Der tiefe Fall des Kevin Spacey

Andreas Fischer
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Kevin Spacey: Anonymer Ankläger überraschend verstorben

Kevin Spacey wird 60. Eine große Party wird der Schauspieler wohl nicht schmeißen: Der zweifache Oscar-Gewinner hat sich mit sexuellem Fehlverhalten ins Abseits manövriert. Als Mensch ist Spacey tief gefallen. Doch was macht das aus seinen künstlerischen Verdiensten?

Es gab schon vor #MeToo Menschen, denen Kevin Spacey derart zuwider war, dass sie allein bei der Nennung seines Namens das Gesicht verzogen. Das mag keine repräsentative Mehrheit gewesen sein. Doch damals konnte es kein größeres Kompliment geben für einen Darsteller, der auf Psychokiller, korrupte Polizisten und Menschen in eigenartigen Lebenskrisen spezialisiert ist. "Es wäre Unsinn gewesen, meinen Namen schon im Vorspann zu nennen", hatte Spacey einst weise zum Kinostart des David-Fincher-Meisterwerks "Sieben" (1995) erkannt: "Dann hätte doch jeder gewusst, dass ich der Mörder bin."

Mittlerweile sind es wohl viel mehr Menschen, die bei der Erwähnung von Kevin Spacey das Gesicht verziehen. Der so eigenwillige wie über die Maßen begabte Hollywood-, Netflix- und Theaterstar ist tief gefallen. Eine große Party wird der Schauspieler zu seinem 60. Geburtstag am 26. Juli eher nicht schmeißen. Auf dem Höhepunkt seines Ruhmes hatte eine atemberaubend rasante Demontage des zweifachen Oscar-Gewinners begonnen.

Nicht einmal zwei Jahre ist es her, dass der Weinstein-Skandal auch Spaceys Niedergang einläutete. Wenige Wochen nach der Veröffentlichung von Vorwürfen sexuellen Missbrauchs gegen den Produzenten Harvey Weinstein Anfang Oktober 2017 wurde Kevin Spacey erstmals beschuldigt. Der Schauspieler Anthony Rapp berichtete in einem Interview mit dem US-Newsportal "Buzzfeed", dass er 1986 als 14-Jähriger vom damals 26-jährigen, stark alkoholisierten Spacey in seinem Appartement sexuell belästigt worden sei.

Spacey reagierte per Twitter mit einer Entschuldigung für die Tat, an die er sich gleichwohl nicht erinnern könne. Im selben Statement outete er sich als schwul. Für diese Form der Reaktion auf die ernsten Anschuldigungen erntete Spacey viel Kritik. Es folgten Dutzende weitere Anschuldigungen, in den USA und Großbritannien ermittelte die Polizei gegen Kevin Spacey.

Netflix feuerte seine größten Star

Und dann feuerte der Streamingdienst Netflix seinen größten Star fristlos und drehte die sechste Staffel von "House of Cards" ohne den Mann, der die Serie mit seiner enigmatischen Aura geprägt hatte und als Aushängeschild maßgeblich für den Erfolg verantwortlich war. Spätestens jetzt war die Karriere vorbei und Spacey von allen Bildflächen verschwunden, mit Ausnahme eines skurrilen Weihnachtsvideos, in dem er 2018 viele Anschuldigungen von sich wies.

Juristisch ist Spacey bis heute nicht verurteilt. Erst einmal musste er wegen eines mutmaßlichen sexuellen Übergriffs vor Gericht erscheinen. Ihm wurde vorgeworfen, 2016 in einer Bar in Nantucket einen damals 18-Jährigen sexuell belästigt zu haben. Das mutmaßliche Opfer hatte ausgesagt, Spacey habe ihn betrunken gemacht und mehrfach unsittlich berührt. Anfang des Jahres hatte der Schauspieler diese Vorwürfe persönlich vor Gericht dementiert.

Doch das Verfahren wurde eingestellt. Nicht wegen Spaceys Dementi, sondern weil das Mobiltelefon, mit dem das Opfer die Tat gefilmt haben will, verschwunden sein soll. Die Familie des Opfers behauptete vor Gericht, das Handy nie von der Polizei zurückbekommen zu haben. Auf den gerichtlichen Hinweis hin, dass eine Manipulation des Handys, dazu zähle auch das Löschen von Daten, strafrechtliche Konsequenzen habe, wollte das mutmaßliche Opfer nicht mehr aussagen.

Darf man Mensch und Künstler trennen?

