"Uns läuft die Zeit davon": Experten kritisieren fehlende Corona-Beschlüsse scharf

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Karl Lauterbach auf dem "SZ"-Wirtschaftsgipfel (Bild: Mathis Wienand/Getty Images)
Karl Lauterbach auf dem "SZ"-Wirtschaftsgipfel (Bild: Mathis Wienand/Getty Images)

Der Verzicht auf härtere Corona-Beschlüsse von Bund und Ländern hat unter Fachleuten scharfe Kritik ausgelöst.

“Es war eine verlorene Gelegenheit”, sagte SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach am Dienstag im Deutschlandfunk. Man verspiele mit dem Aufschub wertvolle Zeit. Die Beschlussvorlage sei vielversprechend gewesen, sagte der Epidemiologe. Davon sei nur leider das meiste nicht beschlossen worden. Die Ergebnisse seien weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

“Abwarten in einer Pandemie ist meistens keine gute Idee”

Auch die Virologin Isabella Eckerle von der Universität Genf hält es für riskant, weitere Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus zurückzustellen. “Ein zögerliches Vorgehen beziehungsweise ein Abwarten in einer Pandemie ist meistens keine gute Idee”, sagte Eckerle am späten Montagabend in den ARD-”Tagesthemen”. “Die Zahlen haben sich zwar verlangsamt, aber sie steigen immer noch an.”

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So lange die Entwicklung noch in die falsche Richtung gehe, sei klar, dass die Einschränkungen zumindest aufrechterhalten, wahrscheinlich aber verschärft werden müssten. “Wenn man die Infektionszahlen wirklich runter bekommen möchte, die Kliniken entlasten, in der Gesellschaft ein bisschen mehr Normalität haben möchte, dann wäre es besser gewesen, schon jetzt damit anzufangen”, betonte Eckerle. Sie verwies darauf, dass man die positiven Effekte von Einschränkungen erst mit Zeitverzögerung sehe. “Das ist sicher noch einmal ein bisschen Zeit, die man da verschenkt hat.”

Der Bundesverband der Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst dringt auf verpflichtende Regelungen. Mit Blick auf die Ergebnisse des Gipfels sagte die Verbandsvorsitzende Ute Teichert am Dienstagmorgen im Interview mit WDR2: “Den Gesundheitsämtern steht das Wasser bis zum Hals, wir schaffen es nicht mehr, die Kontaktpersonen nachzuverfolgen. Von daher wären einheitliche Beschlüsse für uns sehr hilfreich gewesen.”

Durcheinander verunsichert Bürger

Auch im Gespräch mit der “Rheinischen Post” wies Teichert auf den aus ihrer Sicht dringenden Handlungsbedarf hin: “Ich würde mir wünschen, dass es zu schnellen und einheitlichen Beschlüssen bei den Kontaktbeschränkungen kommt. Wenn Appelle nicht ausreichen, dann muss es einheitliche verpflichtende Regelungen zur Kontaktreduzierung geben. Uns läuft die Zeit davon”, sagte Teichert der Zeitung. Die Infizierten-Zahlen seien nach wie vor “deutlich zu hoch”, die Gesundheitsämter kämen nicht hinterher. “Eine flächendeckende Aufstockung des dortigen Fachpersonals hat es bislang auch noch nicht gegeben”, kritisierte Teichert. Auch für die Schulen hält die Medizinerin einheitliche Regeln “wie etwa eine allgemeine Maskenpflicht” für sinnvoll. “Die vielen unterschiedlichen Konzepte verunsichern die Menschen”, sagte sie.

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“Was soll denn ein einfacher Bürger noch denken, wenn sich diese Damen und Herren streiten und sich auf nichts Vernünftiges einigen können?”, fragte der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, am Dienstag im SWR. “Was wir dort erleben als Showdown von Eitelkeiten hilft niemandem.” Für das Gesundheitswesen sei es 5 vor 12. “Wir müssen vor allem Kontakte einschränken”, betonte Montgomery. Das lasse sich aber nicht erzwingen, vielmehr müsse die Bevölkerung mitziehen. Die Menschen seien aber nur zu überzeugen, wenn die Politik sich einig sei.

Kanzlerin Angela Merkel räumte ein, dass die mit den Ministerpräsidenten getroffenen Entscheidungen zur Corona-Krise aus ihrer Sicht teils zu langsam fielen. Das bedauere sie, auch weil es am Ende mehr Geld koste, sagte die CDU-Politikerin am Dienstag bei einer Konferenz der “Süddeutschen Zeitung”. Künftig müsse deshalb schneller gehandelt werden, sobald sich ein exponentielles Wachstum der Infektionszahlen ankündige - auch wenn die Intensivstationen noch nicht so stark belastet seien. “Ich werde weiter der ungeduldige Teil in dieser Sache sein”, versicherte die Kanzlerin. “Und ich freue mich über jede Unterstützung, die ich dabei bekomme.”

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