Umstrittene Erbin Verena Bahlsen rückt in die Konzernführung auf – die 28-Jährige im Porträt

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Verena Bahlsen
Verena Bahlsen

Nun also doch. Verena Bahlsen, die Tochter des Konzern-Patriarchen Werner M. Bahlsen, übernimmt in der gleichnamigen Keks-Dynastie einen von vier Plätzen in einem Interimsmanagement-Team. Denn Firmen-Chef Phil Rumbol verlässt nach nur knapp zwei Jahren das Unternehmen. Nähere Gründe seien nicht bekannt, berichtet das "Manager Magazin".

Im vergangenen Jahr war Verena Bahlsen (28) bereits auf den einflussreichen Posten als aktive Gesellschafterin aufgestiegen. Schon diese Funktion galt als Zugeständnis ihres Vaters, Werner M. Bahlsen (72). Der wollte nach Informationen von Business Insider in der Vergangenheit nicht, dass sie einen Fuß in die Führungsebene setzt. Mit dem Ausscheiden von Rumbol, der als erster Firmen-Chef nicht der Bahlsen-Familie entstammte, ist Verena Bahlsen zumindest übergangsweise einen Schritt näher an die Konzernspitze der Traditionsfirma gerückt. Ob sie sich dort langfristig halten kann, wird sich zeigen.

Aber wer ist die Erbin des Keks-Unternehmens, die auf Innovation, Kooperation mit Startups setzt? Wie und wo wurde sie ausgebildet, wofür steht sie ein? Kann sie das Traditionsunternehmen, das vor über 100 Jahren den berühmten Leibniz-Keks erfunden hat, in einen nachhaltigen Lebensmittelkonzern verwandeln?

Ausbildung und Nachhaltigkeit

Nach ihrem Abitur in Hannover hat Verena Bahlsen ein Studium der Kommunikation und des Management am Kings College London und in New York angefangen. Sie hat es aber nie beendet, weil sie es als „sinnbringender“ empfunden habe, sich mit Ernährung zu beschäftigen, wie sie in einem Interview mit dem "Hessischen Rundfunk" einmal sagte. „Das große Thema meiner Generation ist Zukunftssicherung", sagte sie weiter. Und: „Wie sorgen wir dafür, dass wir in 20, 30, 40 Jahren alle etwas Gutes zu essen haben und es dem Planeten gut geht?"

Bei dem Online Marketing Rockstars Festival in Hamburg wurde Bahlsen im vergangenen Jahr noch grundsätzlicher: "Wir haben ein Nahrungssystem, das nicht funktioniert. Das Ding wurde vor 100 Jahren erfunden, da haben wir angefangen, unsere Lebensmittel zu einem industrialisierten großen System zu bauen. Seitdem ist es gleich geblieben." Das System funktioniere nicht mehr, weil wir uns als Gesellschaft und als Welt verändert hätten. „Wir produzieren total viel Abfall, es schadet dem Planeten und richtig gesund ist es auch nicht für uns.“

Und darin wittert die Erbin eine enorme geschäftliche Chance. „Das größte Innovationsfeld ever“, nennt sie das. Wenn die Industrie anfinge, Konzepte vorzulegen, wie man bessere Verpackungen herstellt, Rohstoffe nachhaltiger gewinnt, wie man die vielen Menschen auf der Erde ernährt und bessere Nährwerte in die Lebensmittel kriegt — dann könne man das große Geld machen, sagt Bahlsen.

Erste Schritte als Unternehmerin

Es wundert also nicht, dass sie das Unternehmen „Hermann’s“ gegründet hat, eine hundertprozentige Tochter des Bahlsen-Konzerns. Ihr Startup ist Beratungsfirma und Restaurant zugleich. Letzteres befindet sich am hippen Rosenthaler Platz in Berlin-Mitte. Dort wird ausschließlich mit nachhaltig angebauten Bioprodukten gekocht, ohne dass dabei Abfall produziert wird.

Mit der Beratung will sie vor allem Marken im Lebensmittelbereich helfen, sich neu zu erfinden. Im Kern, so jedenfalls der Eindruck, wenn man die Selbstbeschreibung von Hermann’s auf der Homepage liest, will Bahlsen Unternehmen helfen, sich als nachhaltige Firma im Markt und im Bewusstsein der Kunden zu positionieren.

