Telefonbetrug: Europol ist dran? Besser schnell auflegen

Betrügerische Anrufer, die sich als Polizei ausgeben, versuchen derzeit, Geld zu erbeuten. Was Sie dazu jetzt wissen sollten – und wie Sie richtig reagieren.

Die angezeigte Rufnummer scheint von Europol zu stammen? Darauf kann man sich leider nicht verlassen.  © freestocks/​unsplash.com
Die angezeigte Rufnummer scheint von Europol zu stammen? Darauf kann man sich leider nicht verlassen. (Bild: freestocks/​unsplash.com)

Viele Menschen berichten derzeit von einer beunruhigenden Betrugsmasche: Sie bekommen Anrufe von Menschen, die sich als Europol-Polizisten ausgeben. Sie setzen ihre Opfer unter Druck, die Angerufenen sollen möglichst schnell möglichst viel Geld überweisen.

Besonders perfide an der Europol-Masche: Die Anrufe wirken auf den ersten flüchtigen Blick oft plausibel. Denn auf dem Telefondisplay der Betrugsopfer werden häufig Telefonnummern angezeigt, die tatsächlich bei Europol verwendet werden – oder in ähnlichen Varianten der Masche bei Interpol oder einer deutschen Polizeidienststelle.

Was steckt dahinter? Wie sollten Sie reagieren, wenn Sie einen solchen Anruf bekommen? Und mit wem telefoniert man da eigentlich? Die wichtigsten Informationen im Überblick.

Wie gehen die Betrüger vor?

Angebliche Europol- und Interpol-Mitarbeiter melden sich auf dem Handy oder Festnetz, stellen sich als "Police Officer" vor und versuchen, die Angerufenen auf Englisch in ein Gespräch zu verwickeln.

Die derzeit häufigste Masche ist der Europol-Anruf. Hier erklären die vermeintlichen Europol-Beamten, dass die Angerufenen Opfer eines Identitätsdiebstahls geworden seien: Mit ihren Daten sei zum Beispiel ein Fahrzeug gemietet worden, das nun verbeult und blutverschmiert gefunden worden sei, und mit ihren Konten werde Geldwäsche betrieben.

Zu Beginn hören angerufene Personen häufig eine englischsprachige Bandansage, sie werden aufgefordert, eine Ziffer zu wählen, um zu einem Mitarbeiter von Europol oder einer anderen Polizeibehörde durchgestellt zu werden. Im Laufe eines anschließenden Gesprächs werden die Angerufenen mehrmals mit verschiedenen "Polizisten" verbunden, die sie wechselseitig unter Druck setzen – einer gibt vor, es für glaubwürdig zu halten, dass sie unschuldig und lediglich Opfer eines Identitätsdiebstahls geworden sind, ein anderer tut so, als sehe er sie ebenfalls an den Straftaten beteiligt. Sie fragen die Angerufenen aus, unter anderem zu Verwandtschaftsverhältnissen, zu ihrem Kontostand und ob sie Kryptowährungen besitzen. Die Angreifer nutzen den Schreck der Betroffenen aus und bauen eine Erzählung auf, die die darin mündet, dass die angeblichen Opfer eines Identitätsdiebstahls ihr Geld auf ein sicheres Europol-Konto überweisen müssen, damit es vor den Kriminellen ebenso wie vor der Bank geschützt ist, die es aufgrund der Geldwäsche einziehen will. Die Angreifer helfen den Angerufenen schließlich, das Geld zu überweisen, indem sie über Fernwartungssoftware wie Teamviewer oder vergleichbare Programme auf deren Computer zugreifen.

Neue Fake-SMS: Drohungen mit Pfändung und Gerichtsvollzieher

Eine andere derzeit verbreitete Masche ist ein Polizeianruf, in dessen Hintergrund eine weinende Frau zu hören ist. Den Angerufenen wird gesagt, ihre Tochter habe einen schlimmen Unfall verursacht und müsse eine Kaution oder ähnliches hinterlegen, um freigelassen zu werden.

