Ultra-orthodoxe Juden sprechen in TV-Doku über traumatisierendes Ehe-Ritual

Die Dokumentation gibt seltene Einblicke in das orthodoxe Judentum. 
 (Bild: ARTE/SWR/Avigail Sperber)
Die Dokumentation gibt seltene Einblicke in das orthodoxe Judentum. (Bild: ARTE/SWR/Avigail Sperber)

"Ich dachte, dass Babys durch den Nabel zur Welt kommen": Als 18-Jähriger heiratete Naftali eine nahezu fremde Frau. In einer ARTE-Dokumentation sprechen er und zahlreiche weitere ultra-orthodoxe Juden über ihre traumatischen Erfahrungen in der Hochzeitsnacht.

"Ich war knapp über 18, als ich sie kennengelernt habe. Am nächsten Tag gab es ein weiteres Treffen und noch am selben Abend haben wir uns verlobt", erinnert sich Naftali. Der 52-Jährige ist einer der zahlreichen Interviewpartner, die Filmemacherin Rachel Elitzur im Rahmen ihrer Dokumentation "Jüdische Hochzeitsnacht" (Dienstag, 18. Juni, 21.45 Uhr, bei ARTE und abrufbar in der ARTE Mediathek) getroffen hat. Elitzur, die selbst aus der ultra-orthodoxen jüdischen Community stammt, liefert seltene Einblicke in eine sonst nach außen abgeriegelte Gemeinschaft.

Einen nahezu Fremden zu ehelichen, ist für die meisten Menschen völlig undenkbar - im ultra-orthodoxen Judentum jedoch durchaus Praxis. Obwohl sich Braut und Bräutigam oft kaum kennen, erleben sie in der Hochzeitsnacht ihren ersten sexuellen Kontakt überhaupt. Über zwei Jahre hinweg interviewte die Autorin und Regisseurin mehrere Mitglieder der ultra-orthodoxen Gesellschaft, Männer wie Frauen, Alte wie Junge. Die Interviews sind das Herzstück des Films: Offen geben viele der Befragten Auskunft über ihre Sorgen, Hoffnungen und Erfahrungen vor, während und nach der Hochzeit.

So läuft eine "Jüdische Hochzeit": Während des ultra-orthodoxen Rituals ist die Braut verhüllt.
 (Bild: ARTE/SWR/Avigail Sperber)
So läuft eine "Jüdische Hochzeit": Während des ultra-orthodoxen Rituals ist die Braut verhüllt. (Bild: ARTE/SWR/Avigail Sperber)

"Er hat mir einfach ein Kissen aufs Gesicht gelegt, damit niemand die Schreie hört"

"Damals wusste ich noch nicht, was es heißt, jemanden zu heiraten mit allem drum und dran", gesteht Naftali im Film. "Ich wusste, dass man sich dann umarmt und nackt schläft und so. Ich dachte, dass Babys durch den Nabel zur Welt kommen." In der Tora-Schule habe er gelernt, dass "Frauen sich von Gefühlen leiten lassen und Männer vom Verstand". Aufgeklärt worden sei Naftali nicht: "Meine Hosentaschen wurden zugenäht, damit ich als Kind nicht die Hand in die Taschen stecken und rumspielen konnte." Er habe "überhaupt kein sexuelles Bewusstsein" gehabt, berichtet Naftali, sein Vater habe ihn vom Thema Sexualität gar "ferngehalten".

Die gesamte Dokumentation über bleiben die Protagonisten anonym. So kommen ehrliche und unverstellte Ansichten zu Geschlechtertrennung, Sexualität und Religion zum Vorschein. "Ich habe geheiratet, ohne genau zu wissen, was auf mich zukommt", erklärt auch Michal. Die 37-Jährige habe "nicht die geringste Ahnung" und "Panik vor dem eigentlichen Akt" gehabt: "Ich sagte: Wenn es nach mir geht, mach ich das nicht. Ich wusste nicht, dass man es auch genießen kann."

Die titelgebende Hochzeitsnacht erlebten die meisten Befragten im Film als belastend bis traumatisierend. "Irgendwann hab ich geschrieen, aber er wusste nicht, was er mit mir machen sollte. Er hat mir einfach ein Kissen aufs Gesicht gelegt, damit niemand die Schreie hört", erzählt eine der Betroffenen.

Vor der Hochzeit muss die Perücke der Braut vorbereitet werden. (Bild: ARTE/SWR/Avigail Sperber)
Vor der Hochzeit muss die Perücke der Braut vorbereitet werden. (Bild: ARTE/SWR/Avigail Sperber)

"Wenn ich daran denke, kommen mir die Tränen"

Auch ein männlicher Interviewpartner gibt an, die erste Nacht mit seiner Frau als verstörend empfunden zu haben: "Als würde es darum gehen, sie zu unterwerfen. Es hat sich wie eine Vergewaltigung angefühlt, auch für mich. Ich wollte es nicht tun, nicht gleich in der Hochzeitsnacht."

Er habe seine Partnerin "streicheln und berühren", ihr aber keine Schmerzen zufügen wollen. "Ich habe gemerkt, dass da was nicht stimmt. Ich kam mir vor, als würde ich auch mich selbst vergewaltigen. Ich musste mich dazu zwingen. Dann habe ich gesagt: Ich will nicht. Aber sie meinte: Du musst! Wenn ich daran denke, kommen mir die Tränen."

Auch Rachel Elitzur selbst machte derartige Erfahrungen. "Was das mit mir, meinem Herz und meinem Körper angerichtet hat, ist gravierend", sagt auch sie über ihre Hochzeitsnacht als junge Frau. "Ich konnte meine Not nicht in Worte fassen. Und ich kannte die lange Liste an ehelichen Pflichten. Ich kannte meinen Mann kaum und musste Dinge tun, ohne dafür bereit zu sein." Mittlerweile ist die Filmemacherin geschieden.