruder sucht, der vor ihm nach Deutschland kam. Dann sind da der Iraker Eason Reza, der seit fünf Jahren auf die Bearbeitung seines Asylantrags wartet und der Syrer Mohamed Amir, der zuhause als Kinderarzt arbeitete, aber in Deutschland nicht praktizieren darf. Zu guter Letzt ist da Said Gashi. Der macht gleich beim ersten Gespräch Paula Ringelhahns junge Kollegin an, spricht despektierlich über das Opfer („Sie war eine Hure“), spuckt andauernd auf den Boden, klaut und zockt seine Mitbewohner im Flüchtlingsheim ab.

Auf der Seite der Deutschen ist es ähnlich: Der Baulöwe Sascha Benedikt vermietet ein marodes Gebäude als Flüchtlingsunterkunft an die Stadt, die Putzfirmabesitzerin Irene Kiefer lässt Geflüchtete illegal und für wenig Geld für sich schuften. Benjamin Funk schließlich, der Voss und die Geflüchteten mit drei Freunden auf offener Straße angreift, schwadroniert davon, dass Flüchtlinge den Deutschen die Arbeitsplätze wegnähmen.

All diese Personen stehen für etwas.  Und das ist das Problem. Beim Versuch, große Phänomene darzustellen, laufen sozialkritische Tatort-Folgen Gefahr, zu plakativen Lehrstücken zu verkommen, in denen jede Figur immer Beispiel sein muss für das große Ganze. Das mag zwar pädagogisch wertvoll sein, degradiert aber jede Figur, weil am Ende nichts von ihnen übrig bleibt als das, wofür sie stehen sollen.

Tatort in der Falle

Der Frankentatort tappt in diese Falle und kommt bis zum Ende nicht mehr aus ihr heraus. Die Entwicklung der Figuren ist festgeschrieben auf das, was man, basierend auf Vorurteilen und dem, was man zu wissen glauben, von ihnen erwarten.

Kinderarzt Amir bekommt am Ende des Films die Erlaubnis, seine Familie nachzuholen, hört aber dann, dass er 10000 Euro monatlich verdienen müsste, um sie zu versorgen und entscheidet sich, zurück nach Syrien zu gehen. Der Iraker Reza bekommt nach fünf Jahren Bangen seine Anerkennung und weint vor Glück am Tisch in der Unterkunft.

Die zehn skandalösesten Momente im “Tatort”

Die Ausbeuterin Kiefer ist und bleibt einfach nur fies und flach. Nazi Funk gibt zu, den Brandsatz geworfen zu haben und es stellt sich heraus, dass der gierige Baulöwe Benedikt den Anschlag in Auftrag gab, um die Versicherungssumme zu kassieren. Beweisen können ihm die Kommissare das allerdings nicht.

Der „böse Flüchtling“ Gashi schließlich zwingt den „hilflosen Minderjährigen“ Basam dazu, mit ihm einen Einbruch zu begehen. Der Junge wird erschossen und stirbt. Gashi wird verhaftet.

Weniger Lehrfilm, mehr Geschichte

Den zweiten Täter im Flüchtlingsheim gab es übrigens am Ende gar nicht. Das Schloss der Vorratskammer war durch einen Magneten oben gehalten worden, der in der Hitze der Flammen kaputtging. Niemand hatte es auf die junge Frau abgesehen. „Das hieße, dass ihr in der Unterkunft jemanden sucht, den es so gar nicht gibt“, informiert der Kriminaltechniker die Kommissare. Und obwohl einen als Zuschauer das Ermittlungsergebnis am Ende ratlos unbefriedigt zurücklässt, beschreibt dieser eine Satz den Tatort als Ganzes wie kein anderer: Der Film sucht (und findet) Personen, die es so nicht gibt. Alle Figuren müssen für etwas stehen, das über sie selbst hinausgeht und werden dabei zu Scherenschnitten.

Es ist wichtig, auf die schwierigen Lebensumstände von Geflüchteten hinzuweisen. Es ist auch wichtig, Angriffe auf Geflüchtete zu thematisieren. Allerdings wäre es schön gewesen, hätte dieser Tatort das Thema ein bisschen weniger lehrfilmhaft behandelt. Stattdessen hätte versuchen sollen, eine richtige Geschichte mit richtigen Figuren zu erzählen.

Echte Menschen stehen nur für sich selbst. Man muss ihnen das zugestehen, wenn man sie ernst nehmen möchte. (jl)

Foto: Screenshot/ARD

Im Video: Das denken die Amis über den deutschen “Tatort”


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