Unicef sieht deutliche Mängel bei Situation junger Flüchtlinge

Studie: Kinderarmut durch Zuwanderung gestiegen

Das UN-Kinderhilfswerk Unicef sieht deutliche Mängel bei der Situation minderjähriger Flüchtlinge in Deutschland. Viele von ihnen seien zu lange in Unterkünften untergebracht, die keineswegs kindgerecht seien, sagte Unicef-Deutschland-Geschäftsführer Christian Schneider am Dienstag bei der Vorstellung einer Studie in Berlin. Insbesondere bei den Möglichkeiten, eine Schule zu besuchen, hapert es demnach.

Die Studie "Kindheit im Wartezustand" befasst sich mit der Situation der 350.000 Kinder und Jugendlichen, die in den vergangenen zwei Jahren in Begleitung ihrer Eltern nach Deutschland kamen. Ihr Leben sei von "Tristesse und langem Warten" geprägt, sagte Schneider. Sie seien dort häufig Zeugen von Gewalt und Auseinandersetzungen, auch die Minderjährigen selbst seien zu wenig vor Übergriffen geschützt.

Der Mangel an Wohnraum in Ballungszentren führt der Studie zufolge dazu, dass geflüchtete Familien oft für Monate oder Jahre in Not- oder Gemeinschaftsunterkünften leben müssen. Die Aufenthaltsdauer in Gemeinschaftsunterkünften gab ein Drittel der dort befragten Mitarbeiter mit einem bis drei Jahren an. Ein Drittel der befragten Mitarbeiter von Notunterkünften nannten eine dortige durchschnittliche Aufenthaltsdauer von sechs bis acht Monaten.

Auch in den Erstaufnahmeeinrichtungen ist demnach eine längere als die gesetzlich vorgesehene Höchstverweildauer von sechs Monaten keine Ausnahme. So verbrächten die jungen Flüchtlinge eine entscheidende Phase ihrer Kindheit in Unterkünften, die oft allein schon wegen ihrer baulichen Ausstattung nicht kindgerecht seien.

Familien mit Kindern sollten so kurz wie möglich in Gemeinschaftseinrichtungen untergebracht werden, sagte Schneider. "Der Ausnahmezustand darf nicht zur Normalität werden." In diesem Zusammenhang kritisierte er das Gesetzesvorhaben der Bundesregierung, die mögliche Verweildauer von Flüchtlingen ohne Bleibeperspektive in Erstaufnahmeeinrichtungen über die bisher geltenden sechs Monate hinaus zu verlängern.

Rund 22 Prozent der befragten Mitarbeiter gaben an, dass Kinder und Jugendliche in den Einrichtungen bereits Zeugen von Gewalt und Auseinandersetzungen geworden seien. Zehn Prozent der Mitarbeiter berichteten, Kinder seien selbst Opfer von Gewalt geworden. "Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein", hieß es in der Studie.

Ein Problem stellt der Studie zufolge auch der Schulbesuch dar: Während 89 Prozent der Befragten aus Gemeinschaftsunterkünften angaben, dass der Besuch der Regelschul- oder Willkommensklassen die vorrangige Art der Beschulung in ihrer Einrichtung sei, gab dies lediglich ein knappes Drittel (29 Prozent) der Befragten aus Erstaufnahmeeinrichtungen an.

Anstelle des regelmäßigen Schulbesuchs werden Kinder und Jugendliche in Erstaufnahmeeinrichtungen laut 47 Prozent der Befragten lediglich in der Einrichtung oder im Rahmen von Sprachkursen unterrichtet. Bei einem Fünftel der Befragten aus Erstaufnahmeeinrichtungen findet gar kein Unterricht statt. In vielen Bundesländern hängt die Schulpflicht davon ab, ob das Kind in einer Erstaufnahmeeinrichtung oder einer Einzelunterkunft lebt.

Die Grünen drängten angesichts der Studienergebnisse auf gesetzliche Korrekturen. Die Bundesregierung habe mit ihren Gesetzesverschärfungen der vergangenen Jahre die Lage für geflüchtete Kinder verschlimmert, erklärten die Abgeordneten Beate Walter-Rosenheimer und Franziska Brantner.

Mit Yahoo Nutzung stimmen Sie zu, dass Yahoo und Partner Cookies für Personalisierungs- und andere Zwecke nutzen