Transgender-Athleten: Hitzige Debatte in Connecticut

Ben Barthmann
freier Sportjournalist

Der US-Staat Connecticut wird zum Schauplatz einer hitzigen Diskussion, die den Sport auf lange Sicht verändern könnte. Eine junge Läuferin macht mit fragwürdiger Hilfe gegen zwei Transgender-Konkurrentinnen mobil, die die Leichtathletik seit zwei Jahren dominieren.

Andraya Yearwood (l.) und Terry Miller (r.) wurden als Männer geboren. (Bild: Getty Images)

Es ist ein dramatisches Video, das die Geschichte der jungen Selina Soule zeigt. Mit trauriger Musik untermalt sind die Aussagen der 16-Jährigen: “Als die Pistole ertönt war, zogen die beiden Transgender-Athleten davon, sie flogen regelrecht und ließen uns Mädchen allesamt im Staub zurück.”

Tatsächlich ist die Geschichte von Soule erzählenswert. Weniger aufgrund der dramatischen Aufmachung der Produzenten der christlich-rechten Gruppe ADF (Alliance Defending Freedom), sondern vielmehr aufgrund der großen Symbolkraft für den Sport.

Soule ist seit vielen Jahren eine begabte Sportlerin. Sie nimmt an Wettbewerben im US-Staat Connecticut teil, wird dort aber seit etwa zwei Jahren regelmäßig auf die Plätze verwiesen. “Ich habe Möglichkeiten verloren, an hochklassigen Läufen teilzunehmen”, sagte sie in einem Gespräch mit der US-Seite CaldronPool, die ihr Anliegen unterstützt.

Connecticut erlaubt Transgender-Athleten die Teilnahme am Frauen-Sport

Soules Problem: Connecticut erlaubt es als einer von 19 US-Staaten, dass Transgender-Athleten gegen Frauen antreten. Namentlich sind es Andraya Yearwood und Terry Miller, die seit ihrem Debüt im Jahr 2017 15 Gold-Medaillen eingefahren haben. Yearwood wurde 2017, 2018 und 2019 zum All-State-Champion über 55 Meter.

Die beiden Läuferinnen sind aktuell kaum zu besiegen. Weil sie Männer sind, schimpft die Seite von Soule und der ADF. Sie klagen über eine Benachteiligung der “echten” weiblichen Läuferinnen. Aber was heißt in diesem Fall eigentlich “echt”? Hier stößt der Sport - nicht nur in Connecticut - an seine Grenzen.

Wobei dies eigentlich nicht nur für den Sport zutrifft. Die Wissenschaft, die Gesellschaften, die Regierungen dieser Welt sind davon überfordert, dass es zwischen Mann und Frau eine Grauzone gibt. Yearwood und Miller wurden männlich geboren, wollen es aber nicht mehr sein. Sie identifizieren sich als Frauen.

Kann jetzt jeder Mann ein Top-Frauen-Sportler werden?

Der Vorwurf der ADF-Gruppe: Jeder Mann auf dieser Welt könnte sich schon morgen als Frau identifizieren und plötzlich zu einem Top-Sportler aufsteigen. Die Vorteile von Männern gegenüber Frauen im sportlichen Wettkampf sind oftmals leicht zu erkennen.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Yearwood und Miller unterziehen sich beide einer Hormonsubstitution - weil sie eben nicht nur auf der Laufbahn Frauen sein wollen, sondern in ihrem täglichen Leben. Eine derartige Hormonbehandlung bringt nachweislich körperliche Einbußen in der Leistungsfähigkeit mit sich.

Nicht voll gesichert ist aber weiterhin, wie sehr die Leistungsfähigkeit abnimmt. Ist der Wettbewerb trotz Hormonsubstitution wirklich fair? Diese Debatte musste auch schon Caster Semenya miterleben. Die Läuferin, die vom damalige IAAF-Präsident Pierre Weiss als “vielleicht nicht 100 Prozent Frau” beschrieben wurde, ist das bekannteste Beispiel der Diskussion.

Caster Semenya schuf keinen ausreichenden Präzedenzfall

Die Olympiasiegerin von 2012 und 2016 über 800 Meter wurde mal mit Hormonen behandelt, mal nicht. Es zeigte sich klar: Die Behandlungen senkten ihre Leistungen. Dabei ist sie zwar kein Transgender-Athlet, wohl aber durch einen 46,XY-Chromosomensatz mit mehr Androgenen (männlichen Hormonen) ausgestattet als eine durchschnittliche Frau.

Die Studienerkentnisse bezüglich des Zusammenhangs zwischen dem Testosteronspiegel und der Leistung im Wettkampf klaffen zum Teil weit auseinander. Für manche Sportarten scheint es einen deutlichen Vorteil zu bedeuten, für andere eher nicht. Somit war auch der internationale Sportgerichtshof im Sommer 2019 mit einem Urteil überfordert.

Einen echten Präzedenzfall schuf Semenya also nicht. “Die Leute müssen unterscheiden, was fair und was richtig ist”, sagte Robin McHaelen, Vorsitzende von True Colors, einer Organisation, die sich für Heranwachsende der LGBTQ-Gemeinde (engl. Abkürzung für Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transgender) einsetzt.

Donald Trump geht angeblich gegen Transgender-Identität vor

Eine ähnliche Organisation, die Athlete Ally, gab kürzlich bekannt, Yearwood und Miller im November für ihre Leistungen auszuzeichnen. “Ich habe zwei Dinge in meinem Leben immer gewusst: Erstens bin ich ein Mädchen und zweitens laufe ich gerne”, wurde Miller in der Pressemitteilung zitiert.

Die AFD derweil setzt weiter den Staat Connecticut unter Druck: “Jungs nehmen Mädchen wie Soule aktuell die Chance weg, sich Ehre und Möglichkeiten in einem fairen Wettbewerb zu verdienen. Mädchen wie sie sollten nie in die Rolle des Zuschauers gedrängt werden, aber das ist genau, was passiert, wenn man biologische Männer gegen Mädchen antreten lässt.”

Vor wenigen Tagen schaltete sich wohl auch US-Präsident Donald Trump in die Debatte ein. Laut Medienberichten will er erreichen, dass das Geschlecht in der Zukunft in den USA nur noch biologisch bei der Geburt festgestellt wird. Yearwood stellte fest: “Nur weil die Regierung das Wort entfernen lässt, heißt es nicht, dass wir nicht mehr existieren.” Sie existieren - und brauchen Lösungen.

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