Kiew meldet massive Offensive in von Russland besetzter Region Cherson

Die ukrainische Armee setzt ihre Offensive zur Rückeroberung der von russischen Truppen besetzten Region Cherson nach eigenen Angaben massiv fort. In "fast dem gesamten Gebiet" der südukrainischen Region seien "schwere Kämpfe" mit "starken Explosionen" ausgebrochen, erklärte das Büro von Präsident Wolodymyr Selenskyj am Dienstag. Im Osten des Landes starben indes nach ukrainischen Angaben mehrere Menschen durch einen russischen Beschuss der Stadt Charkiw.

Zu der am Montag gestarteten Offensive in der Region Cherson hieß es aus Kiew, die ukrainischen Streitkräfte griffen die russischen Truppen "in unterschiedliche Richtungen" an. Dem Präsidentenbüro zufolge sind in der Region inzwischen "fast alle großen Brücken" zerstört worden, lediglich "Fußgängerübergänge" seien verblieben. Militärexperten hatten eine Zunahme des Kampfgeschehens im Süden der Ukraine vorausgesagt, da es im ostukrainischen Donbass für keine der beiden Seiten Fortschritte gibt - und sowohl Russland als auch die Ukraine daher versuchen, vor dem Wintereinbruch im Süden voranzukommen.

Das Südkommando der ukrainischen Armee schrieb am Dienstagmorgen in einer Mitteilung von einer "angespannten" Situation in seinem Einsatzgebiet. Russland habe die ukrainischen Stellungen fünf Mal attackiert, sei aber erfolglos geblieben. Bei "massiven" russischen Angriffen mit Luftabwehrraketen vom Typ S-300 auf die rund 60 Kilometer Luftlinie nordwestlich von Cherson gelegene Stadt Mykolajiw seien zwei Zivilisten getötet und 24 weitere verletzt worden.

Russlands Verteidigungsministerium hatte am Montag mitgeteilt, es habe der ukrainischen Armee in der Region um Cherson und Mykolajiw "schwerwiegende Verluste" zugefügt. Demnach hätten die ukrainischen Streitkräfte "in drei Richtungen" angegriffen, aber mehr als 560 Soldaten und 26 Panzer verloren.

Das britische Verteidigungsministerium erklärte in einer Sicherheitsmitteilung am Dienstag, der "Umfang des ukrainischen Vorstoßes" könne zwar nicht bestätigt werden. Die ukrainische Armee habe aber das "Artillerie-Feuer an Frontabschnitten in der ganzen Südukraine erhöht", um russische Versorgungslinien mit "Präzisionsschlagen mit hoher Reichweite" zu unterbrechen.

Die meisten der russischen Einheiten rund um Cherson seien "wahrscheinlich unterbesetzt" und auf "störungsanfällige Versorgungslinien" über Fähren und Pontonbrücken über den Fluss Dnipro angewiesen, hieß es weiter. Einem hochrangigen Bediensteten des US-Verteidigungsministeriums zufolge hat Moskau Schwierigkeiten dabei, neue Soldaten für den Kampf in der Ukraine zu rekrutieren. Viele der neuen Rekruten seien in fortgeschrittenem Alter, in schlechter Form und nur unzureichend ausgebildet.

Die Region Cherson mit ihrer gleichnamigen Hauptstadt am Ufer des Dnipro grenzt an die 2014 von Russland annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim. Als erste Großstadt der Ukraine war Cherson Anfang März kurz nach Beginn der russischen Invasion von der russischen Armee eingenommen worden. Die Region ist für die Landwirtschaft des Landes von zentraler Bedeutung und wegen ihrer Nähe zur Krim auch strategisch wichtig.

In den russisch besetzten Teilen Chersons und der benachbarten Region Saporischschja betreibt der Kreml eine Politik der Russifizierung mit Blick auf eine mögliche Annexion. Moskau hat dort den Rubel als Währung eingeführt und ermutigt die Bewohner, sich einen russischen Pass ausstellen zu lassen.

Im Osten des Landes wurden ukrainischen Angaben zufolge durch russischen Beschuss der zweitgrößten ukrainischen Stadt Charkiw am Dienstag mehrere Menschen getötet. Russland habe "die Innenstadtbezirke Charkiws unter Beschuss genommen", schrieb Regionalgouverneur Oleg Synegubow am Dienstag im Online-Dienst Telegram. Seinen Angaben zufolge wurden dabei vier Menschen getötet und vier weitere verletzt. Charkiws Bürgermeister Ihor Terechow schrieb auf Telegram von fünf Toten und sieben Verletzten.

Regionalgouverneur Synegubow forderte die Bewohner der Stadt auf, sich vorerst nur in Schutzräumen aufzuhalten. Charkiw steht seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine regelmäßig unter Beschuss.

se/jes