Unhygienische Läden - Hautpilzplage in Barbershops: Erste Spuren schon vor Jahren - was Sie wissen müssen

Die Zahl der Infektionen mit dem Hautpilz Trichophyton tonsurans ist in den letzten Monaten gestiegen.<span class="copyright">Getty Images/Image Source</span>
Die Zahl der Infektionen mit dem Hautpilz Trichophyton tonsurans ist in den letzten Monaten gestiegen.Getty Images/Image Source

Die Zahl der Infektionen mit dem Hautpilz Trichophyton tonsurans ist in den letzten Monaten gestiegen. Experten zufolge sind daran auch einige Barbershops schuld. Woran Sie unhygienische Läden erkennen und wie Sie die Pilzinfektion wieder loswerden.

Nach einem Besuch im Barbershop verspürt Kubilay plötzlich einen starken Juckreiz im Nacken. Gemeinsam mit seiner Frau Alexandra sucht er nach einem erkennbaren Grund dafür. Bis auf einen kleinen Pickel im Nacken finden sie nichts. Doch dann wächst der Übeltäter und rötet sich stark. Weitere Rötungen und teilweise verkrustete Flecken mit auffälligen Rändern kommen hinzu, vereinzelt bilden sich Bläschen.

„Es hat dann angefangen zu schuppen und dann haben wir uns gedacht: Da stimmt irgendwas nicht“, sagt der junge Mann im Gespräch mit „ ZDF “. Wenig später zeigt auch Alexandra ähnliche Symptome. Sie klagt ebenfalls über Juckreiz.

Auf Anraten von Alexandras Mutter, die als Krankenschwester arbeitet, gehen die beiden in die Universitätsklinik Erlangen. Dort untersucht Dermatologe Andreas Maronna das Ehepaar. Er entnimmt eine Haarprobe und legt eine Kultur an, um der Ursache auf die Spur zu kommen. Schnell ist klar: Kubilay und Alexandra haben Trichophyton tonsurans – einen Hautpilz.

Infektionen mit Hautpilz Trichophyton tonsurans: Das müssen Sie wissen

1. Infektionen nehmen immer weiter zu

Der Pilz, der wegen seines häufigen Auftretens in der Sportart Ringen auch „Ringer-Pilz“ genannt wird, ist seit Monaten auf dem Vormarsch. „Die letzten sechs bis neun Monate hat diese Pilzinfektion zugenommen“, sagt Dermatologe Maronna im Gespräch mit „ZDF“. „Das war früher eine Ausnahme in unserer Pilzdiagnostik.“ Mittlerweile sei die Zahl der Patienten fünf- bis zehnmal so hoch. Auch die Charité Berlin bestätigt auf Anfrage des „ Spiegel “ einen Anstieg der Infektionen mit diesem Hautpilz.

Dermatologe Martin Schaller der Uniklinik Tübingen erklärt im Gespräch mit dem „Spiegel“ sogar, dass Trichophyton tonsurans nach dem Fußpilz momentan der häufigste in der Klinik diagnostizierte Hautpilz sei. Er beobachte die Vermehrung des Pilzes schon seit mehreren Jahren. Wie viele Menschen in Deutschland davon betroffen sind, sei nicht bekannt. Die Fälle unterliegen keiner Meldungspflicht. Schallers Angaben zufolge sei Trichophyton tonsurans aber nicht nur in Deutschland verbreitet – er spricht von einer „europaweiten Pandemie“.

2. Experten vermuten Barbershops als Ursprung

Trichophyton tonsurans löst Ringelflechte aus und ist sehr ansteckend. Er wird über Kontakt weitergegeben und kann wochenlang auf Gegenständen überleben. „Er stirbt nicht einfach von allein ab“, sagt Schaller. Teilweise kann es bis zu zwei Wochen dauern, bis Betroffene Symptome zeigen. Das kann die Suche nach einer Ursache erschweren.

Experten vermuten hinter dem Anstieg der Fallzahlen jedoch einen konkreten Auslöser. „80 Prozent der Patienten waren in einem Barbershop, meist sind es Männer zwischen 15 und 35 Jahren“, sagt Schaller. Barbershops sind Läden, die sich ursprünglich nur Bartpflege und Rasur spezialisiert hatten. Heutzutage bieten die Geschäfte, die sich häufig durch eine vor der Tür drehende Barbierstange und dunkle Ledermöbel im Retrolook auszeichnen, auch Haarschnitte an – insbesondere für Männer. Wie Schaller berichtet, seien in seiner Klinik die Pilzpatienten fast schon an ihren Trendfrisuren wie High Fade oder Undercut, die die Barbershops typischerweise anbieten, zu erkennen.

Seinen Beobachtungen schließt sich auch Silke Hofmann, Direktorin des Zentrums für Dermatologie, Allergologie und Dermatochirurgie am Helios Universitätsklinikum Wuppertal, an. „Mit der enormen Verbreitung von Barbershops in den Großstädten ist es in den vergangenen Jahren zu einem starken Anstieg der Infektionen auf der Kopfhaut und im Bartbereich gekommen“, sagt sie zu „RP-Online“.

Der Grund laut den Experten: Oft sei die Hygiene in den Barbershops, die ihren Kunden wortwörtlich einen Pilzkopf verpassen, mangelhaft. Umhänge und Handtücher würden nicht gewechselt, Rasiermesser und Scherköpfe nicht ausreichend oder auch gar nicht desinfiziert. Das hätten auch Untersuchungen von Wissenschaftlern gezeigt. „Vor zwei Jahren haben Forscher der Uni Kiel die Sporen an Rasierklingen und in Schubladen in Barbershops nachweisen können“, berichtet Hofmann.