In beiden Fällen wissen die Angreifer nichts über ihre Opfer – sie versuchen es auf gut Glück: Wer keine Tochter hat, die Auto fährt, fällt natürlich nicht herein. Ebensowenig wie Menschen, die von der Europol-Masche bereits gehört haben oder wissen, dass man niemals Unbekannte per Fernzugriff auf den eigenen Computer lassen sollte. Aber hin und wieder klappt es und da im Erfolgsfall meist große Summen transferiert werden, lohnt sich die Masche für die Angreifer trotz vieler Fehlversuche.

Glaubhaft wirken die Anrufe zum einen, weil die auf dem Display angezeigten Rufnummern teilweise tatsächlich bei Behörden existieren (siehe unten) und zum anderen, weil die Anrufer psychologisch trainiert sind und wissen, wie sie die Betroffenen unter Druck setzen – beispielsweise mit der Drohung, dass ihr Ausweis ungültig sei, ihre Konten gesperrt würden oder ihnen Haft drohe, wenn sie die Auskunft verweigern.

Erste Europol-Anrufe dieser Art wurden im März bekannt, seit Anfang April warnt das Bundeskriminalamt (BKA) vor ihnen.

Ich habe einen solchen Anruf bekommen. Was soll ich tun?

Einfach auflegen. Das zumindest rät das BKA auf seiner Homepage. Betroffene sollten sich nicht am Telefon in ein Gespräch verwickeln lassen, nicht unter Druck setzen lassen, "keine Details zu persönlichen oder finanziellen Verhältnissen" preisgeben.

Vor allem aber sollte man infolge solcher Anrufe keine Überweisungen an unbekannte Personen tätigen. Das BKA betont, dass die Polizei niemals telefonisch um die Überweisung von Geldbeträgen bitte. Das gelte auch für das Bundeskriminalamt sowie Europol und Interpol.

Wer einen Anruf bekommen hat, kann sich umgehend an die örtliche Polizei wenden, dort kann auch Strafanzeige erstattet werden. Darüber hinaus rät Laura Kaufmann, Sprecherin des LKA Hessen im Interview mit ZEIT ONLINE dazu, Bekannte und Verwandte zu sensibilisieren und über entsprechende Anrufe zu sprechen – denn davon zu wissen, sei die beste Prävention. Das BKA schreibt, dass oft ältere Menschen von den Europol-Anrufe betroffen sind, aber auch jüngere berichten, solche Anrufe erhalten zu haben. Oft wird auch verlangt, Kryptowährungen zu transferieren – das scheint sogar eher Jüngere anzusprechen.

Was soll ich tun, wenn das Anliegen der Anrufer plausibel klingt?

Wer einen zweifelhaften Anruf bekommen hat und sich nicht sicher ist, ob sich doch ein legitimer Vorfall dahinter verbirgt, sollte einen Rückruf ankündigen und auflegen. Dann sollte die Person die Telefonnummer der Behörde recherchieren (beispielsweise im Internet), um zurückzurufen. Man sollte keinesfalls die Rückruftaste benutzen, denn dann besteht die Gefahr, wieder bei den Betrügern zu landen.

Theoretisch existieren auch andere Möglichkeiten, sich gegen unerwünschte Anrufe zu wehren: Man kann beim Netzbetreiber oder auf dem eigenen Gerät bestimmte Rufnummern sperren oder sich eine Fangschaltung einrichten lassen, um zu erfahren, wer wirklich hinter den Anrufen steckt. Im Fall der Europol-Masche hilft das allerdings wenig, denn die Anrufer nutzen häufig jedes Mal eine andere Telefonnummer.

Eine andere Option: Wer solche Anrufe erhält, kann versuchen, über eine Beschwerde bei der Bundesnetzagentur die tatsächliche Nummer der Anrufer nachverfolgen zu lassen. Das geht recht simpel über ein Formular. Wurde der Anruf allerdings vom Ausland aus getätigt, kann die Bundesnetzagentur nicht weiterhelfen.

Sollte ich Anzeige erstatten?

Es wird von den Behörden empfohlen, möglichst schnell die örtliche Polizeidienststelle einzuschalten. Denn Verbindungsdaten werden von den Netzbetreibern in der Regel in einem kurzen Zeitraum gelöscht. Um möglichst effektiv gegen Anrufer vorgehen zu können, braucht die Polizei genaue Angaben zum Zeitpunkt der Anrufe und der verwendeten Rufnummer.

