Ungewissheit und Angst vor giftigen Gasen: Leben auf La Palma ein Jahr nach dem Vulkanausbruch

Ein Jahr nach dem Vulkanausbruch auf Kanareninsel La Palma fällt es Leticia Sánchez schwer, optimistisch langfristig in die Zukunft zu schauen. Leticias Haus gehörte zu den Ersten, die von der Lava verschüttet wurden. "Im Moment geht es nur darum, von einem Tag auf den anderen zu leben, das ist alles."

Nachdem sie mehrere Monate bei Freunden gewohnt hatte, konnte Leticia im Mai in ein von der Regierung bereitgestelltes Fertighaus umziehen. Aber das Leben ihrer Familie hat sich radikal verändert.

Vor allem Tochter Ayna geht der Verlust des Hauses sehr zu Herzen. "Für mich war es, als wenn jemand gestorben sei. Mein Haus war mein Zuhause, das einzige, das ich hatte. Jetzt muss ich mir ein neues suchen."

Ein Leben aus dem Angeln gehoben

Leticia Sánchez arbeitet als Altenpflegehelferin, aber ihr Vertrag läuft im Dezember aus. Ihr Partner verlor seinen Job auf einer Bananenplantage, die von der Vulkanasche zerstört wurde. Jetzt arbeitet er für die Gemeindeverwaltung als Straßenkehrer, aber auch sein Vertrag läuft im Dezember aus.

Die Familie kann ein Jahr lang kostenlos in dem Haus mit drei Schlafzimmern wohnen. "Ich kann es immer noch nicht wahrhaben, sagt Leticia. "Ich glaube immer noch, dass ich eines Tages zurückkehren werde."

Von der Terrasse aus kann sie den Vulkan sehen, der ihr Leben aus den Angeln gehoben hat, und den Berghang, an dem einst ihr Haus stand. Aber sie vermeidet es, in diese Richtung zu schauen, sagt sie.

Nach Angaben der Regionalregierung wurden bislang nur fünf der 121 von der Regierung gekauften Fertighäuser an Menschen vergeben, die durch den Vulkan obdachlos geworden sind. Die meisten Vulkangeschädigten leben immer noch in Hotels oder bei Freunden und Verwandten. Der Wiederaufbau kommt zu langsam voran.

Asche verschluckte mehr als 1.000 Häuser

Juan Fernando Perez, der gehbehindert, musste einen Kredit aufnehmen, um ein bescheidenes Haus an seine Bedürfnisse anzupassen. Viel erwartet er nicht mehr von den Behörden. "Die Regierung, die Verwaltungen im Allgemeinen, zeichnen sich vor allem durch drei Dinge aus: Vergessen, Schweigen und Selbstgefälligkeit".

Einer der wenigen Gegenstände, den er mitnehmen konnten, als er aus seinem Haus floh, war ein Porträt der Jungfrau von Guadalupe, das nun in seiner neuen Küche hängt. Alles andere ist weg, einschließlich Martins wertvoller Sammlung von fast 6.000 Büchern. "Das kann ich nie wieder zurückholen."

Der Vulkan spuckte 85 Tage lang Feuer und Asche - mehr als eintausend Häuser wurden verschluckt. Die Regierung stellte mehr als 500 Millionen Euro Hilfsgelder zur Verfügung für Notunterkünfte, Wiederaufbau und zur Unterstützung der Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben.

Angst vor tödichen Gasen

Wie Eulalia Villaba, deren Leben sprichwörtlich in der Schwebe steht. Wohnung und Geschäft sind zwar unversehrt, liegen aber in der "verbotenen Zone". Die Gaskonzentration in dem Gebiet wird als zu gefährlich angesehen. Schilder mit Totenköpfen am Ortseingang warnen vor der Erstickungsgefahr.

"Wir dürfen nicht zu unseren Häusern und Geschäften in der Gegend von Puerto Nao und La Bombilla, weil die vulkanischen Gase an einigen Stellen tödlich sein sollen", sagt die 58-jährige Restaurantbesitzerin.

Obwohl der Ausbruch am ersten Weihnachtstag 2021 offiziell für beendet erklärt wurde, wird der Vulkan noch lange Zeit giftige Gase ausstoßen. Mehr als 1100 Menschen leben weiter im Ungewissen.