Trügerisches Läuten: Wenn das Handy nur im Kopf klingelt

Es geschieht, während wir duschen, fernsehen oder uns die Haare föhnen: Wir glauben, das Klingeln unseres Handys zu hören – obwohl gar keiner anruft. Ein Drittel aller Deutschen hat eine solche Situation schon einmal erlebt. Bei den 14- bis 29-Jährigen sind es sogar 46 Prozent. Inzwischen hat das Phänomen sogar einen Namen: Ringxiety. Das Wort setzt sich zusammen aus „ring“, klingeln, und „anxiety“, Angst. Ringxiety kann sich nicht nur in einer akustischen Täuschung äußern: Manche glauben auch, einen Vibrationsalarm zu spüren, obwohl kein Anruf eingeht.

War da nicht was?

Über die genauen Ursachen des Phänomens rätseln Forscher noch. Möglicherweise gehört das Handy inzwischen so sehr zu unserem täglichen Leben, dass wir es wie ein Körperteil behandeln. Bleibt der ständige Begleiter stumm, wundern wir uns und sehen nach, ob alles in Ordnung ist. Die große Aufmerksamkeit, die wir dem Gerät schenken, und der Druck der ständigen Erreichbarkeit verstärken den Effekt: Wir werden sensibler für das Geräusch – und verwechseln ähnlich klingende Geräusche aus der Umgebung leicht mit dem vertrauten Klingelton. Hinzu kommt: Bei dem permanenten Läuten in U-Bahnen, Straßenbahnzügen, auf öffentlichen Plätzen und in Lokalen fällt es schwer, das eigene Signal von anderen Klingeltönen zu unterscheiden.

Manche Forscher vermuten auch, dass hinter dem skurrilen Phänomen ein tiefer, aber unerfüllter Wunsch nach menschlichen Kontakten stecken könnte. Denn ein versäumtes Gespräch kann bedeuten, vom sozialen Netzwerk abgeschnitten zu sein. Je häufiger die Betroffenen ihr Handy benutzen, desto öfter berichten sie auch von solchen Phantomanrufen. In einer Studie hatten 67 Prozent der Befragten, die das mysteriöse Phantomklingeln kannten, höhere monatliche Telefonrechnungen, verbrauchten mehr Minuten und verschickten mehr SMS. Manche Verschwörungstheoretiker glauben sogar, Radio- und Fernsehsender würden absichtlich falsche Telefonsignale in ihr Programm integrieren, um schwindende Aufmerksamkeit der Zuhörer wieder zu erregen.

Im Strudel der Geräusche

Doch ist Ringxiety wirklich Einbildung? Spielt uns nur das Gehirn einen Streich? Britische Psychologen überlegten vor einigen Jahren, ob es sich stattdessen nicht auch um eine evolutionäre Veränderung handeln könnte. Das Gehirn hat sich an die Anforderungen der modernen Gesellschaft angepasst: Früher war es überlebenswichtig, das Geräusch nahender Raubtiere rechtzeitig zu erkennen. Heute kann es ein Anruf vom Vorgesetzten sein, der das weitere Schicksal bestimmt.

Doch ist es wirklich möglich, dass sich die Evolution bereits auf das Handy eingestellt hat? Immerhin begann die Entwicklung des Mobilfunks erst 1926, damals noch mit einfachen Funktelefonen. Das Gehirn müsste sich dann innerhalb von achtzig Jahren auf die heutigen Anforderungen eingestellt haben. Diese Zeit dürfte zu kurz sein: Unsere Vorfahren brauchten für solche Veränderungen mehrere Hunderttausend Jahre.

Vermutlich liegt die Ursache für das kuriose Phänomen aber eher in der übermäßigen Handynutzung. Zwar gibt es noch keine Therapie, aber mit ein paar Tricks lässt sich die Ringxiety mindern: Ein lauter und auffälliger Klingelton, der sich nur schwer überhören oder verwechseln lässt, kann beispielsweise helfen, das eigene Handy eindeutig zu wahrzunehmen.
 

 

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