"Nehmen Sie alles mit zur Anzeigenerstattung, was sie von dem Anruf haben", sagt Kriminaloberrat Harald Schmidt, Geschäftsführer der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes, gegenüber ZEIT ONLINE. Habe man den Anruf auf dem Mobiltelefon erhalten, könne man dafür einen Screenshot machen.

Allerdings sollte man sich im Fall der Europol-Betrüger nicht allzu viel Hoffnungen darauf machen, dass die Ermittlungen erfolgreich sind: Gerade wenn der Anruf vom Ausland aus getätigt wurde, ist es ist oft kaum möglich, die wahren Anrufer hinter gefälschten Nummern zu ermitteln (siehe unten).

Wie schaffen es die Betrüger, von einer Europol-Nummer aus anzurufen?

Bei den aktuellen Fake Anrufen, die vermeintlich von Europol oder anderen Polizeibehörden kommen, wird immer wieder auch die reale Telefonnummer der Behörde angezeigt. Manchmal erscheint auf dem Display des Angerufenen auch die Polizeinotrufnummer 110. Die Polizei ruft unter dieser Nummer aber grundsätzlich nicht an.

Das Problem daran: Dass eine Nummer angezeigt wird, bedeutet nicht, dass der Anruf tatsächlich von dieser Nummer aus getätigt wurde – und auch nicht, dass die Täterinnen diese Nummer "gehackt" oder gekapert haben. Genau genommen ist es sogar relativ einfach, beim Empfänger eine falsche Nummer erscheinen zu lassen: Wer sich einen Internet-Telefonie-Anschluss (Voice over IP) einrichtet, kann die Nummer meist selbst auswählen, die Angerufenen angezeigt wird. Es gibt zudem inzwischen zahlreiche Dienstleister, die gefälschte Absenderufnummern anzeigen. Und Kriminelle schreiben sich selbst Programme, die automatisiert Rufnummern vorgaukeln, wenn sie ihre Opfer über das Internet anrufen. Sogenanntes Call-ID-Spoofing verschleiert also die wahre Identität der Anrufer.

Die Hintergründe dieser Anrufe, schreibt die Bundesnetzagentur, seien unterschiedlich und reichten von Spaßanrufen bis hin zu kriminell motivierten Anrufen. Anrufe, bei denen den Empfängern die Notrufnummer 110 angezeigt wurde und sich die Anrufer als Mitarbeiter der Polizei ausgegeben hätten, hätten aber "nach bisherigen Erfahrungen stets einen kriminellen Hintergrund".

Was, wenn die Nummer auf dem Display meiner recht ähnlich ist?

Das ist eine andere Variante der Masche: Ist es nicht die Nummer von Europol oder einer anderen Polizeibehörde, nutzen die Angreifer meist eine unbekannte Handynummer, die aber häufig der Nummer des Opfers überraschend ähnlich ist. Wer diese Nummern versucht zurückzurufen, landet meist in einer Sackgasse, da sie eine Ziffer kürzer sind als deutsche Rufnummern. Das dient wohl als Vorsichtsmaßnahme, damit im Falle eines Rückrufes nicht die legitime Inhaberin des Anschlusses erreicht wird und alles auffliegt.

Wie die Angreifer an die Telefonnummern der Opfer kommen, ist unklar. Manche Nummern stehen öffentlich im Internet, manche stammen vermutlich aus Leaks, in deren Besitz Kriminelle im Internet beispielsweise über den Zugriff auf Datenbanken schlecht gesicherter Onlineshops gelangen können. Im Fall der Europol-Anrufe probieren sie womöglich auch automatisiert Ziffernfolgen durch: Denn dieser Anruf beginnt mit einer Roboterstimme, die darum bittet, eine Ziffer zu wählen, um mit Europol verbunden zu werden.

Um das Problem einzudämmen, sieht das neue Telekommunikationsgesetz unter anderem vor, dass Anrufe aus dem Ausland mit manipulierter deutscher Nummer künftig als "unbekannt" oder "anonym" angezeigt werden müssen, sagt Bundesnetzagentur-Sprecherin Marta Mituta.

