Was unserem Taktik-Experten auffiel - Nagelsmann zeigte bei EM einen Ansatz, der seine Kollegen verblassen lässt

Bundestrainer Julian Nagelsmann an der Seitenlinie beim Gruppenspiel gegen Ungarn (2:0) in Stuttgart<span class="copyright">Marvin Ibo Guengoer - GES Sportfoto/Getty Images</span>
Bundestrainer Julian Nagelsmann an der Seitenlinie beim Gruppenspiel gegen Ungarn (2:0) in StuttgartMarvin Ibo Guengoer - GES Sportfoto/Getty Images

Der Traum vom EM-Titel zu Hause ist ausgeträumt. Trotz der 1:2-Niederlage gegen Spanien war vieles bemerkenswert gut, was die deutsche Nationalmannschaft während des Turniers fabrizierte. Der Bundestrainer fiel durch mutige Entscheidungen auf - im Gegensatz zu manchem Kollegen.

Dass Emre Can im Viertelfinale gegen Spanien von Beginn an auf dem Rasen stehen würde, kann man mit Fug und Recht als Überraschung bezeichnen. Doch Bundestrainer Julian Nagelsmann wartete schon vorm Achtelfinalduell mit Dänemark mit personellen Veränderungen auf, als er David Raum und Leroy Sané in die Startelf beorderte.

Im abschließenden Gruppenspiel zuvor gegen die Schweiz nutzte Nagelsmann wiederum Maximilian Beier als Joker zum Zeitpunkt des Rückstandes.

Trotz des großen öffentlichen Drucks, bei einer Heim-EM abliefern und eine Blamage vermeiden zu müssen, vermied Nagelsmann nicht das Risiko, das mit solchen Entscheidungen einhergeht. Der Bundestrainer hatte ein festes Personalgerüst, an dem er nicht rüttelte.

Nagelsmann zeigte Mut, seine Kollegen zeigten das Gegenteil

Aber auf einzelnen Positionen wollte der 36-Jährige kreativ sein und gegebenenfalls entsprechend der taktischen Überlegungen auch sein Personal auswählen. Dass etwa Raum anstelle von Maximilian Mittelstädt gegen Dänemark erstmals beginnen durfte, hatte auch mit dem mehr auf Breite angelegten Offensivspiel der Deutschen gegen die Skandinavier zu tun. Raum ist ein dynamischerer Flügelläufer als Mittelstädt.

Besonders lobenswert ist Nagelsmanns Mut vor allem deshalb, weil einige seiner Kollegen bei dieser EM das genaue Gegenteil darstellen. Selbst Spaniens Cheftrainer Luis de la Fuente ging nach der 1:0-Führung gegen Deutschland am Freitagabend eher vorsichtig vor, indem er einen Offensivspieler nach dem anderen vom Feld nahm.

Andere Trainer, etwa Englands Gareth Southgate oder Portugals Roberto Martínez, fielen derweil mit ihrer konservativen Herangehensweise auf. Sowohl taktisch als auch personell trauten sich die beiden so gut wie nichts zu. Damit sind bzw. waren sie zwar erfolgreich, England steht im Halbfinale, Portugal scheiterte ganz knapp davor, aber begeistern konnten sie damit kaum.

Nagelsmann lebt Offensivgeist, auch als Bundestrainer

Doch für Mut und Ausprobierfreudigkeit steht Nagelsmann ohnehin. Seine Devise lautete schon in Hoffenheim, Leipzig und bei Bayern, dass er lieber eine gegnerische Torchance zu viel zuließ, wenn dafür mit seinem Team dynamischen und auch risikoreichen Offensivfußball zeigen konnte.

Das ist eher ungewöhnlich im Nationalmannschafts-Metier, wo viele Teams zunächst auf defensive Stabilität ausgerichtet sind.

Aber Nagelsmann bleibt sich und seiner Philosophie auch als Bundestrainer treu. Zugunsten kommt dem Oberbayern sicherlich, dass die Verantwortlichen des DFB voll und ganz hinter ihm stehen. Die Vertragsverlängerung vor der EM war dahingehend ein wichtiges Zeichen.

Doch manche Entscheidungen von Nagelsmann gingen auch nach hinten los

Trotzdem war natürlich nicht nur heile Welt beim DFB-Team während des Turniers. Manche personelle Maßnahme von Nagelsmann – beispielsweise die Hereinnahme von Can gegen Spanien – entpuppte sich als ein Fehlgriff, wenn wir es hart formulieren wollen. Auch Beier zündete gegen die Schweiz nicht.

Womöglich hätte Nagelsmann zugleich in mancher Partie nicht zu lange an Ilkay Gündogan festhalten dürfen. Auch die Entscheidung pro Manuel Neuer bleibt eine fragwürdige angesichts der stetigen Unsicherheiten des langjährigen Nationaltorhüters. Aber im Nachhinein ist man ohnehin immer klüger. So auch der Bundestrainer.