Zum Tod von Michel Piccoli: Der schöne Querulant

Claudia Lenssen

Der Schauspieler Michel Piccoli verkörperte verfressene Egomanen, zaudernde Liebhaber, sogar den Papst. Sein Geheimnis war die Distanz, die er stets wahrte. Ein Nachruf

Michel Piccoli, 1925–2020 © imago images

Das Leben amüsiere ihn, antwortete Michel Piccoli in einem seiner seltenen Interviews auf die Frage, warum er auch im Alter nicht auf die Atmosphäre am Filmset verzichten mochte. Er, das Monstre sacré des französischen Kinos, eine der großen stilprägenden Schauspielpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, war auch nach weit mehr als 200 Filmen und einer immensen Zahl großer Theaterrollen neugierig auf gute Geschichten. Ihn faszinierte das Geheimnis der Figuren, die sich seine Regisseure für ihn ausdachten.

Piccoli ging vollkommen in ihren Visionen auf, davon lebten noch seine exzentrischsten Charaktere, und dennoch bewahrte er stets eine Distanz zur eigenen Rolle. So spielte er mit geradezu sardonischer Lust in der Farce Das große Fressen seines Freundes Marco Ferreri einen satten Egomanen, der mit drei Freunden in eine Villa zieht, um sich orgiastisch zu Tode zu fressen: Piccoli als Narziss, der sich dennoch nie ganz ernst zu nehmen scheint. Wie hätte er sonst in einer Szene ein paar Ballettschritte wagen können?

In Claude Sautets Liebesfilm Die Dinge des Lebens spielte Piccoli einen Mann, der einen schweren Autounfall erleidet. Er wird sterben. In seiner letzten Stunde zeigt Piccoli aber noch einmal das unentschiedene Pendeln zwischen der Ex-Frau, gespielt von Lea Massari, und der Geliebten, Romy Schneider. Mit ihr drehte Piccoli fünf Filme, alle gehören heute zum Kanon des französischen Cinemas.

Piccoli arbeitete mit Louis Malle, Jacques Rivette, Francis Girod, Michel Deville, Jacques Rouffio und Alain Resnais. Gleich mehrere Kultfilme drehte er mit Luis Buñuel, Jean-Luc Godard, Claude Sautet und Manoel de Oliveira. Er liebte das Ensemblespiel, das ihn mit den unterschiedlichsten Themen, Stilen und Handschriften seiner Regisseure konfrontierte. Piccoli verkörperte Bürger und Aristokraten, Unternehmer, Staatsmänner, Künstler und Filmleute, bizarre komödiantische Kunstfiguren, zynische Gefühlsextremisten und nicht zuletzt in sich gekehrte, zaudernd melancholische Männer – an der Seite von Brigitte Bardot, Catherine Deneuve, Jeanne Moreau und eben Romy Schneider.

Lesen Sie hier weiter!