"The 800": Darum ist der erfolgreichste Film 2020 ein Ärgernis

Sven Hauberg
·Lesedauer: 4 Min.
Brutales Gemetzel: In "The 800" stehen ein paar Hundert chinesische Soldaten einer japanischen Übermacht gegenüber. (Bild: Koch Films)
Brutales Gemetzel: In "The 800" stehen ein paar Hundert chinesische Soldaten einer japanischen Übermacht gegenüber. (Bild: Koch Films)

Das vergangene Jahr war auch auf dem Filmmarkt ein besonderes. Bestes Beispiel: Der erfolgreichste Film kam aus China. Nun erscheint "The 800" auch in Deutschland.

Welche Kapitel der eigenen Geschichte in China erzählt werden dürfen, das bestimmt die Kommunistische Partei. Da gibt es Ereignisse, die noch immer verschwiegen werden (etwas das Tian'anmen-Massaker), manches wird relativiert (Mao, so heißt es offiziell, sei zu 70 Prozent gut gewesen und nur zu 30 Prozent schlecht), und anderes kann gar nicht oft genug wiederholt werden. Wie der Krieg gegen Japan, Thema unzähliger Filme und von noch mehr Fernsehserien.

Und in der Tat: Wer schon einmal in Nanjing die Gedenkstätte für die Gräueltaten der Japaner besucht hat, die in der Ostküstenstadt Zehntausende Menschen auf abscheulichste Weise massakriert haben, der versteht, warum dieses düstere Kapitel China noch immer bewegt. Zumal sich Japan, anders als Deutschland, nie wirklich zu seiner brutalen Vergangenheit bekannt hat.

In China - das übersieht man im Westen oft - begann der Zweite Weltkrieg im Prinzip bereits 1937 und forderte rund 15 Millionen Opfer; nur die Sowjetunion hatte mehr Tote zu beklagen. Immer wieder entlädt sich das Andenken an diese schrecklichen Jahre aber auch in Ausschreitungen, die sich gegen in China lebende Japaner richten - geduldet, bisweilen gar befeuert von der Kommunistischen Partei. Eine halbwegs ehrliche Aufarbeitung der Ereignisse ist so kaum möglich.

Um das Sikang-Warenhaus entbrennt ein erbitterter Kampf. (Bild: Koch Films)
Um das Sikang-Warenhaus entbrennt ein erbitterter Kampf. (Bild: Koch Films)

"The 800": Erfolgreicher als die US-Konkurrenz

Es ist dieser Hintergrund, vor dem man den Film "The 800" sehen muss, der am 11. Februar digital und im April auf DVD und Blu-ray veröffentlicht wird. Das Drama von Regisseur Guan Hu erzählt eine Episode aus der Schlacht um Shanghai, spielt also nur wenige Monate nach Beginn des Konflikts, der in chinesischen Geschichtsbüchern als "Widerstandskrieg gegen die japanischen Aggressoren" Eingang gefunden hat.

Japan hatte schon mehrere Jahre zuvor Nordostchina besetzt und war 1937 in Richtung Süden vormarschiert. Teile von Shanghai waren damals ausländisches Territorium, die sogenannte Konzession, in der Deutsche, Briten und Amerikaner lebten. Nur einen Steinwurf entfernt von diesem schicken Teil der Stadt, der heute bei Touristen so beliebt ist, stand ein Warenhaus, um das im Dezember 1937 eine erbitterte Schlacht zwischen übermächtigen japanischen Truppen und ein paar Hundert chinesischen Soldaten entbrannte. In düsteren, teils sehr brutalen Bildern erzählt "The 800" davon.

In China ist diese "Verteidigung des Sikang-Warenlagers" Teil des Gründungsmythos der Volksrepublik. Dass ein Film über dieses hierzulande weitgehend unbekannte Kapitel der Weltgeschichte im vergangenen Jahr für Aufmerksam sorgte, hat nichts mit dem historischen Kontext des Films zu tun. Viel geschrieben wurde über "The 800" vor allem, weil der Film weltweit der erfolgreichste des Jahres 2020 war.

Was natürlich vor allem daran lag, dass im Westen die Kinos über viele Monate geschlossen hatten, während in China, dem Ursprungsland der Pandemie, schon im Sommer die Lichtspielhäuser wieder öffnen konnten. Mehr als 470 Millionen US-Dollar spielte das Kriegsepos ein - der US-Film "Bad Boys For Life", Platz zwei der Jahresrangliste, setzte nur rund 425 Millionen Dollar um. Und das, obwohl "Bad Boys" weltweit anlief, "The 800" aber nur in China.

Bewohner der Konzession beobachten, was auf der anderen Seite des Flusses vor sich geht. (Bild: Koch Films)
Bewohner der Konzession beobachten, was auf der anderen Seite des Flusses vor sich geht. (Bild: Koch Films)

Peinliches Pathos

Dass "The 800" in Deutschland und anderswo im Westen nicht in die Kinos kam, hat freilich nicht nur mit der Pandemie zu tun. Das zweieinhalbstündige Werk ist visuell zwar durchaus beeindruckend, inhaltlich aber über weite Teile enttäuschend bis ärgerlich. Das liegt einerseits an dem Hurra-Patriotismus, den man in den meisten US-Kriegsfilmen längst überwunden hat. In einer Schlüsselszene hissen die chinesischen Soldaten eine riesige Republik-Flagge auf dem Dach des Warenhauses, während sie von einem japanischen Jagdbomber einer nach dem anderen niedergemäht werden. Eine wahre Begebenheit zwar, aber hier mit peinlichem Pathos unerträglich überhöht.

Die Handlung an sich ist ein heilloses Durcheinander, in dem man sich nur mit Mühe zurechtfindet. Und auf die Ausarbeitung der Charaktere verzichtet der Film fast gänzlich - da gibt es den todesmutigen Helden, den Feigling, den gefühlvollen Grübler, allesamt ziemlich simpel konstruierte Figuren. Spannend ist "The 800" dennoch immer wieder, denn das Setting des Films, der fast ausschließlich in besagtem Warenhaus spielt, sorgt immer wieder für ein Gefühl der Klaustrophobie.

Ganz am Ende des Films erklärt eine Texttafel, China habe den Krieg gegen Japan "unter der Führung der Kommunistischen Partei" gewonnen. Was so nicht stimmt, schließlich kämpften die Kommunisten damals Seite an Seite mit den Nationalisten, die später, nach der Niederlage im chinesischen Bürgerkrieg, auf der Insel Taiwan die Republik China gründen sollten.

Aber egal: Zum Schluss noch ein Schwenk von einer historischen Aufnahme Shanghais hin zur heutigen Glitzerfassade der Millionenmetropole, und auch der Letzte hat verstanden: Die Helden von einst mögen tot sein, die Kommunistische Partei aber hat überlebt. Und sie kämpft weiter.

Bei ihrem Vorstoß nach Shanghai hinterlassen die japanischen Truppen ein Gemetzel. (Bild: Koch Films)
Bei ihrem Vorstoß nach Shanghai hinterlassen die japanischen Truppen ein Gemetzel. (Bild: Koch Films)