Umweltverbände fordern Trendumkehr beim Pestizideinsatz in Deutschland

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Traktor auf einem Feld in Hillesheim (AFP/INA FASSBENDER) (INA FASSBENDER)

Umweltverbände und die Heinrich-Böll-Stiftung kritisieren im aktuellen Pestizidatlas die vielfache Verwendung von Pestiziden in der Landwirtschaft und die sich daraus ergebenden Gesundheitsgefahren. Seit Jahrzehnten liege der Verkauf der Chemikalien in Deutschland "weitgehend unverändert hoch", schrieben die Organisationen in ihrem am Mittwoch vorgestellten Bericht. In Deutschland würden jährlich rund 30.000 Tonnen Pestizide verkauft. Sie fordern von der neuen Regierung eine "konsequente" Reduzierung und das Verbot besonders giftiger Pestizide.

Die Studienautoren warnen vor allem vor den gesundheitlichen Folgen des Pestizideinsatzes: An Luftmessstellen ließen sich Mittel nachweisen, die in Entfernungen von bis zu 1000 Kilometern ausgebracht worden waren. So fänden sich auch in Naturschutzgebieten Pestizide. Insbesondere Gewässer in der Nähe von landwirtschaftlich genutzten Flächen wiesen hohe Belastungen auf.

Auch Nahrungsmittel in Deutschland werden mit Pestiziden behandelt: Laut Pestizidatlas werden insbesondere Äpfel häufig gespritzt, zwischen 20 und 30 Mal pro Saison. Auch Wein, Hopfen und Kartoffeln gehören zu den häufig mit Pestiziden behandelten Anbaukulturen. "Wir brauchen dringend eine Trendumkehr", erklärte Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung.

Der Industrieverband Agrar (IVA) kritisierte den Bericht als "Zerrbild des Pflanzenschutzes in der Landwirtschaft". Mit Blick auf die Absatzmengen von Pestiziden sei zwar korrekt, dass sich diese "lange in einem Korridor von 30.000 bis 35.000 Tonnen jährlich" bewegten, erklärte der IVA. Seit 2017 sei der Verkauf jedoch zurückgegangen. 2020 lag die Absatzmenge bei 27.813 Tonnen, wie der Verband unter Berufung auf die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung erklärte. Dies liegt den Umweltverbänden zufolge aber vor allem am Wetter.

Zur Bewertung der Risiken verwies der Industrieverband auf den auf EU-Ebene einheitlich erhobenen Risikoindikator HRI 1. Seit 2012 sei dieser für Deutschland um etwa ein Drittel zurückgegangen. Dies spreche dafür, dass "die Reduktionsprogramme in Deutschland bereits auf einem guten Weg sind".

Auch Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) will den Einsatz von Pestiziden deutlich reduzieren, wie sie am Mittwoch dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) sagte. Dieses Ziel wolle die Regierung "gemeinsam mit den Landwirten erreichen". Dazu brauche es finanzielle Anreize und Änderungen im Ordnungsrecht. Im Zulassungsverfahren etwa müssten mögliche Umweltrisiken von Pestiziden gründlich geprüft werden.

Intakte Ökosysteme seien sowohl für die menschliche Gesundheit als auch für die Nahrungsmittelproduktion unverzichtbar, sagte Lemke. "Sind die Ökosysteme gestört, schadet das am Ende auch uns Menschen." Die Umweltministerin warnte auch vor einem Insektensterben durch den Pestizideinsatz. "Fehlen sie, gerät das ganze Ökosystem aus dem Takt".

fho/ilo

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