Vom Tischler zum Star: Wer war der schratige "Tatort"-Mörder?

Eric Leimann
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Vom Tischler zum Star: Wer war der schratige "Tatort"-Mörder?

Im neuen "Tatort" mit Wotan Wilke Möhring und Franziska Weisz überzeugte vor allem der Mörder - ein aus väterliche Liebe um sich schießender Familienvater.

Nun ja, man hat schon bessere "Tatort"-Krimis mit Wotan Wilke Möhring und Franziska Weisz gesehen. Mit seinem etwas holprigen Drehbuch, voll mit Klischee-Verdächtigen und unglaubwürdigen Verfolgungsszenen, bot "Querschläger" durchaus Raum für Kritik. Dafür spielte ein Episoden-Hauptdarsteller ganz groß auf.

Worum ging es?

Während der Polizeikontrolle auf einer Autobahnraststätte feuert ein Heckenschütze auf einen LKW. Von einem Querschläger getroffen, sinkt ein Fernfahrer leblos zu Boden. Die Kamera folgt dem durch einen Wald flüchtenden Schützen zu dessen PKW und danach in eine kleinbürgerliche Wohnung, wo sich Steffen Thewes (Milan Peschel) als liebevoller, fürsorglicher Vater eines offenbar schwerkranken Teenager-Mädchens (Charlotte Lorenzen) erweist. Die Frage war: Kann es sein, dass Thewes, der als Zollfahnder arbeitet, Speditionsunternehmer Cem "Jimmy" Aksoy (Eray Egilmez) schaden wollte? Oder wurde dessen LKW nur zufällig zur Zielscheibe eines Mannes, dessen zunehmende Verzweiflung den Kleinbürger mit Sportschützen-Expertise immer mehr zum vogelwilden Sniper werden lässt?

Worum ging es wirklich?

Der sechste gemeinsame Fall von Falke und Grosz hatte keinen doppelten Boden. "Querschläger" war jedoch ein Thriller, der beim Zuschauer ein Gefühl zwischen Verständnis und Mitleid mit dem Mörder entstehen ließ. Der verzweifelte Kleinbürger und liebevolle Vater Steffen Thewes (Milan Peschel) wollte das Richtige, erschuf aber dennoch ein Katastrophen-Szenario, das immer mehr zur großen menschlichen Tragödie wurde. In dieser Hinsicht war der Biedermeier-Sniper-Film dann doch großes (Schauspieler)kino.

Wer war dieser Mörder-Schrat?

Er ist ein Könner, aber eigentlich der klassische Mann für die zweite Reihe. Doch vor allem dank seiner engen Freundschaft zum deutschen Kino-Beau Matthias Schweighöfer kennen bereits viele Mainstream-Filmschauer das unverwechselbare Gesicht Milan Peschels. Der Ostberliner, 1968 geboren, lernte zuerst Theatertischler, ehe es ihn über die renommierte Schauspielschule "Ernst Busch" selbst auf die Bühne zog. An der Berliner Volksbühne war er schon längst ein Star, als man Peschel vor 15 Jahren immer mehr für den Film entdeckte. Weil Physiognomie des zweifachen Familienvaters etwas Schratiges hat, spielte er meist Nebenrollen oder tragikomische Antihelden. Durch seinen "Buddie" und Fan Matthias Schweighöfer spielte der Ausnahmemime auch im zuschauerstarken Unterhaltungskino - zum Beispiel in Produktionen wie "What a Man" (2011), "Rubbeldiekatz" (2011) und vor allem "Schlussmacher" (2013), wo er neben Schweighöfer die zweite Hauptrolle innehatte. Nun wird Milan Peschel sogar selbst Krimi-Ermittler: Am Montag, 9. Dezember, 20.15 Uhr, ermittelt er als Adam Danowski - ebensfalls in Hamburg - im ZDF.

Welche Milan-Peschel-Filme sollte man unbedingt kennen?

Gleich seine erste Hauptrolle in Robert Thalheims Regiedebüt "Netto" im Jahr 2005 ist ein absoluter Kultfilm. Peschel spielt den Vater eines halbwüchsigen Sohnes, der gepeinigt von Arbeits- und Erfolgslosigkeit, trotzdem gegenüber seinem Kind die Illusion aufrechterhalten will, dass sein Vater ein cooler Typ ist. Die Berliner Hartz-IV-Tragikomödie ist brilliant, und Peschels Darstellung bleibt jedem Zuschauer auf ewig im Gedächtnis. Übertroffen wird sie nur noch durch Andreas Dresens hochdekoriertes Kinodrama "Halt auf freier Strecke", in dem Peschel einen Familienvater spielt, bei dem - in Szene eins - ein tödlicher Hirntumor diagnostiziert wird. Der gesamte restliche Film beschäftigt sich mit dem Sterben seines Protagonisten, was viele Zuschauer, die bei Filmen Zerstreuung suchen, abschrecken mag. Sie verpassen jedoch einen der vielleicht berührendsten Film über den Wert des Lebens, den die Kinogeschichte zu bieten hat: "Halt auf freier Strecke" gewann hochverdient den Deutschen Filmpreis 2012 sowie den Bayerischer Filmpreis 2011.

Warum ermitteln Falke und Grosz plötzlich wieder in Hamburg?

"Querschläger" spielte wie "Treibjagd", der Vorgänger-Fall von Falke und Grosz vom November 2018, in Hamburg: jener Stadt, in der Wotan Wilke Möhring im April 2013 als neuer "Tatort"-Kommissar eingeführt wurde. Damals stand ihm Schauspielerin Petra Schmidt-Schaller als Kollegin Katharina Lorenz zur Seite. Doch schon in Film zwei, "Mord auf Langeoog", musste das Team umziehen und zog fortan als Bundespolizei mit unterschiedlichen Einsatzorten durch Norddeutschland. Grund der Schauplatz-Konfusion war ein gewisser Til Schweiger, der mit großkalibrigen Waffen, Action Stunts und dicker Hose die Hansestadt "in seine Gewalt" brachte. Offenbar war der produzierende NDR der (nachvollziehbaren) Meinung, dass ein solcher Action-"Tatort" nur in einer Metropole funktionieren kann. Durch die Kreativpause Schweigers, dessen "Tatort" gerade völlig neu kalibriert wurde, war plötzlich wieder Platz in der Hansestadt.

Kehrt Til Schweiger nach Hamburg zurück?

Die neue Episode "Tschill Out" wird am Sonntag, 5. Januar 2020, um 20.15 Uhr, im Ersten ausgestrahlt. Es ist der erste "Tatort" mit Kommissar Nick Tschiller seit vier Jahren. Im Vergleich zu den ersten fünf Schweiger-Fällen soll der Krimi in Zukunft deutlich weniger actionlastig werden. Gedreht wurde "Tschill Out" größtenteils auf Neuwerk im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer vor Cuxhaven. Die 120 Kilometer Luftlinie von Hamburg entfernte Insel gehört politisch zum "Staatsgebiet" der Hansestadt. Auch in Hamburg wurde gedreht. Das Drehbuch stammt aus der Feder von Eoin Moore und Anika Wangard, die für mehrere Folgen des Rostocker "Polizeiruf 110" verantwortlich zeichnen. Moore übernahm auch die Regie. Ob und wie sich Wotan Wilke Möhring und Til Schweiger Hamburg in Zukunft "aufteilen", ist derzeit noch nicht bekannt.

"Tatort: Querschläger" mit Wotan Wilke Möhring