Der Traum der europäischen Republik

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Der Traum der europäischen Republik

Das Schweigen der Intellektuellen über den nationalen Populismus hat ein Ende. Bestsellerautor Robert Menasse wirbt in einer länderübergreifenden Medienaktion für seine konkrete Utopie.


Ein historischer Augenblick oder nur eine mediale Blase? Vom Balkon des Wiener Burgtheaters ruft der Schauspieler Peter Simonischek („Toni Erdmann“) die „Europäische Republik“ unter Jubelrufen aus. Europa-Fahnen werden vor dem bedeutenden Theaterhaus deutscher Sprache geschwenkt. Der Blick des Mimen reicht hinüber zum Sitz des österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz und bis zum Heldenplatz – dem großen Symbol. Dort hatte einst Adolf Hitler den „Anschluss“ seiner österreichischen Heimat an Nazi-Deutschland verkündet.

In dem Manifest des österreichischen Bestseller-Autoren Robert Menasse („Die Hauptstadt“) und die in Krems lehrende Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, das Simonischek mit seiner einprägsamen Stimme verkündete, heißt es: „An die Stelle der Souveränität der Staaten tritt hiermit die Souveränität der Bürgerinnen und der Bürger.“ „Das Europa der Nationalstaaten ist gescheitert“, resümiert Simonischek.

An 150 Orten in Europa wurde ebenfalls die „Europäische Politik“ ausgerufen – als Antwort auf den Vormarsch des Nationalismus von Helsinki bis Palermo. Der Zeitpunkt ist gut gewählt, denn vor 100 Jahren ging der Erste Weltkrieg – die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zu Ende.

Das politisch-mediale Projekt zog in Wien allerdings nur wenige Besucher an. Lediglich 200 Gäste jubelten der Ausrufung der „Europäischen Republik“ in der Donaumetropole zu. In so wichtigen Metropolen wie Paris oder Madrid gab es überhaupt keine Aktionen.

Die enttäuschende Resonanz zeigt auch: Europa befindet im tiefen Konjunkturtal. Der Brexit und die Italien-Krise machen der Europäischen Union schwer zu schaffen. Hinzu kommen die von Rechtspopulisten regierten Länder wie Polen und Ungarn, welche die europäischen Werte verletzen. Aber auch Regierungen wie in Rumänien, Tschechien, der Slowakei und sogar Österreich bewegen sich bei Bedarf am Rande des Wertekanons.


Es ist deshalb kein Zufall, dass ausgerechnet der Wiener Bestseller-Autor Robert Menasse die Initiative dazu ergriffen hat. Die deutsche Burgtheater-Chefin Karin Bergmann warnt, gerade von einem Österreich, „das eine Vorreiterrolle für nationalstaatliches Denken einnimmt, dabei leichtfertig unsere zivilisatorischen Werte wie Menschlichkeit und Demokratie über Bord wirft“.

Die Alpenrepublik wird seit Ende vergangenen Jahres von einer Koalition der konservativen ÖVP und der rechtspopulistischen FPÖ unter Bundeskanzler Sebastian Kurz regiert.

„Der Europäische Rat ist abgesetzt. Das Europäische Parlament hat gesetzgebende Gewalt“, heißt es in dem Manifest von Robert Manesse. Das ist freilich ein kühner Traum, dessen Verwirklichung noch lange nicht in Sicht ist. Dennoch ist das mediale Projekt ein länderübergreifendes Wachrütteln mit Mut zur Provokation.


„Europäer ist, wer es sein will“, heißt es dem Aufruf. Absurd? „Natürlich ist das jetzt erst einmal eine Utopie, aber wer nicht denn die Kunst sollte visionär sein?“, fragt Peter Simonischek rhetorisch. „Wenn die Europäische Republik eine Utopie ist, dann ist sie eine sehr konkrete Utopie, viel weniger utopisch als die Idee der Gründerväter der Europäischen Union“, hatte Menasse kürzlich gesagt.

In dieser Zuversicht liegt die Leistung der proeuropäischen Medienaktion. Sie macht Mut für alle, die Nationalismus für eine Gefahr für Frieden und Wohlstand in Europa halten.