Plötzlich kamen Angebote aus jeder Liga Europas

Vor dem Auftaktspiel ihrer Mannschaft am Dienstagabend gegen die Portugiesen wird es in den tschechischen Medien sicher wieder dutzendfach fallen – das Tor im Leben des Karel Poborsky. Es verzückte alle, die es 1996 sahen, damals bei der EM in England, und es stellte Weichen, lenkte gar Schicksale.

Es ist der 23. Juni 1996 in Birmingham. Im Viertelfinale treffen die überraschend so weit vorgestoßenen Tschechen, die in der deutschen Gruppe Zweiter geworden waren, auf die Portugiesen, die ihre Gruppe souverän gewannen und spätestens nach dem 3:0 über Kroatien als Mitfavorit auf den Titel galten. In Portugal sprach man von einer Goldenen Generation um Rui Costa, den Dortmunder Paulo Sousa und den jungen Luis Figo, dem Wunderdinge zugetraut wurden. Diese Mannschaft sei in der Lage, raunten die Experten, als erste überhaupt einen Titel nach Portugal zu holen.

Von den Tschechen erwartete niemand derartiges, sie galten als bieder und hatten sechs Jahre an keinem Turnier mehr teilgenommen. Die Namen der Bundesliga-Legionäre im Team – Kadlec, Latal, Nemec – standen für ehrliche Fußballarbeit. Alle waren sie auf ein Aus in der Vorrunde eingestellt, einige hatten nicht mal ihre Koffer ganz ausgepackt und Vaclav Smicers Hochzeitstermin war zwei Tage vor dem Finale. Dass sie das erreichen würden – unvorstellbar. Und doch taten sie alles dafür, den vorletzten Schritt machten sie in Birmingham.

Poborsky-Heber schreibt Geschichte

Nach torloser und zäher erster Hälfte setzte der langmähnige Spielmacher von Meister Slavia Prag in der 54. Minute zu einem Sololauf an, nach dem alle Welt den Namen Karel Poborsky kannte. Hören wir ihn selbst: „Jiri Nemec spielte mir den Ball zu, ich lief in zwei, drei Mann hinein und verlor die Kugel. Aber der Ball flipperte mir irgendwie wieder vor die Füße und plötzlich lief ich auf das Tor zu. Portugals Torwart Vitor Baia stand weit vor seinem Kasten, also war ein Heber das beste Mittel. Ich hätte es fast zu genau gemacht. Der Ball flog sehr hoch und für einen Moment dachte ich, dass er nicht ins Tor gehrt, doch er war drin. Das war ein wichtiger Treffer für uns.“

So durfte er es noch mal auf der UEFA-Homepage erzählen, wo sein Tor zu den wichtigsten der EM-Geschichte aufgeführt wird. Das Besondere daran war die Technik. Es war kein Schlenzer à la Lars Ricken 1997 im Finale der Champions League, vielmehr schaufelte er den Ball geradezu über den Keeper, hinter dem er wie ein Stein wieder herunterfiel. Ein Heber im vollen Lauf – das war die ganz hohe Fußballkunst. Poborsky: „Mir gefiel es halt immer besser, mit Stil und nicht mit brachialer Gewalt abzuschließen.“

Bierhoff beendet tschechischen EM-Traum

Das Tor öffnete Tschechien den Weg ins Halbfinale und dann ins Finale, wo erst ein gewisser Oliver Bierhoff ihren Träumen ein Ende setzte. Poborsky öffnete es den Weg in die weite Fußballwelt, „dieses Tor hat meine Karriere gestartet.“ Er bekam Angebote im Stundentakt, „eigentlich aus jeder Liga in Europa“. Girondins Bordeaux wollte ihn als Nachfolger von Zinédine Zidane verpflichten, Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund klopften an, selbst der FC Liverpool. Vergeblich, denn sie kamen zu spät. Keiner war so schnell wie Alex Ferguson. Der Teammanager von Manchester United hatte es ja auch nicht weit zum Tschechen-Quartier und wurde noch vor dem Endspiel bei Poborsky vorstellig – damals war so was eben noch möglich.

Angeblich verstand der mäßig Englisch sprechende Tscheche kaum ein Wort aus dem Munde des Schotten, aber nach drei Minuten waren sie sich einig. Poborsky wechselte zu Manchester United und wurde gleich Meister. Nach zwei Jahren im Schatten von David Beckham spielte er noch für Benfica Lissabon und Lazio Rom und genoss das Leben. „Die EURO 1996 war ein lebensveränderndes Turnier für mich. Ich habe die Welt kennen gelernt“, gestand er nach der Karriere. Die enthielt zwei weitere EM-Teilnahmen, denn die Goldene Generation um Poborsky, zu der Namen wie Pavel Nedved, Milan Baros sowie Keeper Petr Cech gehören, hielt sich beharrlich in der internationalen Spitze.

Die Portugiesen hingegen mussten eine neue Generation aufstellen. Sie begann bei dem Turnier, das Poborskys letztes war (2004) und das erste eines gewissen Cristiano Ronaldo. Der übrigens das dritte und bis dato letzte Aufeinandertreffen beider Teams bei einer EM entschied. 2012 war es wieder ein Viertelfinale und es fiel nur ein Tor, aber daran erinnert sich niemand mehr.