Tiktok-Thema: Millionen Menschen schauen Videos über Kinderfreiheit

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Das childfree movement versammelt Frauen und Männer, die bewusst kinderfrei bleiben. Die Gründe dafür, das erzählen einige auf Tiktok, sind so verschieden, wie die Menschen dahinter. Aktuell spielen auch Erfahrungen in der Coronavirus-Pandemie eine Rolle.

Kinderfrei: Das ist für immer mehr Menschen eine bewusste Entscheidung. Im sozialen Netzwerk Tiktok veröffentlichen aktuell viele Menschen Videos zu dem Thema. Foto: Symbolbild / gettyimages / dima_sidelnikov
Kinderfrei: Das ist für immer mehr Menschen eine bewusste Entscheidung. Im sozialen Netzwerk Tiktok veröffentlichen aktuell viele Menschen Videos zu dem Thema. Foto: Symbolbild / gettyimages / dima_sidelnikov

„Auch ich wollte Kinder… für vielleicht fünf Sekunden. Und ich bin wirklich glücklich, dass ich niemals Mutter geworden bin“, sagt Samantha Osborne, die sich selbst als „Life Coach“ und Aktivistin beschreibt, in einem aktuellen Tiktok-Video

Sie spricht darin als Teil des „childfree movement“ – einer Bewegung, zu der sich Frauen und Männer zählen, die gewollt kinderfrei bleiben. Nicht kinderlos – denn die Entscheidung soll nicht mit Verlust oder Verzicht verbunden werden.

Osborne sagt, dass sie Kinder liebe, sie aber dennoch keine Mutter sein wolle. Und diese – ihre – Entscheidung sei ok. Genauso wie die Entscheidung, Kinder zu wollen, ok sei. „Wir müssen endlich damit aufhören, uns gegenseitig Vorwürfe zu machen und uns zu verurteilen. Wir treffen unsere eigenen Entscheidungen: Kinder oder keine Kinder“, sagt sie am Ende des Videos.

Videos zum Thema haben über 160 Millionen Views auf Tiktok

Damit ist Osborne eine von vielen, es sind vor allem Frauen, die aktuell auf Tiktok über Kinderfreiheit sprechen. Zu finden sind einige der Beiträge beispielsweise unter den Hashtags #childfreebychoice oder #childfreetok.

Mashable schreibt in einem Artikel zum Thema, dass Videos aus dem Genre „#childfree“ mittlerweile über 160 Millionen Mal angeschaut wurden.

Was einmal mehr zeigt, dass auf dem soziale Netzwerk vermehrt gesellschaftspolitische Themen bewusst angesprochen werden – und daran auch großes Interesse bei den Nutzer*innen besteht. Der NDR schrieb etwa ihm Frühjahr über Tiktok: „Von der Spaß-App zur Polit-Plattform“.

In den Videos zum childfree movement werden viele Aspekte des Themas behandelt. Beispielsweise setzen sich darin Frauen mit Vorurteilen und Vorwürfen auseinander, die ihnen immer wieder begegnen, wenn sie von ihrer Entscheidung, ein Leben frei von Kindern zu führen, erzählen.

Wann wirst du denn endlich schwanger?

Häufig hören Frauen dann, dass sie ja nie die Liebe eines Kindes erleben würden. Die Tiktokerin „danahbananaa“ antwortet dann: „Und ich will sie auch nicht erleben. Aber wenn wir das Spiel schon spielen: Du, als Elternteil, wirst niemals wieder meine Freiheit und mein Glück spüren. Im Gegensatz zu dir muss ich nicht ständig und angsterfüllt auf mein Kind aufpassen.“

Andere setzen sich mit der gesellschaftlichen Erwartung auseinander, dass Frauen aufgrund ihres Geschlechts verpflichtet seien, Kinder zu bekommen. „‚Wann? Wann? Wann? Ja, wann wirst du denn nun endlich schwanger?‘ Das ist eine Frage, die Frauen immer wieder hören“, sagt etwa eine Tiktokerin in diesem Video. „Was dabei komplett vergessen wird: Frauen haben die Wahl, keine Kinder zu bekommen. Vielleicht ist die Gefragte einfach noch nicht sicher, ob sie Kinder will. Oder, was viele ignorieren: Es besteht die Möglichkeit, dass Frauen körperlich nicht dazu in der Lage sind, Kinder zu bekommen. Deshalb ist die Frage nach dem ‚Wann?‘ schlicht unangemessen.“

Wie das „Gutmacher Institute“, eine US-amerikanische Forschungseinrichtung im Bereich der sexuellen Gesundheit, vergangenes Jahr in einer Studie herausgefunden hat, ließ die Coronavirus-Pandemie viele Menschen das Thema Kinderfreiheit neu bewerten.

Was daran lag, dass viele Proband*innen während der Pandemie Zeit hatten, über ihr Leben nachzudenken und sich ihrer persönlichen Wünsche bewusster zu werden. So achten etwa ein Drittel aller teilnehmenden Frauen seit der Pandemie mehr auf Verhütung. Dadurch hat die Pandemie nicht nur in den USA zu einem Geburtenrückgang geführt – die Entwicklung ist weltweit zu sehen.

Vielen Menschen hat laut dem Gutmacher Institute auch zu denken gegeben, wie Gesundheits- und Sozialsysteme unter der Last der Pandemie Probleme hatten. Denn: Eltern zu werden bedeutet, sich auf die öffentliche Versorgung verlassen zu müssen. Bei vielen sei dieses Vertrauen zurückgegangen.

Der Gesellschaft steht kein Urteil zu

Was auch immer der Grund sei, kinderfrei zu sein oder Kinder zu bekommen, das betonen viele Aktivist*innen in ihren Tiktok-Videos, es handle sich dabei um individuelle Entscheidungen. Der Gesellschaft stehe es nicht zu, darüber zu urteilen. 

Im Interview mit Mashable sagt etwa Tiktokerin Sisi Hinley: „Ich glaube, wir Frauen werden noch immer stigmatisiert, wenn wir keine Kinder wollen. Wir werden noch immer als Reproduktionsmaschine angesehen. Aber wir sind so viel mehr, uns macht so viel mehr aus als nur die Fähigkeit, Kinder zu bekommen.“

Wer mehr über das Thema Kinderfreiheit erfahren möchte, findet etwa persönliche Erfahrungsberichte auf der Seite der Initiative „We are Childfree“. Die setzt sich unter anderem dafür ein, dass in Zukunft überhaupt mehr Frauen die Wahl haben, sich für oder gegen Kinder zu entscheiden. Denn laut einer Untersuchung könnten dies aktuell nur 55 Prozent aller Frauen und Mädchen weltweit.

VIDEO: Diese Stars sind kinderlos und glücklich

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