Verena Bahlsen wurden allerdings schon seit geraumer Zeit größere Ambitionen nachgesagt: Sie wolle das Ruder in dem Familien-Konzern übernehmen. Das ist ihr noch nicht ganz geglückt. Als aktive Gesellschafterin, die zuständig ist für die Bereiche der Innovation und Nachhaltigkeit, kommt sie ihrem möglichen Ziel aber einige Schritte näher. Das Unternehmen hat nämlich erstmals in seiner Geschichte einen externen Geschäftsführer bestellt, den Briten Phil Rumbol.

Der Skandal

An einem Mittwochvormittag im Mai im Jahr 2019 betritt Verena Bahlsen die Bühne in der Halle B8 der Hamburger Messe. Sie führt das Mikrofon an ihren Mund und braucht während ihrer knapp 19-minütigen Rede gerade einmal exakt 18 Sekunden, um ihre Aussichten auf die Thronfolge im 545 Millionen Euro schweren Keks-Unternehmen ihrer Familie zu gefährden. Verena Bahlsen ist bei dem Online Marketing Rockstars Festival (OMR), einem Event, das „internationale Stars des digitalen Marketings“ zusammenbringt, wie die Organisatoren auf ihrer Internetseite schreiben.

Die Erbin ist zu dem Zeitpunkt 26 Jahre alt und verfügt über wenig Führungserfahrung. Sie will nicht falsch verstanden werden: „Ich bin Kapitalistin. Mir gehört ein Viertel von Bahlsen und da freue ich mich auch drüber. Es soll mir auch weiterhin gehören. Ich will Geld verdienen und mir Segelyachten kaufen von meiner Dividende und so was“, sagt Bahlsen bei dem Auftritt.

In den Sozialen Netzwerken schlägt ihr Wut entgegen. Twitter-Nutzer werfen Bahlsen vor, dass sie sich ihren Reichtum nicht selbst erarbeitet habe, dass sie reich geboren worden sei. Außerdem habe sie wohl vergessen, dass ihr ererbter Reichtum eben auch zum Teil auf Zwangsarbeit aus der Zeit des Nationalsozialismus gründe.

Bahlsen wehrt sich und gibt der „Bild“ ein Interview. Folgender Satz fällt: „Bahlsen (das Unternehmen) hat sich nichts zuschulden kommen lassen.“ Zwangsarbeiter habe man entlohnt, wie die deutschen Mitarbeiter des Unternehmens, sagt die Erbin.

Wie sich wenig später herausstellte, ist an dieser Aussage alles falsch. (Hier die Story zur Bahlsen-Geschichte während der NS-Zeit).

Der versuchte Befreiungsschlag der Erbin wird zum Skandal. Bahlsen hat in dem Interview die Rolle des Unternehmens im Nationalsozialismus relativiert. Ein Image-Schaden vor Millionenpublikum.

Nach den Äußerungen seiner Tochter gibt der Patriarch Werner M. Bahlsen der „Bild am Sonntag“ ein großes Interview, in dem er die Einsetzung eines unabhängigen Expertengremiums ankündigt, das die NS-Vergangenheit von Bahlsen aufarbeiten soll. „Alles muss auf den Tisch“, sagt er. Ein wenig kehrt Werner M. Bahlsen damit auch die Scherben für seine Tochter Verena auf.

Wie es weitergeht

Mittlerweile hat sich der Staub gelegt. Verena Bahlsen bekommt jetzt ihre Chance, sich in dem Konzern zu beweisen.

Die Firma steht derweil vor großen Herausforderungen. Der Umsatz von Bahlsen fiel 2018 auf 545 Millionen Euro, die Renditen sind mager. 2017 schrumpfte der Gewinn nach Steuern auf zwei Prozent, berichtet das „Manager Magazin“.

Ein neues Image- und ein substantieller Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit könnte Bahlsen womöglich einen Wachstumsschub versetzen. Vielleicht würde aus dem traditionsreichen Unternehmen eines werden, das mit seiner Philosophie auch die jungen Generationen anspricht, die als Kunden immer relevanter werden. Die offene Frage ist allerdings, ob Verena Bahlsen es gelingt, ihre Überzeugungen im Unternehmen durchzusetzen. Und ob ihre Ideen überhaupt aufgehen. Die Firma Bahlsen braucht nach den Skandalen und dem Abschwung der vergangenen Jahre jedenfalls wieder gute Nachrichten.

Dieser Artikel erschien zuerst im März 2020 und wurde aktualisiert.

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