Ist das Frisierwerkzeug kontaminiert, könne der Pilz durch minimale, rasurbedingte Verletzungen in der Kopfhaut übertragen werden.

Friseurmeisterin äußert Unmut über Barbershops

Auch nach Ansicht der Friseurmeisterin Judith Warmuth steht der Anstieg der Pilzinfektionen mit den vielen neueröffneten Barbershops im Zusammenhang. Nach der Corona-Pandemie habe es einen regelrechten Boom gegeben, sagt sie zu „Spiegel“. Auch in Kleinstädten seien mittlerweile mehrere solcher Geschäfte zu finden.

Den Barbershops will sie ihre Existenzberechtigung nicht absprechen. Allerdings sieht sie ein Problem: Obwohl für die Eröffnung eines Friseursalons ein Meistertitel nötig sei, würden viele Barbershops diese Regelung umgehen. „Die Ausnahmebewilligungen sind gestiegen und mit ihnen die Möglichkeiten, einen Salon ohne Meisterbrief zu betreiben“, sagt Warmuth, Obermeisterin der Friseurhandwerksinnung Erlangen. Häufig würde ungelerntes Personal in den Läden arbeiten.

Das zeige sich auch an den Dumping-Preisen, mit denen die Salons locken. Um trotzdem rentabel zu sein, müssten diese Barbershops pro Tag viele Kunden abfertigen. Dabei bleibe die Reinigung der Arbeitsutensilien auf der Strecke.

Dermatologe Maronna warnt derweil davor, alle Geschäfte über einen Kamm zu scheren. „Grundsätzlich ist zu sagen, dass weiß Gott nicht jeder Barbershop zu verteufeln ist“, sagt er. Viele Barbershops würden hygienisch arbeiten. Trotzdem gebe es „das ein oder andere schwarze Schaf“, das zu einer aktuellen Vermehrung der Infektionen beiträgt.

Hofmann zufolge könnten Kunden theoretisch auch nach dem Besuch eines Friseursalons einen Hautpilz bekommen. „Aber dort arbeitet immer mindestens ein Friseurmeister mit entsprechender Ausbildung, in Barbershops arbeiten auch viele Unqualifizierte oder Ungelernte“, sagt die Dermatologin.

Tipps: Daran erkennen Kunden einen unhygienischen Barbershop

  • Kunden könnten potenziell unhygienische Läden an dem allgemeinen Sauberkeitszustand des Salons erkennen. Meistens gebe es schon einen „Ach du meine Güte“-Faktor, sagt Friseurmeisterin Warmuth.

  • Außerdem sei häufig wechselndes Personal kein gutes Zeichen. Zwar äußert sich die Friseurmeisterin nicht näher dazu, allerdings könnte dies auf schlechte Arbeitsbedingungen oder eine große Belegschaft mit vielen ungelernten Arbeitskräften hinweisen.

  • „Bin sofort ohne Termin rangekommen“, „war spontan ohne Termin kurz vor Ladenschluss da“, „auch ohne Termin keine langen Wartezeiten“ – was Kunden als Vorteil wahrnehmen, sollte tatsächlich misstrauisch machen. Das sei ein Indiz dafür, dass der Barbershop auf Durchlauf setze und möglich schnell arbeite.

Was Sie nach einer Infektion tun sollten

  • Fängt sich ein Kunde bei einem Barbershop-Besuch trotzdem einen Hautpilz ein und bemerkt Symptome, sollte er umgehend zum Arzt gehen. Schließlich heilt dieser nicht von alleine aus, sagt Dermatologe Andreas Maronna. Ohne Behandlung kann er sich weiter ausbreiten. Letztlich kann die Pilzinfektion die Haarwurzeln beeinträchtigen, sodass diese im Extremfall keine Haare mehr bilden. Die Folgen: kahle Stellen.

  • Außerdem sollten Betroffene den Barbershop über die Infektion informieren und, wenn der Laden keine Maßnahmen ergreift, das örtliche Gesundheitsamt verständigen.

  • Darüber hinaus sollten Personen mit Trichophyton tonsurans während der Behandlung Körperkontakt vermeiden, um andere nicht anzustecken. Auf die gemeinsame Verwendung von Kämmen, Bürsten, Rasierern, Handtüchern, Waschlappen sowie Spielgeräten sollten Sie als Betroffener verzichten. Das Waschen der Wäsche bei mindestens 60 Grad und mit Hygienewaschmittel ist ratsam, ebenso die Desinfektion von Rasierern und Scherköpfen.

Wie Hautpilz behandelt wird

Therapiert wird Trichophyton tonsurans normalerweise mit Anti-Pilz-Shampoos, die die Betroffenen zwei- bis dreimal pro Woche verwenden. Außerdem gibt es Cremes, die die Patienten auf haarlose Hautstellen auftragen können.

Eine Tablettentherapie zum Beispiel mit Terbinafin empfiehlt sich, wenn mehrere Hautbereiche betroffen sind. Hier muss jedoch auf mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten wie Antibiotika oder Beta-Blockern geachtet werden.

Auch Kubilay und Alexandra nehmen Tabletten ein, um die Pilzinfektion wieder loszuwerden. Nach sechs Wochen sind die betroffenen Hautstellen schließlich ausgeheilt. Kubilay geht nach wie vor zu seinem Barber, den er über den Hautpilz informiert hat. „Als ich ihn darauf angesprochen habe, hat er auch direkt vor meinen Augen alles desinfiziert“, sagt Kubilay. „Das hat mich beruhigt.“ Auch Alexandra ist damit einverstanden, dass ihr Mann weiterhin zum selben Barber geht – unter eben jener Voraussetzung, dass der Barber das Besteck gründlich vor Kubilays Augen desinfiziert.