Tatort: Österreich 1, Deutschland 0

Das vielleicht beste Tatortteam der Welt: Eisner und Fellner.

In ihrem neusten Fall ermitteln die österreichischen Tatort-Kommissare Bibi Fellner und Moritz Eisner in den eigenen Reihen. Ein Polizist, so scheint es zu Beginn, hat im Streit seine Frau und anschließend sich selbst getötet – könnte ein simples Beziehungsdrama sein. Eigentlich jedoch ging es um etwas ganz Anderes. „Wehrlos“ zeigt erneut, dass die Österreicher das schaffen, woran die Deutschen oft scheitern: Gute Krimis drehen.

Düster geht’s los in Wien. Ein Einbrecher geistert, Taschenlampe im Mund, durch ein Einfamilienhaus, als ein Schuss fällt. Auf der Flucht durch die Gärten entdeckt er einen Toten im Nachbarhaus. Ein älterer Herr liegt im matschig grünen Licht in seinem Wohnzimmer. Aus seiner Brust rinnt Blut. Es regnet in Strömen.

Allein der Anfang der Folge erinnert wieder einmal mehr an skandinavische Krimis als das, was man sonst so von deutschen Fernsehdezernaten gewohnt ist. Während die deutschen Tatortfolgen oft grobschlächtig und flach daherkommen, mehr Polizeisketchshows mit wiederkehrenden Rollen als Krimis sind, schafft es der Wiener Tatort immer wieder, düstere Kriminaltableaus zu zeichnen, die den Zuschauer von Anfang bis Ende fesseln. Das ist auch bei „Wehrlos“ nicht anders.

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So düster-regnerisch wie es beginnt, geht es weiter. Bibi Fellner und Moritz Eisner kommen am Tatort an und finden heraus, dass der Tote Leiter der Polizeischule, also ein Kollege war. Außerdem finden sie eine zweite Leiche: die Frau des Polizisten liegt mit gebrochenem Genick im ersten Stock des Hauses. Alles sieht nach Beziehungstat aus. Mann tötet Frau, dann sich selbst.

Beziehungskisten auf allen Ebenen

Eine Beziehungstat ist dieser Tatort auch auf einer anderen Ebene. Die beiden Kommissare haben sich in dieser Folge so richtig gefressen. Grund dafür ist Eisners neue Freundin, von der er seiner Kollegin nichts erzählt hat. Noch am Tatort fliegen lautstark die Fetzen.

Dass die beiden Toten im Haus nicht die Folge einer Beziehungstat sind, stellt sich heraus, als die Ergebnisse der ballistischen Untersuchung vorliegen: die Kugel im Körper des toten Polizisten wurde nicht aus seiner Dienstwaffe abgefeuert. Allerdings gehört sie zu einer Patronenart, die in diesem Moment nur an Polizisten ausgegeben wird. Der Mörder muss also ebenfalls Polizist sein. Schnell fällt der Verdacht auf den Stellvertreter des Polizeischulleiters, den – von Simon Hatzl wunderbar ekelhaft gespielten – Thomas Nowak, der sich verdächtig am Tatort herumgetrieben hat.

Eisner und Feldners Vorgesetzter Ernst „Ernstl“ Rauter fordert deshalb Diskretion. Das führt einerseits zum besten Satz des Films (Ernstl zu Eisner: „Bitte erspar mir deine Jesuslatschendramatik“ – Genial!) und andererseits dazu, dass Fellner als verdeckte Ermittlerin in die Polizeischule eingeschleust wird. Als Chefin des Ekels Nowak soll sie herausfinden, ob der was mit dem Tod seines früheren Chefs zu tun hat.

Um das ganze überzeugend zu verkaufen, müssen die beiden sich noch einmal streiten. Das tun sie, nicht aber, ohne sich vorher prophylaktisch bei einander zu entschuldigen. Dabei werden als zweiter unterliegender Konflikt Streitereien zwischen Männern und Frauen eingeführt. „Kampf der Geschlechter“, bemerkt eine Polizistin ironisch.

