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Rafah im Gazastreifen im Gefecht: UN-Büro zeigt sich besorgt

Das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (Ocha) hat sich besorgt über die sich verschlechternde Lage im Süden des Gazastreifens geäußert. Der Überblick.

Das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten hat Befürchtungen über die sich verschlechternde Lage im Süden des Gazastreifens geäußert. Die Stadt Rafah an der Grenze zu Ägypten sei "ein Dampfkopftoch der Verzweiflung", hieß es. (Mohammed ABED)
Das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten hat Befürchtungen über die sich verschlechternde Lage im Süden des Gazastreifens geäußert. Die Stadt Rafah an der Grenze zu Ägypten sei "ein Dampfkopftoch der Verzweiflung", hieß es. (Mohammed ABED)

Die Stadt Rafah an der Grenze zu Ägypten sei "ein Dampfkochtopf der Verzweiflung und wir haben Angst vor dem, was als nächstes kommt", sagte Ocha-Sprecher Jens Laerke am Freitag in Genf. Viele Menschen seien von anderen Orten im Gazastreifen nach Rafah geflohen und lebten dort "in Behelfsunterkünften, Zelten oder unter freiem Himmel".

Laerke zeigte sich "schockiert" über Berichte über heftige Kämpfe nahe Krankenhäusern in der Stadt Chan Junis, auf die sich der israelische Militäreinsatz im Gazastreifen in den vergangenen Wochen konzentriert hat. Es gebe "keinen sicheren Ort" im Gazastreifen, sagte Laerke, "auch nicht in Rafah".

Der israelische Verteidigungsminister Joav Gallant hatte am Donnerstag angedeutet, Israel werde seinen Militäreinsatz im Gazastreifen auf Rafah ausweiten. Die Hamas-Einheiten in Rafah würden ebenso "aufgelöst" werden wie in Chan Junis, sagte Gallant bei einem Besuch israelischer Soldaten.

Militärische Lage im Gazastreifen. (Grafik: B. Bolte/P. Massow//R. Mühlenbruch, Redaktion: B. Schaller/A. Brühl)
Militärische Lage im Gazastreifen. (Grafik: B. Bolte/P. Massow//R. Mühlenbruch, Redaktion: B. Schaller/A. Brühl)

Richard Peeperkorn von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erläuterte, das einst rund 200.000 Einwohner zählende Rafah beherberge inzwischen mehr als die Hälfte der mehr als zwei Millionen Bewohner des Gazastreifen. "Rafah sollte nicht angegriffen werden", forderte er.

Da die Grenze nach Ägypten für die meisten Palästinenser verschlossen bleibt, haben sich die Straßen Rafahs mit tausenden Vertriebenen gefüllt. Die meisten von ihnen haben sich im Zentrum der Stadt versammelt oder im Westen. Sie meiden die östlichen Stadtränder an der Grenze zu Israel ebenso wie den Norden, der den Kämpfen in Chan Junis gefährlich nah ist.

Laerke sagte, es habe in den vergangenen Wochen "keinerlei Verbesserung der humanitären Situation" im Gazastreifen gegeben. Peeperkorn ergänzte, die WHO habe für Januar 15 Missionen in den Norden des Gazastreifens geplant, von denen aber nur drei realisiert worden seien. Im Süden waren es demnach vier von elf geplanten Missionen. Peeperkorn forderte humanitäre Korridore in dem Palästinensergebiet. Die Organisation sei besorgt wegen Unterernährung und einer drohenden Hungersnot im Gazastreifen, sagte Peeperkorn.

Zerstörte Agentur in Gaza: Belgien beruft Israels Botschafterin ein

Belgien hat nach der Zerstörung der Büros seiner Agentur für Entwicklungszusammenarbeit in Gaza die israelische Botschafterin einbestellt. Außenministerin Hadja Lahbib und Entwicklungsministerin Caroline Gennez verurteilten die Bombardierung der Büros in dem Treffen mit Botschafterin Idit Rosenzweig-Abu auf das Schärfste, wie das Außenministerium mitteilte. Die Zerstörung ziviler Infrastruktur sei absolut inakzeptabel und verstoße gegen das Völkerrecht. Eine offizielle Reaktion aus Israel lag zunächst nicht vor.

Die Büros befanden sich den Angaben zufolge in einem sechsstöckigen Gebäude in Gaza-Stadt, im nördlichen Gazastreifen. Nach bisherigen Erkenntnissen der belgischen Behörden wurde das Haus am Mittwoch bombardiert. Es hätten sich keine Mitarbeiter der Entwicklungsagentur Enabel darin aufgehalten.

(deutsch: Die Büros der belgischen Entwicklungsagentur Enabel in Gaza wurden bombardiert und zerstört. Angriffe auf zivile Gebäude sind inakzeptabel. Mit @carogennez rufen wir den israelischen Botschafter, um alles zu klären.)

Belgien fordere einen sofortigen Waffenstillstand aller Parteien, einen ständigen und ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe und die sofortige und bedingungslose Freilassung der Geiseln, hieß es weiter vom Außenministerium. «Belgien fordert auch die Wiederaufnahme des Friedensprozesses und der politischen Verhandlungen, die zu einer Zweistaatenlösung führen könnten, dem einzigen Ausweg aus diesem Konflikt.»

UN: Ein Drittel der Gebäude im Gazastreifen zerstört oder beschädigt

Im Gazastreifen ist nach einer Auswertung des UN-Satellitenzentrums (UNOSAT) innerhalb der vergangenen drei Monate nahezu jedes dritte Gebäude (rund 30 Prozent) zerstört oder beschädigt worden. UNOSAT legte heute seine zweite Auswertung vor. Dafür wertete das Zentrum Satellitenbilder vom 6. und 7. Januar aus und verglich sie mit Aufnahmen von Mai, September, Oktober und November 2023.

Nach Angaben von UNOSAT sind gut 22 000 Gebäude aller Art zerstört, gut 14 000 schwer und fast 33 000 leicht beschädigt worden. Betroffen seien fast 94 000 Wohneinheiten. Die US-Universitäten City University of New York und der Oregon State University hatten nach einem BBC-Bericht diese Woche deutlich höhere Zahlen genannt. Sie sprachen nach dem Bericht von 144 000 bis 175 000 zerstörten oder beschädigten Gebäuden.

(deutsch: Eine neue Analyse, die auf einem am 6. und 7. Januar aufgenommenen Satellitenbild basiert, zeigt, dass 30 % der Bauwerke im Gazastreifen beschädigt wurden.)

Im Vergleich zur ersten UNOSAT-Auswertung Ende November wurden neue Schäden vor allem in den Bezirken Gaza und Chan Junis dokumentiert. Dort seien seit dem 26. November gut 22 000 Gebäude zerstört oder beschädigt worden.

Hamas-Behörde: Zahl der Toten in Gaza steigt auf über 27 100

Die Zahl der im Gazastreifen getöteten Menschen ist seit Kriegsbeginn palästinensischen Angaben zufolge auf 27 131 gestiegen. Die Mehrheit von ihnen seien Frauen, Kinder oder Jugendliche gewesen, teilte die von der Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde mit. Demnach wurden 66 287 weitere Menschen verletzt. Allein in den vergangenen 24 Stunden seien 112 Palästinenser getötet und 148 verletzt worden.

Die Zahlen lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Die UN und andere Beobachter weisen aber darauf hin, dass sich die Angaben der Behörde in der Vergangenheit als insgesamt glaubwürdig herausgestellt hätten.

Video: Uno hält Gaza für "unbewohnbar"

ma/cp