TV-Kolumne „Markus Lanz“ - Lanz kassiert Kritik wegen AfD-Zitat - und ich erlebe ein Gauland-Déjà-vu

<span class="copyright">ZDF / Markus Hertrich</span>
ZDF / Markus Hertrich

Hajo Schumacher grätscht gegen Markus Lanz. Es geht um die EM und die AfD. Machen wir die Rechten größer, als sie in Wahrheit sind? Schweigen jedenfalls hilft nicht - und ich fühle mich an die EM 2016 und Gauland erinnert.

„Tausende AfD-Anhänger mit Nervenzusammenbruch in Klinik eingeliefert, nachdem Deutschland in pinken Trikots dank zweier Tore von Spielern mit Migrationshintergrund gewonnen hat.“

Die Schlagzeile von vergangener Woche war lang und wuchtig. Tatsächlich hatten im zweiten Gruppenspiel Jamal Musiala und Ilkay Gündogan die beiden Tore zum 2:0-Sieg des DFB-Kaders über die Ungarn geschossen. Der eine hat nigerianische, der andere türkische Wurzeln. Die beiden Spieler waren mit ihren Treffern maßgeblich daran beteiligt, dass sich Deutschland als erste Mannschaft des Turniers für das EM-Achtelfinale qualifiziert hatte.

Das ist eine Tatsache. Die zitierte Überschrift ist hingegen unwahr. „Der Postillion“ hatte sich mit ihr einen (bitterbösen) Spaß erlaubt. Der Hintergrund ist allerdings ernst.

Güler bei Lanz: „Die beten, dass Deutschland verliert"

Wieder einmal nutzt die AfD ein Fußballturnier, um rassistische Ressentiments zu schüren und bei ihren Anhängern ordentlich Stimmung zu machen. „Warum wird hier dieser Müll so groß gemacht?“, kritisierte Hajo Schumacher am Dienstagabend bei Markus Lanz . Zumal diese zugespitzten Statements ja „nur dafür gemacht sind, immer wieder wiederholt zu werden“, so der Journalist.

Kurz zuvor hatte Moderator Lanz den AfD-Politiker Maximilian Krah zitiert, der bezüglich des deutschen EM-Kaders von einer „politisch korrekten Söldnertruppe“ und einer „Regenbogenmannschaft“ gesprochen hatte. Schumachers Aufschrei aber läuft natürlich ins Leere. Der Chefkolumnist glaubt, dass sich die stetig wiederholten Sätze einbrennen könnten und irgendwann gesellschaftsfähig seien.

Hätte Lanz aber das Kind nicht beim Namen genannt, hätte es darüber auch keine (offenbar immer wieder notwendige) Diskussion gegeben. Schweigen hat noch nie geholfen. Nun aber erklärt die ebenfalls in der Talkrunde sitzende CDU-Politikerin Serap Güler mit Blick auf die AfD klipp und klar: „Ich wette, die beten dafür, dass die deutsche Nationalmannschaft verliert.“

„So stellt man sich ein modernes Deutschland vor“

Das Ganze erinnert an die EM 2016, als AfD-Frontmann Alexander Gauland den Nationalverteidiger Jérôme Boateng ins Visier nahm und sagte: „Die Deutschen finden ihn als Fußballer gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Dazu hatte er behauptet, dass die Nationalmannschaft „nicht das passende Symbol dafür sei, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist“.

„Jeder Sieg zählt“, hält Journalist Schumacher dagegen und meint damit nicht ein etappenweises Weiterkommen auf dem Weg ins EM-Finale, sondern den Erfolg des Bunten und des Pluralismus’. Aus seiner Sicht stellt der Kader gleichwohl symbolisch ein „modernes Deutschland“ dar. „Wenn wir Europameister werden, ist mir scheißegal, welche Hautfarbe der Verteidiger hat. Hauptsache, der haut die Bälle weg.“

Geradezu herrlich fand es Schumacher, wie der deutsche Kader nach dem 1:1-Ausgleich-Kopfball von Niclas Füllkrug gegen die Schweiz in einer Jubeltraube versank. „Die fassen sich an. Die arbeiten füreinander. So stellt man sich ein modernes Deutschland vor.“

Acht Jahre nach der WM 2016 setzt AfD immer noch auf die gleichen Mechanismen

Auch acht Jahre nach der WM 2016 und den Gauland-Sätzen pflegt die AfD die gleichen zynischen Mechanismen und Parolen. Ihr geht es nicht um reale Politik, ihr geht es um Stimmung, die sich möglicherweise in Stimmen an der Wahlurne ummünzen lässt. Sie setzt auf die Spaltung der Gesellschaft und damit auf das Gegenteil all jener Werte, die eine Fußballmannschaft für ein sportliches Gelingen braucht.

Journalist Hajo Schumacher wünscht sich für Deutschland ein paar mehr mutige Männer wie Julian Nagelsmann. Aus seiner Sicht gehe der Bundestrainer mit seiner Kaderauswahl ein hohes Risiko ein, indem er keine altbewährten Kräfte aufstelle, sondern unerprobte Akteure, die lediglich zuletzt in der Saison gut gespielt hätten. „Nagelsmann hat da frischen Wind hineingebracht. Das würde ich mir für Deutschland wünschen.“

Hat Nagelsmann damit Erfolg und die „Nationalmannschaft gewinnt, wird es für Rechte schwierig, diese abzulehnen“, glaubt Schumacher. Dann würde es für die AfD etwas schwer, zu behaupten, dass Multikulti nichts bringe. Das nächste Spiel ist immer das wichtigste.