Wie häufig kommen solche Anrufe vor?

Wie viele Menschen von den Europol-Betrugsanrufen oder ähnlichen Varianten betroffen sind, ist schwer zu beziffern. Bei der Bundesnetzagentur sind in diesem Jahr bereits mehr als 16.000 Beschwerden eingegangen über gefälschte Europol-Anrufe, sagt Mituta. Wöchentlich kämen rund 1.500 hinzu. Tatsächlich könnte die Zahl der Betrugsanrufe aber weit darüber liegen – denn wohl die wenigsten Betroffenen werden sich an die Bundesnetzagentur werden.

Wer steckt hinter diesen Anrufen?

Recherchen zu anderen Scam-Wellen lassen vermuten, dass sich in Indien professionelle Strukturen für Betrugsanrufe herausgebildet haben: Der frühere Nasa- und Apple-Entwickler Marc Rober hat einige dieser Anrufe nachverfolgt, indem er die Angreifer nach eigenen Angaben gehackt hat und so unter anderem Überwachungskameras in Callcentern anzapfen und die Anrufer beobachten konnte. Das legt die Vermutung nahe, dass zumindest ein Teil der aktuellen Europol-Anrufe aus Callcentern in Indien stammen könnte.

Hierzulande gibt es andere Möglichkeiten herauszufinden, wer hinter solchen Anrufen steckt, zumindest theoretisch: Seit Dezember 2021 kann die Bundesnetzagentur zwar über die gespeicherten Daten der Telefonanbieter herausfinden, wo die jeweiligen Anrufe tatsächlich hergekommen sind – unabhängig von der falschen Rufnummer, die im Display des Anrufempfängers angezeigt wurde. Weil es strenge Vorgaben für gesetzliche Speicherfristen solcher Informationen gibt, funktioniert diese Rückverfolgung aber nur wenige Tage nach dem Anruf. Und nur mit genauen Angaben über die angezeigte Rufnummer, die Uhrzeit des Anrufes und den eigenen Telefonanbieter.

Betrugsmasche: Keine fremden Nummern bei Whatsapp anrufen

Im Fall der Europol-Anrufe führen alle Spuren ins Ausland, sagt Bundesnetzagentur-Sprecherin Mituta. An der Grenze enden aber die Befugnisse der Bundesnetzagentur, sodass die Anrufe nicht weiterverfolgt werden können. Auch für die Strafverfolgungsbehörden erschwert das die Ermittlungen massiv, da sie damit auf die Kooperationsbereitschaft der Behörden im Zielland angewiesen sind. Weder das BKA noch die LKA wollen sich zu den laufenden Verfahren aufgrund von Europol-Anrufen äußern, aber Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen, dass es schwierig ist, Kriminelle im Ausland dingfest zu machen, insbesondere außerhalb der EU.

Ist die Masche neu?

Die Masche, Menschen zu überzeugen, Kriminellen Geld zu übergeben, ist natürlich aus der Vergangenheit bekannt. Der "Enkeltrick" ist wohl die bekannteste Variante davon: Dabei geben sich Kriminelle gegenüber älteren Menschen als Verwandte aus, die in eine finanzielle Notlage geraten sind und dringend Geld geliehen brauchen. Auch dass sich hinter solchen Tricks professionelle Strukturen bilden, ist nicht neu: Erst 2021 hatte ein 19-Jähriger vor dem Berliner Landgericht gestanden, sich in drei Fällen als Kommissar der Notrufzentrale ausgegeben zu haben. Der Angeklagte hatte gemeinsam mit den Mittätern von einem Callcenter aus der Türkei gezielt Senioren kontaktiert und versucht, Schmuck oder Geld zu erbeuten. Dafür sagen solche Täter häufig, es gebe Hinweise auf einen geplanten Einbruch, so dass es sicherer sei, den Schmuck bei der Polizei zu deponieren.

Neu bei der aktuellen Europol-Masche sind die vorangehenden automatisierten Roboteranrufe. Auf dieses Weise lassen sich in weniger Zeit mehr Menschen kontaktieren als bei früheren Fällen, in denen entweder direkt ein Mensch anrief oder gar ein falscher Polizist vor der Tür stand.

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