Tierversuche: Leider kein Impfstoff ohne Leiden

Fabienne Ferrara

Ohne Tierversuche wird es ein Medikament gegen Covid-19 kaum geben können. Umso wichtiger ist es nun, ethische Standards und Forschungsinteressen gegeneinander abzuwägen.

Mäuse in einem Heidelberger Labor © Uwe Anspach/​dpa

Mit der Dauer der geltenden Corona-Einschränkungen wächst zugleich die Kritik an diesen Maßnahmen. Neben das anfängliche "Ja, wir schaffen das als Gemeinschaft" tritt ein immer lauteres "Nein zur sozialen Isolation und zur existenziellen Ausweglosigkeit". Rettung verspricht die schnelle Entwicklung eines neuen schützenden Impfstoffes oder wirksamer Medikamente zur Heilung bei Erkrankung. Ich bin Tierärztin und Naturwissenschaftlerin. Der rationale Teil in mir weiß, dass wir es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht schaffen werden, in wenigen Monaten einen wirksamen Impfstoff gegen Covid-19 zu haben. Der weniger rationale Anteil aber hofft auf ein biotechnologisches Wunder. Derzeit werden in 60 aktiven Programmen potenziell wirksame Medikamenten- und Impfstoffe getestet. Der gesamte Forschungs- und Entwicklungsprozess eines neuen Arzneimittels bis hin zur Zulassung dauert in der Regel zehn bis 15 Jahre und reicht von Grundlagenforschung wie dem Screening geeigneter Wirkstoffkandidaten über angewandte Forschung wie beispielsweise pharmakologisch-toxikologische Untersuchungen bis hin zu der anschließenden zwingend notwendigen klinischen Prüfung gemäß Paragraf 40 ff. des Arzneimittelgesetzes.

Fabienne Ferrara, 1981, promovierte Fachtierärztin für Versuchstierkunde. Als Wissenschaftlerin forschte sie tierexperimentell und studierte als Tierschutzbeauftragte berufsbegleitend Medizin-Ethik-Recht. Nun arbeitet sie freiberuflich als Beraterin bei der Umsetzung und Verbesserung von rechtlichen Vorgaben zur Versuchstierhaltung und Durchführung von Tierversuchen sowie als Projektmanagerin klinischer Studien. Außerdem bietet sie Seminare und Coachings zu ethischen Spannungsfeldern der tierexperimentellen Forschung an. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

In diesem Entwicklungsprozess sind präklinische Studien an Tieren nicht nur gesetzlich gefordert, sondern derzeit auch immer noch unerlässlich. Bei der Impfstoffentwicklung beispielsweise kann eine Immunantwort nicht in vitro simuliert werden. Denn sie setzt einen immunkompetenten Organismus voraus, der potenziell in der Lage ist, schützende Antikörper gegen einen Krankheitserreger zu bilden. Tierversuche sind daher essenziell, um die Wirksamkeit eines neuen Impfstoffes zu testen.

Tierschutz und Tierwohl liegen mir am Herzen und aus meiner Arbeit als Fachtierärztin für Versuchstierkunde und Tierschutzbeauftragte weiß ich, dass sich Tierversuche in einigen wenigen Fällen durch andere Prüfverfahren ersetzen, sich in anderen Fällen immerhin das Leben von Versuchstieren verbessern lässt. Über die Finanzierung von Biotechnologieunternehmen, die nach Impfstoffen gegen das Coronavirus suchen, wird gerade viel diskutiert. Über Tierversuche oder gar darüber, dass auch all jene, die Tierversuche konzipieren und ermöglichen, systemrelevante Arbeit leisten, wird bislang kaum gesprochen. Eine transparentere und proaktive Wissenschaftskommunikation über Tierversuche durch Universitäten, Forschungseinrichtungen und forschende Unternehmen ist dringend erforderlich.

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