Ungarn 1989: Die Wende aus Historiker-Sicht

Das Durchtrennen des Stacheldrahts übernahmen die Außenminister höchstselbst: Der Ungar Gyula Horn und der Österreicher Alois Mock öffneten Ende Juni 1989 symbolisch die Grenze zwischen ihren Ländern - ohne die politische Entwicklung in der Sowjetunion wäre das nicht möglich gewesen. Der Historiker Mark Kramer erläutert: „Geheimklauseln verpflichteten die Sowjetunion, die Staaten des Warschauer Pakts gegen Gefahren von innen zu verteidigen. Es war Teil eines Prozesses mehrerer Wochen, dass am 28. März 89 im sowjetischen Politbüro die geheime Entscheidung fiel, diese Zusage zurückzuziehen.“ Vor den Umwälzungen Ende der 80er Jahre waren 1947 in Ungarn zuletzt freie Wahlen abgehalten worden. „In Ungarn änderte es vieles, dass das Zentralkomitee der Sozialistischen Arbeiterpartei im Februar 89 nach langem Ringen freien Wahlen im folgenden Jahr zustimmte - anders als in Polen oder der Sowjetunion, wo die Wahlen im Jahr 1989 nur teilweise frei waren“, so der Geschichtswissenschaftler Ignác Romsics. Orbáns politische Laufbahn beginnt Die Umbettung des Leichnams des 1958 hingerichteten ehemaligen Regierungschefs Imre Nagy und anderer als Märtyrer gefeierter Personen gilt als einer der wichtigsten Augenblicke der ungarischen Wendezeit. Die Veranstaltung war zugleich der erste große politische Auftritt des heutigen Ministerpräsidenten. Der Künstler András Vágvölgyi B. war damals dabei: „Als Viktor Orbán seine berühmte Rede hielt, stand ich als Totenwache neben Imre Nagys Sarg. Hunderttausenden in die Augen zu blicken, während ich der Rede zuhörte, war das größte Ereignis meines Lebens. Ich sah, wie eine rote Linie über den Platz verlief. Es ging etwas zu Ende und etwas Anderes begann.“ Im Oktober 1989 war das Schicksal der Volksrepublik besiegelt. Die Mehrparteiendemokratie hielt in Ungarn Einzug. Mit der Wahl am 25. März 1990 endete dann endgültig die Herrschaft der bereits im Vorjahr umgewandelten Sozialistischen Arbeiterpartei. Die konservative Partei Ungarisches Demokratisches Forum ging als Sieger aus der Abstimmung hervor.