Österreich kann Ironie, Deutschland eher nicht

Und genau diese Ironie ist es, die den Wiener Tatort aus seinen deutschen Seriennachbarn herausstechen lässt. In deutschen Tatorten werden Subthemen oft plakativ-flach verkauft. Oft mutiert dann der ganze Krimi unter der Last des jeweiligen Themas zu einem Lehrfilm über zum Beispiel „Nazis“, „Homosexualität“, „das Internet“ oder was auch immer die Drehbuchautoren und Redakteure gerade als den heißesten Scheiß des öffentlichen Diskurses sehen – und die Geschichte leidet darunter.

Auch bei den Wienern zieht sich das Unterthema durch den gesamten Tatort. Ob nun ein Gerichtsmediziner seiner älteren Kollegin die Welt mansplaint oder der Kollege von Eisner und Fellner von seiner Frau verlassen wird oder ob das alte Nachbarsehepaar, bei dem eingebrochen wurde, sich während der Befragung kabbelt – immer kann man als Zuschauer den Konflikt verfolgen. Allerdings verrät der Film darüber nie die Grundstimmung. Immer geht es, wörtlich und bildlich gesehen, grünlich-düster zu. So schreibt man Drehbücher, ARD!

Auf getrennten Wegen ermitteln Fellner und Eisner weiter. Eisner findet heraus, dass der Polizeischulleiter von einem Gaunerpärchen mit irgendwelchen Fotos erpresst wurde. An den Kleinganoven wird eine weitere Stärke der Wientatorte klar: Die zwei mit den sarkastischen Spitznamen Bonnie und Clyde geistern als komödiantisches Element, als Wiener Schmäh, durch den ansonsten eher gefühlsschweren Film, ohne diesen zu sprengen – ein Kunststück, das die wenigsten deutschen Tatortfolgen schaffen.

Der Film bleibt seiner Grundstimmung treu

Fellner muss sich währenddessen an der Polizeischule mit dem Erzsexisten Nowak herumschlagen. Mit miesesten Tricks (Schnapsflaschen im Handschuhfach der ehemaligen Alkoholikerin, Aufhängen des Datingprofils der Kommissarin auf dem Schulflur), versucht er sie emotional zu brechen. Die lässt sich nicht unterkriegen und baut Kontakt zu einer seiner Schülerinnen auf, mit der er eine Affäre hat.

Irgendwann kommt heraus, dass die ominösen Bilder Szenen aus erniedrigenden Initiationsritualen zeigen, mit denen Nowak und sein toter Chef ihre Schüler gequält hatten. Nowak scheidet allerdings als Mörder aus, weil er erschossen in seinem Auto aufgefunden wird. Alles auf null also.

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Der Mörder des Schulleiters ist schließlich ein alter, an Magenkrebs erkrankter Kollege von Eisner. Sein Sohn ist auf dem Video zu sehen und beging deswegen Selbstmord. Die traurigste Szene des Films ist eine der letzten des Films. Der müde Polizist bekommt von Polizeichef Rauter eine Verdienstmedaille verliehen. Eisner und Fellner warten bis nach der Verleihung und führen ihn dann ab.

Nowak hat der Vater des Polizeischülers nicht getötet. Die Spur führt zur Polizeischülerin. Als die beiden Kommissare sie jedoch festnehmen wollen, finden sie sie im Keller der Schule. Sie hat sich erhängt.

Den Zuschauer lässt der Tatort mit einem düsteren Gefühl zurück – tief in der Magengegend. Und das zeigt, ganz am Ende noch einmal, warum dieser Wientatort, wie viele der anderen Eisner-Fellner-Fälle so gut ist: Man hat dem Konflikt zwischen Männern und Frauen zugeschaut, zwischendurch auch gelacht – und trotzdem hat man in erster Linie eine Geschichte erlebt, die von vorne bis hinten dem Gefühl der Anfangsszene treu bleibt. Davon sollten die deutschen Tatorte sich eine Scheibe abschneiden.

Urteil: Österreich 1, Deutschland 0.

(jl)

Foto: Screenshot/ARD

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