TV-Kolumne - ZDF-Doku stellt wegen brutaler Mocro-Mafia in Deutschland die entscheidende Frage

Schwer bewaffnete Polizisten beim Prozess gegen niederländische "Mocro-Mafia".<span class="copyright">Peter Dejong/AP/dpa</span>
Schwer bewaffnete Polizisten beim Prozess gegen niederländische "Mocro-Mafia".Peter Dejong/AP/dpa

Die jüngsten Gewaltexzesse in Nordrhein-Westfalen sprechen eine klare Sprache: Die berüchtigte niederländische Mocro Mafia hat längst auch Deutschland zu ihrem Spielplatz erkoren. Eine ZDF-Doku fragt zu Recht: Herrschen hier bald südamerikanische Zustände?

Ein Sprengstoff-Attentat, eine Entführung, zwei Folteropfer: Nein, das sind nicht die Nachrichten aus Südamerika, Nigeria oder dem Jemen. All das ist jüngst in Nordrhein-Westfalen passiert, in Köln, Engelskirchen und Duisburg. Mit einer Reihe brutaler Taten haben sich dort Mitglieder der berüchtigten Mocro Mafia nachhaltig Respekt verschafft – bei konkurrierenden Clans, aber auch bei Polizei und Politik. Kölns Chefermittler sprach von „einer neuen Dimension der Gewalt im Bereich der organisierten Kriminalität“.    

Neu? Bereits im Juni 2023 lief im ZDF eine Doku mit dem Titel „Drogen für Europa – Kokain-Mafia gegen Staat“ (abrufbar in der ZDF-Mediathek). Darin drehte sich alles um den Aufstieg und Siegeszug eben dieser Mocro Mafia in den Niederlanden und Belgien: ein Drogen-Kartell, gegründet von Niederländern mit marokkanischen Wurzeln, die unter den Augen der Ermittlungsbehörden groß wurde und inzwischen ganz Europa mit Kokain und anderen Drogen überschwemmt.

Mocro Mafia: Der Pate mit Migrationshintergrund

Im Zentrum der Mocro Mafia steht der in Marokko geborene Niederländer Ridouan Taghi, der bereits als 15-Jähriger als Kleinkrimineller aufgefallen war und später als Kokainschmuggler "Karriere" machte. 2019 wurde Taghi in Dubai festgenommen und im Februar 2024 im Rahmen des sogenannten Marengo-Prozesses zu lebenslanger Haft verurteilt. Noch aus dem Untersuchungsgefängnis heraus kontrolliert er das Geschäft.

Dass während des Prozesses unter anderem der Bruder und der Anwalt eines Kronzeugen sowie der niederländische Polizeireporter Peter de Vries ermordet wurden, geht wohl auch auf Taghis Konto. „Engel des Todes“ nennt ihn die internationale Presse. Ein Informant, der einst für die Mocro Mafia arbeitete, bezeichnet ihn in der Doku dagegen als „Monster“, als „Teufel“. Oder auch als „einen mächtigen Mann mit sehr viel Geld“.

Wo Teenager zu Killern werden

Die ZDF-Doku macht klar: Von einer „neuen Dimension der Gewalt“ kann hier kaum die Rede sein. Eher davon, dass die deutschen Behörden offenbar viel zu lange den Kopf in den Sand gesteckt und gehofft hatten, dass dieser mafiöse Tumor sein Wuchern auf die Niederlande und Belgien beschränkt und keine Metastasen in andere europäische Staaten hinein bildet. Ein naives Denken: Selbst wer nur „Narcos“ auf Netflix angeschaut hat, der weiß, dass Geld und Macht die Drogen der Mafia sind. Von beidem kann sie nie genug besitzen.

Etwa die Hälfte der Mandanten des niederländischen Anwalts Vito Shukrula kommt inzwischen aus den Reihen der Mocro Mafia. Keine schulische Bildung, kein Beruf, geringe Intelligenz: Das sind laut Shukrula die besten Voraussetzungen, um in das marokkanische Drogenkartell reinzurutschen. Die Kleinkriminellen werden dort zu Auftragskillern entwickelt: gestern noch Fahrräder geklaut, heute mit der Kalaschnikow unterwegs. Europas neue Kindersoldaten.

Das große Geschäft mit illegalen Drogen

Was die Doku auch aufzeigt: Wie hilflos europäische Behörden den neuen Drogenbossen gegenüberstehen. Gezeigt werden Ermittler, die Fahrzeuge verfolgen, Container durchsuchen und manchmal tonnenweise Kokain beschlagnahmen – wohl wissend, dass dies nur ein Bruchteil der Drogen ist, die tatsächlich im Umlauf sind. Der Hafen von Antwerpen sei durchlässig wie ein Sieb, konstatiert ein Ex-Drogenschmuggler, während er ungehindert bis zu einem Containerfrachter fährt, der womöglich nicht nur Holz aus Südamerika geliefert hat. In Antwerpen liegt der geschätzte Umsatz aus dem Kokainhandel inzwischen bei 50 Milliarden Euro – das entspricht zehn Prozent des belgischen Bruttoinlandsprodukts.

„Die Zeiten sind vorbei, in denen die organisierte Kriminalität versteckt operierte, glücklich leben und Geld verdienen wollte“, urteilt der belgische Bundesanwalt Frédéric Van Leeuw: „Sie schüren Angst und wollen mit Gewalt die Oberhand gewinnen – wie in Südamerika.“ Dass die Kartelle ihren Einfluss in Europa ausweiten müsse man  "wir unter allen Umständen verhindern“. Und Belgiens inzwischen zurückgetretener Justizminister Vincent Van Quickenborne warnt: „Setzen wir als Gesellschaft den Kriminellen nichts entgegen, haben wir bald südamerikanische Verhältnisse.“

Bald? In Nordrhein-Westfalen fühlt es sich in diesen Tagen so an, als sei Südamerika bereits ein Stadtteil von Köln oder Duisburg.