Ein Mensch ist solange unschuldig, bis ihm das Gegenteil bewiesen wird. Das ist ein Prinzip, mit dem der Rechtsstaat seine Bürger vor Willkür schützt. Und es ist gut, dass es weiterhin Gültigkeit hat, auch im Fall von Kevin Spacey. Und doch spürt er ein Beben. Er ist (immer noch) am Boden und hat seine Kunst gleich mitgerissen. Viele prominente Kollegen aus Hollywood haben sich von ihm distanziert. Gleichwohl betonte Schauspielerin Judi Dench kürzlich in einem Interview mit der britischen Programmzeitschrift "Radio Times", dass die Arbeit trotz der schrecklichen Anschuldigungen nicht vergessen werden sollte. "Man kann das Talent einer Person nicht leugnen", erklärte sie.

Den Menschen vom Künstler zu trennen, das ist in der Tat nicht einfach. Bei Produzent Harvey Weinstein mag das noch ganz gut klappen: "Pulp Fiction", "Shakespeare in Love" und "Der englische Patient" kann man sich ansehen, ohne ihm ins Gesicht blicken zu müssen. Kevin Spacey aber ist Schauspieler, ein verdammt guter, vielleicht der beste seiner Generation. Ein Film mit Kevin Spacey ist immer auch eine Begegnung mit Kevin Spacey. Das macht es schwierig.

Man sieht Spacey in seinen unvergesslichen Rollen - und kann sie nicht mehr von dem Menschen trennen. Bei "House of Cards" mag das egal sein: Präsident Underwood ist ohnehin ein moralischer Offenbarungseid. Aber sonst? Sieht man Verbal Kint aus "Die üblichen Verdächtigen" (1995), den desillusionierten Familienvater aus "American Beauty" (1999) oder Bobby Darin aus "Beyond the Sea" (2004), einem der besten Musiker-Biopics aller Zeiten, für das Spacey das Drehbuch schrieb, sein Geld gab, Regie führte und die Hauptrolle spielte, sang und tanzte?

Oder sieht man doch vor allem einen Mann, der sich schwerwiegende sexuelle Übergriffe geleistet hat und dessen Fehlverhalten gegenüber jungen Männern am Londoner Old Vic Theatre ein schlecht gehütetes Geheimnis war? Spacey hatte dem ehrwürdigen, aber abgewirtschafteten Haus von 2004 bis 2015 als künstlerischer Direktor zu neuem Glanz verholfen und wurde für seine Verdienste gar zum Ritter geschlagen.

Spacey bleibt ein großes Rätsel

Um das Dilemma zu verstehen, könnte man sich "L.A. Confidential" (1997) ansehen. Curtis Hansons großes Gangsterepos zählt nicht nur zu Spaceys besten Filmen, hier bekleidet er auch seine typischste Rolle: Der Schauspieler spielt gewissermaßen einen Schauspieler, einen, der anderen etwas vormacht, ein einziges großes Rätsel. Ihn zeichnet als Schauspieler eine geradezu enigmatische Gelassenheit aus: Spacey ist urplötzlich präsent, und niemand weiß, wann er eigentlich durch die Tür gekommen ist.

So unvermittelt, wie Kevin Spacey vor zwei Jahren in der Versenkung verschwand, so unvermittelt war er einst aufgetaucht. Einfach so. Aus dem Nichts, mysteriös wie Kayser Soze: Seine Rolle in Bryan Singers unglaublichem Thriller "Die üblichen Verdächtigen" (1995) katapultierte Kevin Spacey ins Rampenlicht. Und zwar mit einem gehörigen Knall und dem Oscar als bester Nebendarsteller.

Bis heute ist er ein Rätsel. Aus dem Privatleben ist außer einigen Jugendepisoden und den in den letzten Jahren erhobenen Vorwürfen nicht viel bekannt. Kevin Spacey Fowler, so sein vollständiger Geburtsname, kam in New Jersey zu Welt und wuchs in Kalifornien auf. "Bis ich 14 war, zog meine Familie mindestens zwölfmal um", sagte er einmal. Der Vater war oft arbeitslos, der Sohn, ein Energiebündel, kaum zu bändigen. Als er das Baumhaus seiner Schwester abfackelte, steckten ihn die Eltern in eine Militärschule, von der er jedoch umgehend flog.

Erst eine Autogrammstunde mit seinem Idol Jack Lemmon brachte ihn auf die richtige Bahn: "Ich stand plötzlich neben ihm und fragte ihn eine Viertelstunde lang aus. Zum Schluss sagte er, dass ich nach New York gehen solle, um mich dort an der Schauspielschule zu bewerben." Lemmon wurde eine Art Mentor des aufstrebenden Talents und zugleich ein Vorbild in Sachen Bescheidenheit. Ende der 90er-Jahre stand der Superstar Kevin Spacey für 225 Pfund pro Woche in London auf der Bühne. Und als er 2000 seinen zweiten Oscar, diesmal als bester Hauptdarsteller in Sam Mendes' berührendem Aussteigerdrama "American Beauty" erhielt, kam er - auch das gehört zum Menschen Kevin Spacey - wie beim ersten Mal in Begleitung seiner Mutter.